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ACEDIA (Trägheit, Gleichgültigkeit) – Die 7 Todsünden

  • Saskia
  • 29. Okt. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Nov. 2025

Skizze Gesicht Acedia Trägheit Gleichgültigkeit

Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung, sofern jener nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.


Möglicherweise ist die Erinnerung an den Physikunterricht und das Trägheitsgesetz von Newton schon etwas verblasst. Die klassischen Beispiele helfen bestimmt auf die Sprünge: Ein Fußball bleibt auf dem Elfmeterpunkt liegen (in Ruhe), bis der Spieler dagegentritt und der Ball in Bewegung kommt. Stehende Menschen im Bus fallen bei einer plötzlichen Vollbremsung nach vorne, da der Körper noch in Bewegung ist, während der Bus bereits stoppt. Das bedeutet, dass die Änderung des jeweiligen Zustands Kraft benötigt, sonst bleibt er träge.


Dieses Gesetz der Bewegung lässt sich nicht nur auf Körper, sondern auch auf die Seele übertragen. Auch sie verharrt, wenn keine Kraft sie bewegt.


Für ACEDIA werden unterschiedliche Wortbedeutungen verwendet. Die frühen Wüstenmönche sprachen vom Mittagsdämon, da es ihnen um die Mittagszeit besonders schwerfiel, sich gegen abschweifende Gedanken, Überdruss und Zweifel zu wehren. Etwas später war die Bedeutung ähnlich der bei uns als Depression bekannten Krankheit. Heute wird ACEDIA in der Regel mit Trägheit oder Gleichgültigkeit übersetzt.


Es geht also nicht um Faulenzen, um Ruhepausen oder Unlust auf Bewegung. Der Kern der Trägheit liegt in einem Mangel an Sorge und schwachem Verantwortungsbewusstsein. Dabei kann man tatsächlich sehr aktiv sein, oft sogar viel zu viel Ablenkung, Unterhaltung und Ersatzhandlungen suchen. Viele kennen das Phänomen, um etwas Unbeliebtes zu vermeiden: Die Steuererklärung muss erledigt oder für eine Klausur gelernt werden und plötzlich fällt einem ein, dass man dringend mal die Kaffeemaschine entkalken oder den Kleiderschrank ausmisten sollte. Und wer kennt es nicht, dass man beim abendlichen Medienkonsum – ob vor dem Fernseher, der Spielekonsole, dem Laptop oder dem Smartphone – einfach die Kurve nicht bekommt und sich trotz Müdigkeit viel zu lange fesseln lässt.


In ausgeprägter Form führt diese Art von Trägheit zu Gleichgültigkeit, zu einer Betäubtheit: Die Folgen des eigenen Verhaltens interessieren einen nicht mehr, das Gewissen wird schlaff. Eine mögliche Ursache für die Gleichgültigkeit ist Angst oder Überforderung. Diese können zu einer Blockade führen, die handlungsunfähig macht. Eine andere mögliche Ursache ist die sogenannte erlernte Hilflosigkeit. Das bedeutet, dass ein Mensch wiederholt negative Erfahrungen gemacht hat, bei denen das eigene Handeln keine Wirkung gezeigt hat. So kann die Überzeugung, keinen Einfluss auf die Situation ausüben zu können, zu Apathie führen. Eine dritte mögliche Ursache liegt in der Verinnerlichung, dass andere schon handeln und sich kümmern werden. Fehlendes Verantwortungsbewusstsein kann dann Resignation zur Folge haben. Man lässt andere gestalten und hat kein Interesse, sich zu beteiligen. In diesen Beschreibungen fehlt jeweils die Kraft, die jemanden aus dem Stillstand in Bewegung versetzt.


Ob Stillstand oder rastlose Aktivität – beides kann Ausdruck derselben inneren Trägheit sein.


Im anderen Fall des Trägheitsgesetzes finden wir die Situation, dass jemand nicht in der Lage ist, aus dem Hamsterrad auszusteigen. In einer hyperaktiven Welt hat es manchmal den Anschein, als sei die ständige Beschäftigung voll Produktivität und Engagement. In Wirklichkeit kann aber vielmehr der Verlust der Kontrolle über die eigenen Prioritäten und über die Entscheidungsfähigkeit dahinterstecken. Menschen lassen sich mittreiben, reagieren nur noch, statt selbstbestimmt zu handeln. Es fehlt oft einfach die Kraft für Veränderung. Beispielsweise hört man immer wieder von Menschen, die in missbräuchlichen Beziehungen – sei es in Partnerschaften, Familiensystemen oder Arbeitsverhältnissen – bleiben, obwohl sie emotional und psychisch sehr leiden. Nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Unternehmen oder Institutionen können geradewegs auf einen Abgrund zusteuern, und trotz klarer Erkenntnis unfähig sein, gegenzulenken.


In der Psychologie ist solches Verhalten als Status-quo-Bias oder Status-quo-Verzerrung bekannt. Der aktuelle, bekannte Zustand wird bevorzugt, die Dinge sollen bleiben, wie sie sind. Obwohl dies gegenüber einer Veränderung offensichtlich nachteiliger ist. Die Redensart ‘den Kopf in den Sand stecken‘ beschreibt dieses Verhalten treffend. Das Verbleiben im Vertrauten verleiht Sicherheit, das Gefühl von Kontrolle und vermeidet das Risiko von Fehlentscheidungen. Dafür blendet man negative Aspekte aus oder wertet diese geringer. Einen bedeutenden Einfluss darauf, ob jemand im Status quo verweilt oder bereit ist, eine Veränderung zu wählen, hat das Wissen über die Wahlalternativen. Je mehr ich über die anderen Möglichkeiten weiß, desto eher bin ich bereit, das Bekannte aufzugeben. Es erfordert aber Denkarbeit, um Alternativen kennenzulernen und zu bewerten. Ein Beispiel: Manche Unternehmen wie Mobilfunk- oder Stromanbieter versuchen dieser Neigung entgegenzuwirken, indem sie mit einem Wechselbonus Kunden locken, ihren gewohnten Vertrag zu kündigen.  


Doch Trägheit ist nicht nur ein psychologisches Phänomen – sie hat auch eine geistliche Dimension, die schon in der Bibel deutlich wird.


Was sagt die Bibel über Trägheit und Gleichgültigkeit?


Im Lukasevangelium finden wir das Beispiel vom armen Lazarus: Ein reicher Mann lebt auf Erden ausschweifend und beachtet den armen, kranken Lazarus vor seiner Tür nicht. Nach dem Tode befindet sich Lazarus im Himmel und der Reiche in der Unterwelt, wo er große Qualen leidet. Er bittet von dort, dass jemand seine Brüder auf der Erde warnen solle, damit es ihnen nicht genauso ergeht. Abraham entgegnet ihm aus dem Himmel, dass sie doch bereits Bescheid wüssten von Mose und den Propheten. Der Reiche in der Unterwelt antwortet: ‚Nein, Vater Abraham, aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren.‘ (Lk 16, 19-31). Diese Erzählung macht deutlich: Die Trägheit beruht nicht auf einem Erkenntnisproblem, sondern auf einem Umsetzungsproblem. Der Reiche ist überzeugt: Wenn einer von den Toten kommt, werden sie umkehren! Das wäre die entscheidende Kraft von außen, die eine Veränderung des Zustands bewirken würde. Aber ist das so? Jesus ist von den Toten auferstanden. Es ist tatsächlich einer von den Toten gekommen. Kehren die Menschen dadurch um?


Vielmehr ist die geistliche Trägheit in unserer Gesellschaft weit verbreitet: Wir kommen doch alle zum lieben Gott in den Himmel, dafür muss man nichts tun, für mein Seelenheil brauche ich mich nicht anzustrengen. Und um an Gott zu glauben, brauche ich keine Kirche. Ich muss mich nicht sonntagmorgens früh aus dem Bett quälen, um in die Kirche zu rennen.


Ein anderes Gleichnis ist im Matthäusevangelium zu finden. Dort vergleicht Jesus das Himmelreich mit einem König, der zur Hochzeitsfeier seines Sohnes einlädt. Die eingeladenen Gäste sagen allesamt mit unterschiedlichen Ausreden ab. Sie haben einfach keine Lust, ihnen ist anderes wichtiger. Das Gleichnis schließt mit dem Satz ‚Viele sind gerufen, wenige aber auserwählt.‘ (Mt 22, 1-7).


Weitere Stellen, die darauf hinweisen, dass das Seelenheil kein Selbstläufer ist, sind die Aufforderungen: ‚Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen‘ (Lk 13, 24) oder ‚Geht durch das enge Tor!‘ (Mt 7, 13). Das klingt anstrengend und reicht schon, dass viele gar keine Lust mehr haben, herauszufinden, wozu sie überhaupt eingeladen sind, und was es mit der engen Tür auf sich hat. Sie finden eine Ausrede und bleiben fern.


Warum zählt die Trägheit zu den Todsünden?


Wir alle wissen in vielen Bereichen, was zu tun wäre, um Verantwortung für unsere Welt, unsere Gesellschaft und unser eigenes Leben zu übernehmen. Und doch finden wir uns oft in Widersprüchen wieder. Wir wollen die Schöpfung bewahren – und treffen im Alltag Entscheidungen, die ihr schaden. Wir wünschen uns, dass Tiere gut behandelt werden – und greifen trotzdem zur günstigsten Ware. Wir ahnen, dass in unserer Umgebung jemand leidet – und hoffen, dass sich schon jemand anderes kümmern wird.


Diese Beispiele zeigen, wie leicht wir uns einrichten in der Trägheit des Alltags, selbst wenn unser Herz eigentlich anders empfindet. Es sind Momente, die uns fragen lassen: Wo schaue ich weg, obwohl ich handeln könnte? Was hält mich zurück – Bequemlichkeit, Angst oder Ohnmacht?


Doch genau hier beginnt die gefährliche Form der Trägheit: das schleichende Abwarten. Wir reden uns ein, dass unser Beitrag ohnehin zu klein sei, um etwas zu verändern. Wir bleiben stehen, obwohl wir innerlich längst wissen, dass Bewegung nötig wäre.


Was kann ich schon machen? Wegschauen, untätig bleiben und das Feld anderen überlassen – wir haben alle gelernt, dass dieser Haltung Zerstörung, Leid und Tod folgen können.


Aber auch im eigenen persönlichen Bereich richtet Verantwortungslosigkeit Schaden an – durch Unzuverlässigkeit, Verweigerung von Hilfe, Ausnutzen anderer und Desinteresse an den Bedürfnissen der Mitmenschen. Trägheit und Gleichgültigkeit führen dazu, dass man andere im Stich lässt, sich der Verantwortung für sein Handeln und für seine Entscheidungen entzieht und seine Nächsten mit den Folgen belastet.


Jesus forderte die Jünger vor seiner Gefangennahme zweimal auf: ‚Bleibt hier und wacht mit mir!‘, ‚Wacht und betet!‘ und findet sie doch immer wieder schlafend vor (Mt 26, 38-44). Pilatus wusch sich vor allen Leuten die Hände, sagte: ‚Ich bin unschuldig… Das ist eure Sache!‘ (Mt 27, 24) und entzog sich so aus seiner Sicht der Verantwortung für die Kreuzigung Jesu.


Geistliche Trägheit ist folgenschwer, weil sie den Menschen gegenüber Gott verschließt. Wenn jemand nicht will, keine Lust hat, die Einladung ablehnt, gibt er Gott keine Chance. Wer den Kontakt dauerhaft abbricht, macht sich für Gott unerreichbar.


Die Tugend, die ACEDIA gegenübersteht, ist der Eifer


Nun haben wir gesehen, dass die Trägheit nicht in erster Linie als körperliche Faulheit zu verstehen ist. So darf man auch den Eifer nicht als fleißige Tätigkeit missverstehen. Gemeint ist vielmehr die Bereitschaft, Kraft aufzubringen, um eine Veränderung zu bewirken – im eigenen Leben, in der Gesellschaft und in der Beziehung zu Gott. Dafür kann es gerade hilfreich sein, sich nicht mehr nur mit dem Strom der Geschäftigkeit mitreißen zu lassen, sondern bewusst Ruhezeiten, Zeiten der Stille, des Alleinseins und der Sinnsuche einzurichten.


Die gesamte Bibel von Genesis im Alten Testament bis zur Offenbarung des Johannes im Neuen Testament hat eine große Aufforderung an die Menschheit: Erkennt, dass ihr Fehler macht, die euch selbst und anderen Menschen schaden. Hört auf damit, verharrt nicht träge in diesem Zustand. Ändert euch und verhaltet euch zu eurem eigenen Besten so, wie Gott euch empfiehlt, miteinander, mit euch selbst und mit ihm umzugehen. In der Sprache der Bibel heißt das: Kehrt um!


Mit Blick auf das Gesetz der Trägheit kann man es verbildlichen: Wir fahren oft mit Vollgas auf eine Mauer zu. Gott will, dass wir aus eigener Kraft eine Vollbremsung machen, einen U-Turn einlegen und mit vollem Eifer in seine Richtung lenken. Wir sollen nicht ständig anhalten – mal, um bei den Unfällen anderer zu gaffen, mal, um ihre Fahrweise zu kontrollieren. Und uns auch nicht antriebslos und blind von einem anderen abschleppen lassen. Und immer wieder, wenn wir merken, dass wir vom besten Weg abgekommen sind, sollen wir erneut umdrehen und die Richtung korrigieren.


Angefangen hat diese Reihe mit der Frage nach meiner eigenen Tugendhaftigkeit. Deshalb will ich bei jeder der sieben Todsünden zuerst bei mir selbst hinschauen. Heute also: Wie steht es um meinen Eifer?


Mein Eifer, in der Liebe zu Gott, zu meinem Mitmenschen und zu mir selbst zu wachsen, immer wieder die Richtung zu korrigieren und Verantwortung zu übernehmen, ist das Zentrum meines Lebens. Ich bemühe mich darum, so gut ich kann. Einen kleinen Teil dieses Eifers kann man in diesem Blog finden.


Bist du bereit, Kraft für Veränderungen aufzubringen?  



schlafende Jünger in Getsemani

 
 
 

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