Freut euch mit den Fröhlichen (Röm 12, 15)
- Saskia
- 23. März 2025
- 4 Min. Lesezeit

Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden! Seid untereinander eines Sinnes; strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig! Haltet euch nicht selbst für klug!
(Römer 12, 15-16)
Immer häufiger wird darüber berichtet, dass es einer beabsichtigten Strategie folge, wenn Nachrichten in überwältigender Geschwindigkeit und Menge veröffentlicht werden. "Flood the zone" wird die Methode genannt, die überfordern und ablenken soll. Mir geht es wie vielen anderen, die bei den Meldungen aus der Welt oft zwischen Betroffenheit, Fassungslosigkeit und Ohnmacht schwanken, ohne die Zeit zu haben, alles angemessen zu verarbeiten. Das Wissen, dass es Personen gibt, die genau das beabsichtigen, verhindert nicht, dass sich Verunsicherung, Misstrauen und Unruhe einschleichen. Es breitet sich eine unberechenbare Last aus, die vielen Menschen zu schaffen macht.
Zusätzlich zu dieser übergreifenden Trübung kommen viele verschiedene persönliche Schicksale und Erlebnisse, die man selbst oder die Menschen im Umfeld erleben. Der Freund, der seine Mutter beim Sterben begleitet, die psychisch erkrankte Nachbarin, die Freundin, die sich gerade von ihrem Mann trennt, die andere Freundin, die Gewalt erfährt und diesen Schritt nicht wagt. Das Kind, das sich nicht in die Schule traut, der Onkel, der nicht mehr weiß, welcher Monat gerade ist. Und natürlich die eigene Geschichte, die einen immer wieder einholt.
Viele Menschen möchten gerne helfen, irgendwas tun, damit es anderen besser geht. Aber es ist unvermeidlich: letztlich muss jeder seine Tränen selbst weinen. Worte und Gewissheiten, dass alles irgendwie zum Guten führen wird, holen vermutlich die wenigsten aus tiefen Krisen. Wahrhaftes Mitleid kann dennoch stärken. Zu wissen, dass jemand da ist und da bleibt, ohne Lösungsvorschläge zuhört, das Leid wahrnimmt und ernst nimmt, ist oft der größte Trost. In persönlichen Krisen ebenso wie in globalen Krisen kann niemand für jemand anders das Leid bewältigen. Gut gemeinte kluge Ratschläge oder Besserwisserei können sogar dazu führen, dass sich jemand noch schwächer fühlt.
In schwierigen Zeiten könnten die positiven Nachrichten aus unserem Umfeld zur Mitfreude anregen und alles etwas aufhellen. Wenn die Nachbarin erzählt, dass sie 15 kg abgenommen hat und einen Marathon gelaufen ist. Wenn die Freundin sich freut, dass ihr Kind ein Einser-Zeugnis nach Hause gebracht hat, oder die Cousine eine Verehrerin hat, die ihr zu jedem Treffen eine Blume mitbringt. Wenn die ehemalige Arbeitskollegin geerbt hat und nun in den sozialen Medien ihre Reisefotos teilt, oder der ledige Senior ohne Erben sich in seine Pflegerin verliebt und sie voll Dankbarkeit als Alleinerbin einsetzt. Wenn die Klassenelternsprecherin mit dem achten Kind schwanger ist. Wenn der frühere Friseur seine Berufung im Predigtdienst bei den Zeugen Jehovas gefunden hat. Aber freuen wir uns tatsächlich aufrichtig mit und gönnen anderen ihre Freude?
In eigenen freudigen Momenten sagen Menschen manchmal: "Jetzt möchte ich die Zeit anhalten." Der Augenblick der Freude soll bleiben, es soll sich nichts verändern. Vielleicht ist das ein wesentliches Merkmal von Freude: man möchte nichts ändern, es ist gut genau so wie es gerade ist. Ein Sonnenaufgang, ein blühendes Klatschmohnfeld, eine Umarmung bei einem Wiedersehen nach langer Zeit oder ein tiefer Blick in liebende Augen. Mit ehrfürchtigem Staunen und Dankbarkeit kann man viele Momente erleben, in denen das Herz sich öffnet und Fröhlichkeit in einem aufsteigt. Fröhlich bedeutet dabei nicht albern, lustig oder ausgelassen. Fröhlichkeit meint vielmehr eine tiefe Zufriedenheit und positive Stimmung, eng verwandt mit dem Begriff 'froh', der für Christen eine wesentliche Bedeutung hat: Evangelium heißt 'Frohe Botschaft', die Gott durch Jesus an die Menschen richtet. Wird diese tiefe Fröhlichkeit vielleicht auch dadurch ermöglicht, dass dem Menschen bewusst ist, dass er diesen Moment gar nicht verändern kann? Dass die Freude des Augenblicks ein Geschenk ist, nicht vom Menschen alleine reproduzierbar?
"Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden! (...) Haltet euch nicht selbst für klug!", rät der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer. Das beinhaltet, Dinge zu sehen und zu akzeptieren, wie sie sind, ohne das ICH als Referenzpunkt zu setzen. Wahrnehmen, ernst nehmen und aufrichtig mitfühlen, ob Freude oder Leid. Das ist oft gar nicht so einfach.
In diesem zwölften Kapitel des Römerbriefes ist mir außerdem das Wort 'lassen' aufgefallen: "lasst euch verwandeln", "lasst nicht nach in eurem Eifer", "lasst euch vom Geist entflammen", "lasst Raum", "lass dich nicht vom Bösen besiegen" usw. Das Wort ist für mich beachtenswert, weil es so vielfältig ist. 'Etwas lassen' kann zum Beispiel bedeuten, es nicht verändern zu wollen ("ich lasse das Bild so"). Es kann auch bedeuten, mit etwas aufzuhören ("Lass das!"). Eine Erlaubnis kann ausgedrückt werden ("ich lasse mein Kind heute länger aufbleiben") oder auch ein aktives Tun ("ich lasse das ändern"). Jemandem etwas geben ("ich lasse dir das Buch") oder jemanden/etwas nicht mitnehmen ("ich lasse das zurück"). Paulus meint es überwiegend als passives Zu-lassen ("lasst euch..."), das in diesem Sinn untrennbar mit der Aufforderung verbunden ist, Gott zu vertrauen. Folge des Vertrauens kann Gelassenheit sein.
Eine Balance - wie in diesem einen kleinen Wort vereint - zwischen Aktivität, Passivität und Vertrauen ist vielleicht eine gute Möglichkeit, der aktuellen globalen Situation zu begegnen, wenn sie einen zu überfordern droht: aktiv für andere da sein und zuhören, nicht im Stich lassen, ohne Vorurteile und Besserwisserei aufrichtig mit-freuen und mit-leiden (Nächstenliebe), dabei die eigenen Grenzen beachten, Überflutung und Verwirrung nicht zulassen und die eigene Bedürftigkeit ernstnehmen (Selbstliebe), gleichzeitig Gottes Wirken vertrauen und ihm die Regie überlassen (Gottesliebe). Es ist immer wieder einen Versuch wert.




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