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GULA (Maßlosigkeit, Völlerei) - Die 7 Todsünden

  • Saskia
  • 25. Okt. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Nov. 2025

Skizze Gesicht Gula Völlerei Maßlosigkeit Fresssucht


"Zwei mal drei macht vier – widdewiddewitt und drei macht neune. Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt!"


In Kindergeschichten, wie bei Pippi Langstrumpf, muss kein Maß eingehalten werden. Die Lust am Vergnügen kennt keine Grenzen – in der Fantasie ist alles möglich.


In der Realität hingegen wird gemessen, gewogen und gezählt.


Wenn ein Menschenkind das Licht der Welt erblickt, erfahren die Verwandten als Erstes Körperlänge und Gewicht – der einzige Moment im Leben, in dem diese Daten bereitwillig geteilt werden. Aus medizinischer Sicht ist es natürlich wichtig und sinnvoll, Maße und Werte zu erfassen, um mögliche Krankheiten frühzeitig zu erkennen. Genauso ist das Einhalten eines exakten Maßes absolut erforderlich bei medizinischen Maßnahmen – die Dosierung von Medikamenten darf nicht 'Pi mal Daumen' erfolgen. Zahnkronen, Prothesen, Brillen und andere Hilfsmittel werden präzise angepasst.


Auch im Alltag finden sich zahlreiche Beispiele, in denen das Einhalten eines Maßes notwendig ist, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erhalten: Die doppelte Menge Eier macht einen Kuchen ungenießbar, ein zu kurzes Tischbein lässt den Tisch wackeln, und ein Übermaß Wasser führt zu faulenden Blumen im Topf. Ein Adventskalender mit 22 Türchen, ein Klavier mit fehlenden Tasten oder Schuhe, die eine Nummer zu klein sind – da stimmt etwas nicht.


Der Mensch hat einen natürlichen Sinn für Ästhetik und Maß, das sich überall in der Schöpfung findet. Der Goldene Schnitt – auch göttliche Proportion genannt – war schon in der Antike bekannt und findet sich bei der Anordnung von Blättern, Blütenständen, Tieren und beim Menschen: berühmt ist das Bild menschlicher Proportionen 'Der vitruvianische Mensch' von Leonardo da Vinci. Man kann es bei sich selbst überprüfen: teilt man die eigene Körpergröße durch die Länge ‚Bauchnabel – Boden‘, erhält man die Zahl Phi (1,618). Diese Streckenteilung von etwa zwei Dritteln zu einem Drittel wird als stimmig wahrgenommen. Menschen, Tiere, Pflanzen, Früchte, Schneeflocken, Kristalle und vieles mehr weisen außerdem eine Symmetrie auf.


Auch die Zeit folgt einer unveränderbaren Ordnung: der Mondzyklus dauert ebenso wie der weibliche Zyklus 28 Tage, eine Woche sieben Tage, ein Tag 24 Stunden – geteilt in zwölf Stunden Licht und zwölf Stunden Dunkelheit.


Die von Menschen als Schönheit empfundene Harmonie findet sich nicht nur in der Natur, sondern auch in der Kunst und Architektur. Viele spüren beim Betreten einer großen Kirche eine besondere Ruhe – nicht nur wegen des Lichts und der Stille, sondern weil in diesen Räumen jedes Maß durchdacht ist. Nichts ist zufällig: die Ausrichtung des Altars, die Anzahl der Fenster, die Symmetrie der Säulen – alles folgt einer göttlichen Ordnung. Ein besonders beeindruckendes Beispiel für diese Präzision ist das Lichtspiel in der Kathedrale von Palma de Mallorca: Zweimal im Jahr, an Mariä Lichtmess und am Fest des Heiligen Martin, fällt das Licht der Morgensonne so in die Rosettenfenster, dass sich ihre Muster zu einer leuchtenden Acht vereinen – Sinnbild von Ewigkeit und Vollkommenheit.


Auch die Zahlen sprechen in der sakralen Architektur – ebenso wie in der Bibel – ihre eigene Sprache:

Eins steht für den einen Gott, den Ursprung und die absolute Einheit, sie ist das Zeichen der Ganzheit und des unteilbaren Wesens Gottes.

Zwei erinnert an Gegensätze, die sich ergänzen – Frau und Mann, Himmel und Erde, Altes und Neues Testament.

Drei steht für die göttliche Trinität und damit für die Vollkommenheit, sie symbolisiert das Göttliche.

Vier hingegen steht für das Irdische, die Schöpfung mit ihren Himmelsrichtungen und Elementen (Feuer, Wasser, Luft, Erde).

Aus beiden entsteht die heilige Zahl Sieben, Symbol für Fülle und Vollständigkeit: in sieben Tagen erschuf Gott die Welt. Wir lesen zum Beispiel von sieben Siegeln, sieben Posaunen, sieben Tugenden und sieben Todsünden.

Die Zwölf, Zahl der Apostel und Stämme Israels, steht für die Gemeinschaft des gesamten Gottesvolkes.


Diese Proportionen und Zahlen sind keine Spielerei. Sie verweisen auf die göttliche Ordnung, die allem zugrunde liegt. Wo der Mensch Maß hält, fügt er sich in diese Harmonie ein.


Wo er das Maß verliert, gerät das Ganze aus dem Gleichgewicht – und genau dort beginnt die GULA, die Maßlosigkeit.


Wir alle wissen, wie schädlich Unersättlichkeit sein kann. Oft wird das Hauptlaster GULA als Völlerei übersetzt und auf Essen und Trinken beschränkt. Die Krankheiten, die aus zu viel oder zu wenig Nahrungsaufnahme oder übermäßigem Alkoholkonsum entstehen, sehen wir ständig in unserem Alltag. Auch die Maßlosigkeit beim Konsum haben wir alle vor Augen – reparieren, flicken oder verzichten sind ziemlich aus der Mode gekommen, obwohl wir wissen, dass unsere Überflussgesellschaft auf Kosten anderer Länder, Menschen und der Umwelt lebt. Der maßlose Medienkonsum, der sich mit den Smartphones überall ausgebreitet hat, beeinflusst unser soziales Verhalten enorm, viele reale menschliche Verbindungen leiden darunter.


Warum fällt es uns so schwer, zufrieden und genügsam zu sein, mit dem, was da ist? Das Verfügbare scheint Menschen immer schneller langweilig zu werden, satt zu sein ist vielen nicht genug. Die Unersättlichkeit ist gekoppelt mit der Gier nach mehr.


Was macht die GULA zur Todsünde?


Die Maßlosigkeit verstößt gegen Gottes Ordnung. Die gesundheitlichen und globalen Folgen sind offensichtlich.


Aber auch geistliche Unmäßigkeit ist fatal. Christen glauben an den dreieinen Gott, die Einheit aus Gott Vater, Gott Sohn und Heiligem Geist. Dem sollte nichts und niemand hinzugefügt werden.


Jede maßlose Übertreibung eines bestimmten Glaubensaspektes führt in der Regel zu Irrlehren, Ideologien, Magie, Spaltung und Sektierertum. Es gibt christliche Gruppierungen, die Maria als Miterlöserin verstehen und sie der Dreifaltigkeit unangemessen gleichwertig hinzufügen. Oder andere, die den Fokus ihres Glaubens auf Gestalten wie Engel oder Heilige richten, die sie nahezu an Stelle Gottes in ihrer Verehrung setzen. Manche folgen Sehern oder Seherinnen, die sich den Empfang göttlicher Privatoffenbarungen oder Erscheinungen anmaßen, und darin menschliche Ideen und Ideologien verpacken. Wieder andere suggerieren, den Heiligen Geist in Großevents mit enthusiastischer Worship-Musik geradewegs heruntersingen und für jeden erlebbar machen zu können. Viele Gruppierungen übertreiben religiöse Traditionen wie beispielsweise das Rosenkranzgebet zu scheinbar magischer Einflussnahme auf Gottes Wirken: 'Wenn du dann und dann dies und jenes soundsooft tust, dann wird Gott...' Manche Menschen maßen sich an, mit Gottes Stimme zu sprechen – oder gar seinen Willen zu kennen. Auch die Reliquienverehrung oder die Verknüpfung des Glaubens mit politischen bzw. gesellschaftlichen Positionen können ein bedenkliches Übermaß im Glaubensleben annehmen.


In all diesen Beispielen richtet sich der Glaube über das Maß auf die sichtbaren und menschlichen Nebensächlichkeiten – also auf die Gaben – statt auf den Geber, der all diesen Randaspekten überhaupt erst eine Bedeutung geben kann. Es ist ein Verlangen nach mehr bei Gläubigen, denen die Sättigung durch den Einen, den Unbegreiflichen, den Unfassbaren, den Verborgenen nicht genug ist. Folge ist ein Glaube an „Gott und…“ statt an Gott allein.


Häufig sind solche Ausprägungen der Glaubenspraxis verbunden mit Cliquenbildung und dem Gefühl, einem auserwählten Kreis anzugehören. Die daraus folgende übermäßige Selbstüberschätzung ist die Hauptursache für geistlichen Missbrauch und spirituelle Irreführung. Da das Maß ‚Gott zu Mensch‘ und ‚Mensch zu Mitmensch‘ nicht geachtet wird, besteht die Gefahr, dass sich Anhänger dieser Formen über andere Menschen, näher zu Gott, vielleicht sogar auf die gleiche Stufe stellen wollen, statt auf einer Stufe mit allen Mitchristen stehen zu bleiben.

 

Die Tugend, die GULA gegenübersteht, ist die Mäßigkeit


Mäßigkeit bedeutet, das rechte Maß zu halten, also eine Balance zu finden, und die göttliche Ordnung zu akzeptieren. So wie die Menschen ein natürliches Empfinden für Harmonie und Ästhetik haben, merken die meisten Menschen auch selbst, wenn sie in anderen Bereichen ein stimmiges Maß überschreiten. Die Herausforderung liegt darin, die Neigung zum Vergnügen, das die Grenzenlosigkeit oft bereitet, zu zügeln. Das Einhalten des richtigen Maßes ermöglicht in der Regel gutes Gelingen.


Angefangen hat diese Reihe mit der Frage nach meiner eigenen Tugendhaftigkeit. Deshalb will ich bei jeder der sieben Todsünden zuerst bei mir selbst hinschauen. Heute also: Kann ich Maß halten?


Ja, ich denke, dass ich mich als maßvoll bezeichnen kann. Ich esse kein Fleisch und keinen Fisch, verzichte weitgehend auf Industriezucker, trinke keinen Alkohol, schaue kein Fernsehen, mag kein Shopping, rede nicht ausschweifend und lehne jede Art von Extremen ab. Ich halte mich für genügsam und zufrieden – aber die Frage ist, warum. Es kostet mich keine Mühe oder Selbstbeherrschung, das hat sich im Laufe meines Lebens aus verschiedenen Gründen so entwickelt. Man könnte es so formulieren: Ich verhalte mich in diesem Punkt tugendhaft, aber vielleicht nicht (nur) aus tugendhaften Gründen.


Gelingt es dir, in deinem Leben das rechte Maß zu erkennen und es als Grenze zu akzeptieren – oder vielleicht sogar als Schutz?



Lichtprojektion Rosette Palma Kathedrale

 
 
 

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