Das Wollen und das Vollbringen (Phil 2, 13) - Die 7 Todsünden
- Saskia
- 5. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 31. Okt. 2025

Wirkt mit Furcht und Zittern euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt zu seinem Wohlgefallen. Tut alles ohne Murren und Bedenken, damit ihr rein und ohne Tadel seid, Kinder Gottes ohne Makel mitten in einer verkehrten und verwirrten Generation, unter der ihr als Lichter in der Welt leuchtet!
(Philipper 2, 12 - 15)
Fragt man Menschen, warum sie ihre Kinder in katholische oder evangelische Kitas schicken, Angehörige in christlichen Pflegeheimen betreuen lassen oder selbst Kliniken in kirchlicher Trägerschaft wählen – obwohl sie sich nicht als gläubig bezeichnen –, hört man oft ein Stichwort: die Werte. Bei allem Naserümpfen über die Kirchen scheint dieses eine Licht beständig zu leuchten: Menschen haben eine Vorstellung davon, wie Christen mit anderen umgehen, wie sie sich verhalten und was sie anderen vermitteln können. Nächstenliebe, Fürsorge, ein wohlwollender Blick für den Einzelnen, Nachsicht, Rücksichtnahme, Ehrlichkeit – das wünschen sich Menschen im Umgang mit Schwächeren, ihren Kindern, Alten und Kranken. Und es wird den kirchlichen Einrichtungen zugetraut, dass dies dort gelebte Realität ist.
Während andere Unternehmen Agenturen engagieren und viel Geld investieren, um Unternehmeswerte, auch Core Values genannt, als Leitbild zu definieren, scheint es beim zweitgrößten Arbeitgeber Deutschlands, der Kirche, grundsätzlich gegeben zu sein, welche Leitsätze für alle Mitarbeitenden gelten: du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst ehren, du sollst nicht lügen, du sollst nicht begehren. Soweit bekommen vermutlich die meisten einen Teil der zehn Gebote noch zusammen und können beruhigt innerlich nicken: ja, daran halte ich mich.
Hinter den Handlungen stehen die Haltungen und Beweggründe, die das Tun bestimmen. Die Grundhaltungen sind enger mit der Persönlichkeit verwoben, wahrhaftiger, aber nicht unveränderbar. In der Vergangenheit sprach man von Tugenden und dem Streben nach Tugendhaftigkeit. Das sind Begriffe, die heute selbst innerhalb der Kirchen kaum noch ausgesprochen werden, weil sie verstaubt wirken und nicht geeignet scheinen, um die Menschen der individualistischen Gesellschaft zu erreichen. Dabei sind die klassischen Tugenden – Glaube, Liebe, Hoffnung, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung – heute genauso aktuell wie früher.
Eine feste Liste von ‚christlichen Werten‘, auf die sich alle Kirchen einigen könnten, gibt es nicht. Dafür sind die Schwerpunkte und Vorstellungen innerhalb der Kirchen einfach zu verschieden. In der Bibel sind neben den zehn Geboten, den Inhalten der Bergpredigt, dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe unter anderem noch die Früchte des Heiligen Geistes als erstrebenswert genannt: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit und Keuschheit. Das klingt alles schön – und vielleicht nickst du jetzt auch wieder innerlich: ja, das passt schon bei mir.
Sind wir Christen dann alle Kinder Gottes ohne Makel, rein und ohne Tadel, wie Paulus es im oben zitierten Brief an die Philipper fordert? Wirken wir mit Furcht und Zittern, damit Gott unser Wollen und Vollbringen, also die Beweggründe und das Tun, bestimmen kann? Da vermute ich kein allgemeines Nicken mehr.
In der katholischen Kirche stehen seit Jahrhunderten die sieben Tugenden Demut, Großzügigkeit, Keuschheit, Sanftmut, Mäßigkeit, Wohlwollen und Eifer den sieben Hauptlastern gegenüber. Diese Laster werden oft die 'sieben Todsünden' genannt. Eigentlich sind sie aber vielmehr die Grundmuster, die in jedem von uns stecken, und Auslöser von menschlichem Fehlverhalten sein können. Aus diesen Eigenschaften oder Haltungen können Todsünden entstehen. Es sind:
Anstatt mir selbstzufrieden zu sagen: ‚Na gut, die zehn Gebote halte ich ein und Tugenden habe ich auch‘, möchte ich genauer hinschauen. In den nächsten sieben Artikeln nehme ich mir jeweils eine Todsünde vor – und frage: Welche Rolle spielt sie heute? Und wie betrifft sie mein eigenes Leben? Was bleibt danach noch von meiner vermeintlichen Tugendhaftigkeit übrig? Erschließt sich danach vielleicht die Bedeutung von 'Wirken mit Furcht und Zittern'?
Meine Vorstellung folgt dabei aber nicht den Drohpredigten von den Kanzeln in den vergangenen Jahrhunderten, die den Gläubigen zu den Todsünden auch gleich ihre Höllenstrafen vor Augen führten. Mein Bild im Kopf ist das der kleinen Räubertochter Ronja aus der Geschichte von Astrid Lindgren. Als sie mit elf Jahren erstmals alleine von der Räuberburg in den Wald aufbricht, ruft ihr Vater ihr warnend hinterher: Hüte dich vor den Graugnomen und den Wilddruden, vor den Borka-Räubern, dem Wasserfall und dem Höllenschlund! Ronja fragt: Woher soll ich wissen, wer die Wilddruden, die Graugnomen und die Borka-Räuber sind? "Das merkst du schon", antwortet der Vater. "Na, dann", sagt Ronja gelassen. Nach den ersten Abenteuern und Begegnungen mit den Gefahren im Wald stellt Ronja fest: Ich habe mich bereits vor den Graugnomen, den Wilddruden und dem Wasserfall in Acht genommen, jetzt muss ich mich vor dem Höllenschlund in Acht nehmen. Und so macht sie sich auf den Weg zum Höllenschlund.
Ronja geht zu den Gefahren hin, um sie kennenzulernen, zu lernen, mit ihnen umzugehen und sich danach mit Respekt, aber ohne Angst mitten unter ihnen im Wald zu bewegen.




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