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AVARITIA (Gier, Geiz) - Die 7 Todsünden

  • Saskia
  • 22. Sept. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Nov. 2025

Skizze Gesicht Avaritia Gier Geiz Habgier Habsucht

Adam und Eva lebten einst im Paradies. Gott hatte die Erde soeben erschaffen, sie betrachtet und festgestellt: „Siehe, es war sehr gut.“ (Gen 1, 31). Adam und Eva waren versorgt, bekamen Verantwortung von Gott übertragen und lebten sorgenfrei, ohne Scham und Schuld (Gen 2, 25).


Eine Schlange weckte die Gier nach mehr. Sie versprach Eva – und das war keine Lüge – die Erkenntnis von Gut und Böse erlangen zu können, die in der Schöpfungsordnung Gott vorbehalten war. Eva sah, „dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden.“ (Gen 3, 6). Sie nahm, aß und auch Adam aß. Die (Neu-)Gier, das Verlangen, mehr zu wissen, und der Wille zur Selbstbestimmung brachten den Menschen in der Ursünde zu Fall.


Gier beinhaltet stets, mehr haben zu wollen. Dabei kann man vieles begehren: Geld und Besitz (Habgier), Wissen und Informationen (Neugier), Zuneigung und sexuelle Befriedigung (Begierde), Einfluss und Ansehen (Machtgier), Erfolg, aber auch Aufmerksamkeit, Nahrung, Lob oder außergewöhnliche Erfahrungen.


Raffgier ist eine Ausprägung der Gier, die auch den Geiz beinhaltet. Während Gier auf das Nehmen ausgerichtet ist, zeigt sich Geiz im Verweigern des Gebens. Der Geizige fürchtet die Verschwendung. Auch hier geht es nicht nur um Geld und Besitz, sondern auch um Zuneigung, Aufmerksamkeit, Zeit oder Wissen.


Nun haben alle Menschen Bedürfnisse, deren Befriedigung lebenswichtig ist. Wir benötigen Geld, Nahrung, Zuwendung und Bildung für ein zufriedenes Leben. Auch darüber hinaus ist grundsätzlich nichts Sündhaftes daran, zu sparen, vorzusorgen und mit Ressourcen nicht verschwenderisch umzugehen.


Im Evangelium lesen wir, dass Jesus auffordert: „Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden!“ (Lk , 12, 33) oder „Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt“ (Lk 12, 15) und „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, sondern sammelt euch Schätze im Himmel.“ (Mt 6, 19-20). Jesus versucht, den Fokus auf das Unvergängliche zu lenken: auf die Nächstenliebe und gute Werke, die über den Tod hinaus Bestand haben.


Paulus formuliert: „Denn wir haben nichts in die Welt mitgebracht und wir können auch nichts aus ihr mitnehmen. Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, sollte uns das genügen. Die aber reich sein wollen, geraten in Versuchung und Verstrickung und in viele sinnlose und schädliche Begierden, welche die Menschen ins Verderben und in den Untergang stürzen. Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht.“ (1 Tim 6, 7-10).


Wie wird aus dem notwendigen Streben nach Versorgung die Gier, die als eine der sieben Todsünden gilt? Warum warnt Jesus so häufig vor Reichtum?


Gier ist das maßlose Verlangen, weit mehr haben zu wollen als notwendig – verbunden mit der Bereitschaft, moralische, rechtliche oder persönliche Grenzen zu überschreiten, um dieses Verlangen zu stillen. Gier setzt die Vernunft und die Selbstkontrolle außer Kraft. Dabei tritt nie Zufriedenheit ein, dem Gierigen fehlt die Fähigkeit, das Erreichte zu genießen. Es ist eine endlose Jagd, man spricht auch von Hab- oder Erfolgssucht, weil ähnlich wie bei einer Sucht die Dosis immer weiter erhöht werden muss. Der Süchtige stellt sich nicht mehr die Frage: Wozu möchte ich das haben? Wie viel ist genug? Der Nutzen spielt keine Rolle mehr.


Verschiedene Abstufungen von Gier können wir an dem Beispiel der Steuererklärung sehen: Niemand zahlt gerne viel Steuern. Mit einem vernünftigen Wunsch nach Steuerersparnis erkundigt sich ein Steuerpflichtiger, welche Belege er rechtmäßig absetzen kann. Ein wenig Gier verleitet den ein oder anderen schon dazu, Regeln zu brechen und Kosten anzugeben, die eigentlich nicht zulässig sind, wie ein privates Handy oder ein paar Kilometer mehr bei den Fahrten. In einem starken Maß von Habgier erfolgt Steuerhinterziehung mit krimineller Energie, indem beispielsweise bewusst Angaben weggelassen oder Belege gefälscht werden. Laut Schätzungen des Netzwerks Steuergerechtigkeit entsteht der Allgemeinheit durch Steuerbetrug in Deutschland jährlich ein Schaden von mindestens 125 Milliarden Euro.


Daran wird deutlich: Habgier kann zu Egoismus, Lügen, Rücksichtslosigkeit und Rechtsverletzungen führen. Für den Gierigen sind andere Menschen bzw. Institutionen Konkurrenten, Gegner oder schlicht jemand, den man ausnutzen kann. Welche fatalen globalen Auswirkungen Habgier und Profitgier haben, lesen wir täglich in den Nachrichten.


Habgier trieb auch Judas an, der Jesus für 30 Silberstücke an die Hohepriester verriet (Mt 26, 14). Bereits vorher zeigte Judas seine Gier in der Ausprägung des Geizes: als Maria Jesus die Füße mit reichlich kostbarem Nardenöl salbte, fragte Judas vorwurfsvoll, warum man dieses Öl nicht für 300 Denare verkauft habe (Joh 12, 3-5). Diese Szene offenbart ein weiteres Merkmal der Gier: sie stellt einem tieferen Geschehen einen objektiven, materiellen Wert gegenüber.


Um Dinge besitzen zu können, müssen sie einen Objektcharakter haben. Allerdings sind es grundlegende menschliche Bedürfnisse, die wir am meisten begehren, keine Gegenstände. Deshalb werden Sehnsüchte, Ideen und Verheißungen als Waren verpackt. Das hat die Werbeindustrie schon lange verstanden und verkauft Wärme statt Heizungen, ein Zuhause statt Möbel, Sicherheit statt einer Haustür oder Führungsstärke statt eines Vortragsseminars. Bereits im Mittelalter nutzte die katholische Kirche die Ängste und Hoffnungen der Menschen, indem sie Ablassbriefe verkaufte, mit denen sich angeblich die Sündenstrafe im Fegefeuer verkürzen ließ. Die Geldgier der Kirche beim Ablasshandel kann als Ursache der Reformation bezeichnet werden, da Luther in seinen 95 Thesen diese Praxis scharf kritisierte.


Mit der Objektivierung verbunden ist der Wunsch nach Messbarkeit. Man braucht eine Maßeinheit, um die Steigerung der Gier zu befriedigen. In unserer Zeit wird so viel wie möglich mit vergleichbaren Daten versehen. Wo früher noch ein gewaltig donnernder Lattenschuss für Eindruck bei Fußballfans vor dem Fernsehgerät sorgte, sieht man heute vor lauter Grafiken, Werten und Statistik den Ball kaum noch aufs Tor fliegen. Von zahlreichen Experten präsentierte Zahlen ersetzen zunehmend die eigene Wahrnehmung. Als Maßeinheit für die eigene Wichtigkeit werden aktuell Follower, Likes und Reichweite in den sozialen Medien verwendet. In Gier nach Aufmerksamkeit teilen Menschen ununterbrochen Fotos und Videos, oft ohne Sinn und Nutzen. Reine Selbstdarstellung ist dabei die harmlose Form. In extremen Fällen kann die krankhafte Gier nach Aufmerksamkeit jedoch bis hin zu (Selbst-)Tötungen reichen – etwa durch öffentlichkeitswirksame Attentate mit dem Ziel größtmöglicher medialer Aufmerksamkeit.


Nicht zuletzt führt wie schon bei Adam und Eva die Gier nach Erkenntnis, also mehr zu wissen als dem Menschen zusteht, zum Vertrauensbruch mit Gott. Menschen wenden sich Wahrsagern zu, glauben an vermeintliche himmlische Botschaften oder kosmische Transformation. Süchtig nach der nächsten nicht-irdischen Information oder Erfahrung fokussieren sie sich auf die scheinbar mit Gottes Stimme sprechenden Seher, und auf die Verteidigung ihres Besitzes der göttlichen Wahrheit. Gottes Name dient dabei oft nur noch als Fassade – der eigentliche Glaube richtet sich aber auf eine menschliche Vorstellung: einen vom Menschen nach seinem eigenen Bild geschaffenen Gott.


Die Jagd nach Followern, Geld, Informationen und Macht wird unter Gier zum Herrscher über das eigene Leben. Geltungssucht, Habsucht und Erfolgssucht erfordern den ständigen Griff zum Smartphone: Wie viele Ansichten? Wie viele Likes? Wie stehen die Aktienkurse? Was macht die Konkurrenz? Was gibt es Neues? Der Druck für den „nächsten Schuss“ wächst – Unruhe, Unzufriedenheit und Misstrauen sind die Folge.


Wie jede Sucht raubt Gier die Freiheit – und entstellt den Menschen bis zur Lächerlichkeit.


Jesus sagt: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6, 24) Mammon bedeutet dabei so viel wie Besitz oder Vermögen. Wer Sklave seiner Gier geworden ist, dient nicht Gott. Das Maß für Erfolg ist bei Gott Nächstenliebe. Es geht bei Gott nicht um das Haben, sondern um das Sein, nicht um messbare Höhenrekorde, sondern um Sehnsucht nach Tiefe. Wahrheit, Zufriedenheit und Liebe erfährt man nur im Sein.


Die Tugend, die der AVARITIA gegenübersteht, ist die Großzügigkeit


Wer großzügig ist, teilt oder verschenkt etwas, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Das kann beispielsweise Geld, Zeit, Wissen, Hilfe oder Freundlichkeit sein. Großzügige spenden, sind ehrenamtlich tätig oder schenken ein Lächeln ganz ohne Eigennutz und aus freiem Willen. Das Geschehen in der Verbindung zwischen dem Gebenden und dem Nehmenden ist der Schatz, der im Himmel Bestand hat.


Angefangen hat diese Reihe mit der Frage nach meiner eigenen Tugendhaftigkeit. Deshalb will ich bei jeder der sieben Todsünden zuerst bei mir selbst hinschauen. Heute also: Wie steht es um meine Großzügigkeit?


Bis vor Kurzem hätte ich voller Überzeugung geantwortet: wenn ich irgendein Laster nicht habe, dann sind es Gier und Geiz. Ich? Großzügig? Ganz sicher! Naja… außer – und dann kommt das große Aber.


Ich war sehr aktiv in meiner örtlichen Kirchengemeinde, mit umfangreicher ehrenamtlicher und zeitweise auch hauptberuflicher Tätigkeit sowie anderen Zuwendungen. Aufgrund einer schlimmen Erfahrung und eines großen Vertrauensbruchs beendete ich nach vier Jahren sämtliche Tätigkeiten und lehnte fortan konsequent jede Frage nach Hilfe ab. Obwohl nur Einzelne für den Bruch verantwortlich waren, verweigerte ich wie in einer Kollektivstrafe der Gemeinde mein Wissen und meine Unterstützung. Selbst wenn ich heute gelegentlich in dieser Gemeinde wieder Gottesdienste mitfeiere, spüre ich den inneren Widerstand, auch nur ein paar kleine Münzen in den Klingelbeutel zu werfen. Nun könnte man sagen, dass das kein Geiz sei, sondern die Folge des anderen Lasters Wut. Es geht auch mehr um die Einsicht, dass meine vorherige Großzügigkeit, die in Frage steht, vielleicht doch nicht so ganz ohne Erwartung einer Gegenleistung oder Eigennutz war. Was habe ich erwartet und nicht bekommen? Was waren die wahren Motive, so viel Zeit, Energie und Geld zu investieren? Das Wort investieren kann dabei schon entlarvend sein. Und habe ich das Gefühl, meinen Einsatz verloren zu haben? Das sind Fragen, die zu meiner Erkenntnis führen: wahrhaft nur aus reiner Nächstenliebe und Gottesliebe großzügig bin ich nicht.


Während ich das schreibe, merke ich: Geben war mit Freude verbunden – Geizen hingegen mit Bitterkeit. Diese Einsicht könnte ein Wegweiser auf dem Pfad zur wahrhaften Tugend der Großzügigkeit sein.


Hast du dich schon einmal gefragt, ob deine Großzügigkeit wirklich frei von Eigennutz ist?



Regenbogen

 
 
 

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