Wunderbar sind deine Werke (Ps 139, 14)
- Saskia
- 25. Sept. 2024
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Dez. 2024
Du selbst hast mein Innerstes geschaffen,
hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter.
Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin.
Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.
Dir waren meine Glieder nicht verborgen,
als ich gemacht wurde im Verborgenen, gewirkt in den Tiefen der Erde.
Als ich noch gestaltlos war, sahen mich bereits deine Augen.
In deinem Buch sind sie alle verzeichnet: die Tage, die schon geformt waren,
als noch keiner von ihnen da war.
(Psalm 139, 13-16)

Gott ist der Schöpfer des Himmels und der Erde. Gott hat die Ozeane und Berge geschaffen, die Farben der Sonnenaufgänge, den Duft der Blumen und den Instinkt der Tiere. Die Natur als genial aufeinander abgestimmtes System. Eine unfassbare Vielfalt an Pflanzen und Tieren auf dem Land und unter Wasser. Den Menschen als einziges Lebewesen, das über all das staunen kann. Und Dich!
Dass Gott jeden Menschen einzigartig geschaffen hat, ob dick oder dünn, ob groß oder klein, lernen schon die Kleinsten im Kindergottesdienst. Der Psalmist dankt Gott jedoch nicht für sein Aussehen, sondern für das Schaffen seines staunenswerten Innersten. Gottes Augen sahen ihn, bevor er Gestalt annahm, die Tage waren geformt, bevor sie da waren. Gott hatte vor allem Anfang eine Idee für das Leben dieses Menschen (der Psalm wird König David zugeschrieben).
Gottes Auge ist nicht vergleichbar mit unserer visuellen Wahrnehmung. Gottes Sehen ist ein umfassendes Wissen über jeden Aspekt des Lebens einer Person einschließlich Herz und Seele.
Als Jesus seine Jünger auserwählte, hatte er nicht nur ihre Gegenwart im Blick als Fischer oder Zöllner und auch nicht ihre Vergangenheit mit allen guten und schlechten Taten. Jesus hat in ihnen gesehen, was aus ihnen werden kann, wenn sie ihm nachfolgen und sich auf sein Wirken einlassen. Schon als er Simon von seinem Fischerboot rief, sah er in ihm Petrus, den Gründer der Kirche. Schon als er Matthäus aus seinem Zöllnerhäuschen rief, sah er in ihm den Evangelisten, der seine Bergpredigt aufschreiben und so für Jahrtausende überliefern würde.
Es ist spannend, wenn man sich auf die Suche danach begibt, was Gott für eine Idee mit dem eigenen Leben hatte.
Hinterfragt man das eigene Verhalten, seine Prioritäten, Reaktionen auf andere Menschen und die eigene (Un-)Ehrlichkeit, kann das zu schmerzhaften Eingeständnissen führen. Erfülle ich als Marionette die Erwartungen und Wünsche anderer? Verstelle ich mich, um anerkannt zu sein? Trage ich eine Maske, weil ich Angst habe, dass mein Gesicht nicht gefällt? Bin ich ein Darsteller und brauche den Applaus? Passt mein Verhalten zu meinen Worten? Verfolge ich das Ziel eines anderen? Wem oder was diene ich?
Um Schicht für Schicht seinem Kern näher zu kommen, nützen weitere Fragen: Was konnte ich schon immer richtig gut? Was zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben? Aus welchem Grund suchen Menschen bei mir Hilfe? Bei welchem Thema spüre ich im ganzen Körper meine Begeisterung und kann mit dieser andere anstecken? In was kann ich mich so richtig verlieren, so dass ich die Zeit vergesse? Was in mir ist einmalig staunenswert und wunderbar? Was ist meine tiefste Sehnsucht?
Es braucht Mut und Zeit, loszulassen, was man nicht mehr in seinem Leben haben möchte, um dem Menschen näher zu kommen, als den Gott einen gedacht hat. Mit der eigenen Authentizität und Wahrhaftigkeit wachsen gleichzeitig die Freiheit und die Verbundenheit mit sich selbst und dem Schöpfer. Es wird immer schwieriger, dann noch Entscheidungen zu treffen, die nicht in Einklang mit der inneren Wegweisung stehen. Auch Manipulation, Lügen und Falschheit verschwinden so von selbst aus dem Leben.
Das kann ein Weg sein, um in die eigene von Gott geschenkte Persönlichkeit zu finden.
Martin Buber schreibt:
Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: In der kommenden Welt muss ich mich nicht verantworten, dass ich nicht Mose gewesen bin; ich muss mich verantworten, dass ich nicht Sussja gewesen bin.
(aus: Hundert chassidische Geschichten)


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