Freut euch mit den Fröhlichen – Mitfühlen in überfordernden Zeiten
- 23. März 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. März

Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden! Seid untereinander eines Sinnes; strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig! Haltet euch nicht selbst für klug!
(Römer 12,15–16)
Nachrichtenflut und innere Unruhe
Immer häufiger wird beschrieben, dass es Strategie sein kann, Nachrichten in überwältigender Geschwindigkeit und Menge zu veröffentlichen. „Flood the zone“ nennt sich diese Methode, die überfordern und ablenken soll. Auch ich schwanke bei den Meldungen aus der Welt zwischen Betroffenheit, Fassungslosigkeit und Ohnmacht – ohne Zeit, alles zu verarbeiten. Das Wissen, dass Akteure genau das beabsichtigen, verhindert nicht, dass sich Verunsicherung, Misstrauen und Unruhe einschleichen. Es breitet sich eine unberechenbare Last aus, die vielen Menschen zu schaffen macht.
Wenn Leid uns umgibt
Neben den globalen Krisen stehen die persönlichen Geschichten: der Freund am Sterbebett seiner Mutter, die psychisch erkrankte Nachbarin, das Kind, das sich nicht in die Schule traut, der Onkel, der sich nicht mehr an seinen Namen erinnert. Und natürlich die eigene Geschichte.
Niemand kann für den anderen weinen
Viele Menschen möchten gerne helfen, irgendwas tun, damit es anderen besser geht. Aber es ist unvermeidlich: letztlich muss jeder seine Tränen selbst weinen. Worte und Gewissheiten, dass alles irgendwie zum Guten führen wird, holen vermutlich die wenigsten aus tiefen Krisen. Wahrhaftes Mitleid kann dennoch tragen. Da sein. Zuhören. Ernst nehmen. Bleiben. Gut gemeinte kluge Ratschläge oder Besserwisserei stärken dagegen nicht.
Können wir uns wirklich mitfreuen?
In schwierigen Zeiten könnten die positiven Nachrichten aus unserem Umfeld zur Mitfreude anregen und alles etwas aufhellen. Wenn die Nachbarin erzählt, dass sie 15 kg abgenommen hat und einen Marathon gelaufen ist. Wenn die Freundin sich freut, dass ihr Kind ein Einser-Zeugnis nach Hause gebracht hat. Wenn die Cousine eine Verehrerin hat, die ihr zu jedem Treffen eine Blume mitbringt. Wenn die ehemalige Arbeitskollegin geerbt hat und nun in den sozialen Medien ihre Reisefotos teilt. Wenn der ledige Senior sich in seine Pflegerin verliebt und sie voll Dankbarkeit als Alleinerbin einsetzt. Wenn der frühere Friseur seine Berufung im Predigtdienst bei den Zeugen Jehovas gefunden hat. Aber freuen wir uns tatsächlich aufrichtig mit und gönnen anderen ihre Freude?
Freude – mehr als gute Laune
In eigenen freudigen Momenten sagen Menschen manchmal: „Jetzt möchte ich die Zeit anhalten.“ Der Augenblick der Freude soll bleiben, es soll sich nichts verändern. Vielleicht ist das ein wesentliches Merkmal von Freude: man möchte nichts ändern, es ist gut genau so wie es gerade ist. Ein Sonnenaufgang, ein blühendes Klatschmohnfeld, eine Umarmung bei einem Wiedersehen nach langer Zeit oder ein tiefer Blick in liebende Augen. Mit ehrfürchtigem Staunen und Dankbarkeit kann man viele Momente erleben, in denen das Herz sich öffnet und Fröhlichkeit in einem aufsteigt. Fröhlich meint nicht albern oder ausgelassen. Es meint eine tiefe, stille Zufriedenheit – eng verwandt mit dem Begriff froh, der für Christen eine wesentliche Bedeutung hat: Evangelium heißt Frohe Botschaft. Wird diese tiefe Fröhlichkeit vielleicht auch dadurch ermöglicht, dass dem Menschen bewusst ist, dass er diesen Moment gar nicht verändern kann? Dass die Freude des Augenblicks ein Geschenk ist, nicht vom Menschen alleine reproduzierbar?
„Lasst euch ...“ – Ein kleines Wort mit großer Bedeutung
„Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden! (...) Haltet euch nicht selbst für klug!“, rät der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer. Das beinhaltet, Dinge zu sehen und zu akzeptieren, wie sie sind, ohne das ICH als Referenzpunkt zu setzen. Wahrnehmen, ernst nehmen und aufrichtig mitfühlen, ob Freude oder Leid. Das ist oft gar nicht so einfach.
Im zwölften Kapitel des Römerbriefes fällt ein Wort besonders auf:
„lasst“.
„Lasst euch verwandeln.“
„Lasst nicht nach.“
„Lasst Raum.“
Das Wort ist für mich beachtenswert, weil es so vielfältig ist. Etwas zu lassen kann zum Beispiel bedeuten, es nicht verändern zu wollen („ich lasse das Bild so“). Es kann auch bedeuten, mit etwas aufzuhören („Lass das!“). Eine Erlaubnis kann ausgedrückt werden („ich lasse mein Kind heute länger aufbleiben“) oder auch ein aktives Tun („ich lasse das ändern“). Jemandem etwas geben („ich lasse dir das Buch“) oder etwas nicht mitnehmen („ich lasse das zurück“).
Paulus meint es überwiegend als passives Zu-lassen („lasst euch ...“), das in diesem Sinn untrennbar mit der Aufforderung verbunden ist, Gott zu vertrauen. Folge des Vertrauens kann Gelassenheit sein.
Balance aus Aktivität und Vertrauen
Eine Balance – wie in diesem einen kleinen Wort vereint – zwischen Aktivität, Passivität und Vertrauen ist vielleicht eine gute Möglichkeit, der aktuellen globalen Situation zu begegnen, wenn sie einen zu überfordern droht:
aktiv für andere da sein und zuhören, nicht im Stich lassen, ohne Vorurteile und Besserwisserei aufrichtig mit-freuen und mit-leiden (Nächstenliebe)
dabei die eigenen Grenzen beachten, Überflutung und Verwirrung nicht zulassen und die eigene Bedürftigkeit ernst nehmen (Selbstliebe)
gleichzeitig Gottes Wirken vertrauen und ihm die Regie überlassen (Gottesliebe).
Es ist immer wieder einen Versuch wert.




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