Lichter in der Welt – Vom Ringen mit den 7 Todsünden
- 31. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. März

Warum ich die verstaubte Kiste geöffnet habe
Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit den sieben Hauptlastern der Menschen waren die Gedanken ‚christlichen Werten‘ und die Feststellung, dass viele Menschen Christen nach wie vor zutrauen, sich gut und richtig zu verhalten.
Davon inspiriert habe ich die verstaubte Kiste mit den altmodischen und mit Vorurteilen beklebten Begriffen Todsünden und Tugenden geöffnet und mal etwas genauer hineingeschaut. Worte wie Wollust, Hochmut, Überdruss, Wohlwollen oder Keuschheit hatten auch auf mich tatsächlich zunächst keine große Strahlkraft.
Alte Worte – neue Begriffe
Aber so wie in meinen Schuhkartons mit Erinnerungsstücken, sind es nicht die Teile – in dem Fall Worte – an sich, die bewahrenswert sind, sondern die gesamte Fülle an Bedeutung, die darin steckt. So habe ich schnell festgestellt, dass die Laster und Tugenden heute kein bisschen an Aktualität eingebüßt haben. Nicht nur in religiösen Kreisen, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft wird vieles davon in unterschiedlichen Zusammenhängen thematisiert. Es werden nur mittlerweile andere Begriffe verwendet. So sprechen wir heute von Narzissmus statt Hochmut, Fress-Sucht statt Völlerei oder Null-Bock-Haltung statt Trägheit. Im Kern geht es jedoch um dieselben menschlichen Schwächen – und um denselben Wunsch nach einem guten, liebevollen Leben.
Die goldene Regel
Im Grunde passt über alles eine einzige goldene Regel, die in fast allen Kulturen unabhängig von Religion und Weltanschauung zu finden ist:
Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.
Einfach formuliert – und doch lebenslang eine Herausforderung. Sie verbindet zwei Dinge: Wahrnehmung unserer eigenen Bedürfnisse und den Blick für den anderen. Genau hier setzen die Tugenden und Laster an. Sie buchstabieren das mit unterschiedlichen Schwerpunkten durch.
Nicht Selbstoptimierung, sondern Einordnung
In unserer Gesellschaft geht es bei persönlicher Weiterentwicklung oft um ichbezogene Selbstoptimierung. Im Glauben geht es um etwas anderes:
Gläubige ordnen sich in ein Gefüge aus Gott, den Mitmenschen und sich selbst ein, verbunden durch Liebe: Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe. Wir können davon ausgehen, dass Gott trotz allen Fehlverhaltens immer an seiner Liebe zu jedem Menschen festhalten wird. Der Idealzustand wäre ein sündenfreies Leben, das würde Gott am meisten freuen, ist aber menschlich unerreichbar. Das ist auch gut so. Warum?
Als Christen wollen wir Gottes Liebe beantworten, indem wir ihm die Regie überlassen. Wir möchten leben, wie er es uns zeigt – so, wie Kinder ihren Eltern Freude machen wollen, einfach weil sie sie liebhaben. Ähnlich wie Kinder von ihren Eltern durch die Worte und das Vorleben lernen, welches Verhalten sie sich wünschen, ist für Christen Gottes Wort – die Bibel – und darin vor allem das Leben Jesu als Vorbild wegweisend.
Selbsterkenntnis statt Selbsterlösung
Wir Menschen haben aber natürliche Leidenschaften und Antriebe, die unter anderem in den sieben Todsünden näher beschrieben sind. Das gehört zur Schöpfung und ist kein Fehler der Menschen. Wir sind jedoch dafür verantwortlich, wie wir mit diesen Lastern umgehen. Keinem Menschen fällt es leicht, immer die Kontrolle über alle Regungen und Verlangen zu behalten. Dabei passieren zwangsläufig immer wieder Fehler, durch die wir uns oder unseren Mitmenschen Verletzungen zufügen. Entscheidend ist, dass wir die Bereitschaft haben, diese Schwachstellen und Fehler zu erkennen. Selbsterkenntnis ist ein mühsamer und demütigender Weg. Der Schmerz der Einsicht kann zum ehrfürchtigen Wunsch werden, Gott wirken und uns verändern zu lassen.
Gott bricht uns nicht, er formt uns.
So erhalten wir eine enorme Kraft für authentisches Wachstum. Läutern ist der Begriff, der dafür verwendet wird. Er bedeutet reinigen oder 'hell machen'. Wir werden Christus auf diese Weise immer ähnlicher.
Das Zitat ‚wirkt mit Furcht und Zittern euer Heil!‘ aus dem Philipperbrief, der am Anfang aller Überlegungen stand, kann man hier einordnen. Das daraus folgende Selbstbewusstsein – also sich seines wahrhaften Selbst bewusst zu sein – führt zu der Ruhe, der Heilung und der Freiheit, die Gott uns verspricht.
Von Angesicht zu Angesicht
In einem Brief an die Korinther schreibt Paulus, dass wir Gott einst von ‚Angesicht zu Angesicht‘ sehen werden. Angelehnt an den empfehlenswerten Roman von C.S. Lewis mit dem englischen Titel ‚Till We Have Faces‘ kann man die Frage formulieren:
Wie könnte Gott uns von Angesicht zu Angesicht begegnen, solange wir kein Angesicht haben?
Hinter jeder Fassade, hinter jeder Maske, hinter jeder Selbstdarstellung verbirgt sich ein leuchtendes Angesicht. Dieses Licht ist durch und durch gut und schön, weil es das Selbst ist, das Gott nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Es ist Gott in uns. Das ist es, was in dem Philipperbrief gemeint ist: ‚Kinder Gottes, ohne Makel, die als Lichter in der Welt leuchten.‘
Lichter in der Welt
Je mehr Dunkelheit es in der Welt gibt, desto heller leuchten die, durch die Gottes Licht sichtbar wird. Nicht als Blender oder um zu glänzen, sondern mit Strahlen, Anziehungskraft und Wärme.

Zur Reihe „Die 7 Todsünden“