INVIDIA (Neid, Eifersucht) - Die 7 Todsünden
- Saskia
- 27. Sept. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Nov. 2025

„Spieglein, Spieglein an der Wand: wer ist die Schönste im ganzen Land?“
„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist noch tausendmal schöner als Ihr!“
Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn sie Schneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum - so haßte sie das Mädchen. Und der Neid und Hochmut wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, daß sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte.
In Märchen und Fabeln spielt Neid von jeher eine große Rolle – oft, um Kritik am menschlichen Verhalten indirekt auszudrücken. Neid ist verpönt, geradezu ein Tabuthema. Neid wird in der Regel ausschließlich negativ beurteilt – man gesteht ihn ungern ein, aber unterstellt ihn schnell: Du bist doch nur neidisch!
Neid ist ein Mischgefühl aus Zorn und Trauer: Zorn darüber, dass andere etwas besitzen oder können – und Trauer darüber, es selbst nicht zu haben oder zu können. Oft kommt Angst hinzu, zu kurz zu kommen oder etwas zu verpassen. Neid dient keinem Grundbedürfnis wie Hunger, Schutz oder Arterhaltung. Er entspringt keinem realen Mangel, ist aber stets mit tiefer Unzufriedenheit verbunden. Neid ist ein soziales Phänomen. Er ist die dunkle Seite unserer menschlichen Fähigkeit, uns mit anderen zu vergleichen – kein Gänseblümchen fühlt sich von der Rose nebenan bedroht.
Johannes Chrysostomus, auch als Goldmund bekannt, beschrieb sechs Merkmale des Neids:
Der Neider erträgt das Glück der anderen nicht.
Er hält das Wohlergehen des Nächsten für sein eigenes Unglück.
Er grämt sich wegen der Güter des Nächsten.
Er freut sich, wenn die anderen leiden.
Er findet Trost im fremden Unglück.
Er bekämpft sein eigenes Glück und würde selbst lieber leiden als den anderen im Wohlergehen zu sehen, selbst wenn er an diesem teilhätte.
Der Kirchenvater bezeichnet diesen Neid als bitter, durch und durch boshaft – und als Mutter alles Bösen. In dieser Ausprägung interessiert den Neider der eigene Vorteil nicht. Er will nicht selbst etwas erreichen, der andere soll es bloß nicht haben.
Wenn wir heute von Neid sprechen, meinen wir meistens das Verlangen nach etwas, was ein anderer aus meiner Sicht nicht verdient hat. Dabei kann es sich um Gegenstände, Reichtum, aber auch Schönheit, Anerkennung, Weisheit, Erfahrungen oder andere immaterielle Werte handeln. Oft treibt die Illusion eines Ideals den Neider an: andere scheinen das Leben zu führen, das er selbst gerne hätte. Ähnlich wie in der bekannten Erzählung von Janosch fantasieren sich Neider das Land ihrer Träume zusammen: Oh wie schön ist Panama! Zwangsweise folgt die Enttäuschung, wenn beim Erreichen des beneideten Gegenstandes oder Zustandes die Illusion zerplatzt.
Davon zu unterscheiden ist die positive Motivation, etwas zu erreichen, was andere geschafft haben. Staunen und Bewunderung beinhalten nicht die Missgunst, jemand anderem etwas nicht zu gönnen. Sänger, Sportler, Politiker oder Heilige können Vorbilder sein, denen jemand nacheifert und ähnliche Eigenschaften entwickeln möchte, ohne Leid darüber zu empfinden, dass dieser jene Qualitäten hat.
Das Hauptlaster INVIDIA umfasst daneben die Eifersucht. Der Unterschied zwischen Neid und Eifersucht besteht darin, dass der Neidische für sich haben will, was andere besitzen, während der Eifersüchtige fürchtet, jemanden zu verlieren, den er glaubt zu lieben oder zu brauchen. Die Eifersucht setzt eine persönliche Verbindung voraus und bezieht sich konkret auf einen einzelnen Menschen. Hier mischen sich (Verlust-)Angst, Misstrauen und Minderwertigkeitsgefühle. Die Eifersucht richtet sich auf Zuneigung, Aufmerksamkeit oder Anerkennung einem Dritten gegenüber. Der Eifersüchtige erhebt einen exklusiven Anspruch auf eine Person und fühlt sich aufgrund des Empfindens einer Vertrautheit zwischen diesem Menschen und einem Dritten ausgeschlossen und vernachlässigt. Im Extremfall nimmt der Eifersüchtige den eigenen Tod oder den des Menschen, den er vorgibt zu lieben, eher in Kauf, als dessen Liebe zu verlieren. Eifersucht ist das selbstsüchtige Verlangen, geliebt zu werden.
In der Bibel finden wir zahlreiche Erzählungen über Neid und Eifersucht:
Neid auf die Zufriedenheit der Menschen im Paradies bewegte die Schlange dazu, Eva zu verführen, von der verbotenen Frucht zu essen. (Gen 3, 1-13)
Kain und Abel, die ersten Söhne von Adam und Eva, brachten Gott Gaben dar: „Der HERR schaute auf Abel und seine Gabe, aber auf Kain und seine Gabe schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich.“ Aus Neid tötete Kain seinen Bruder Abel. (Gen 4, 4-8)
Die Erzählung von Josef und seinen Brüdern fußt auf Neid und Eifersucht: „Als seine Brüder sahen, dass ihr Vater ihn mehr liebte als alle seine Brüder, hassten sie ihn und konnten mit ihm kein friedliches Wort mehr reden.“ Als Josef dann auch noch von seinen Träumen erzählte, in denen Garben, Sonne, Mond und Sterne sich vor ihm neigten, hassten sie ihn noch mehr und verkauften ihn als Sklaven nach Ägypten. (Gen 37, 4-11)
In den zehn Geboten warnt Gott ausdrücklich: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. (…) Denn ich bin der HERR, dein Gott, ein eifersüchtiger Gott.“ „Du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren. Du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren, nicht seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel oder irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.“ (Ex 20, 3-17)
Es ist ganz deutlich: Neid und Eifersucht führen zu todbringender Sünde. In der Bibel genau wie in dem Märchen von Schneewittchen werden die Folgen des Neids benannt als Hass, Unruhe, Trennung und Zerstörung.
Doch wie passt dazu, dass Gott selbst von sich sagt, er sei eifersüchtig?
Menschliche Eifersucht ist mit Gefühlen der Verlustangst, Misstrauen, Minderwertigkeit und Selbstsucht verbunden. Gottes Eifersucht kann daher nicht mit menschlicher Eifersucht gleichgesetzt werden, Gott kennt weder Misstrauen noch Minderwertigkeitsgefühle. Eine mögliche Interpretation kann auf das Wesen der Liebe Gottes zu den Menschen aufbauen: die Menschen gehören Gott, aus dem einfachen Grund, dass er jeden einzelnen erschaffen hat. Gott braucht daher nicht zu verführen, zu ködern, zu locken, die Menschen sind für ihn keine Beute. Gott liebt jeden Menschen bedingungslos, zwingt ihn aber nicht zur Gegenliebe. Durch die Laster werden Menschen jedoch gelockt und zur Sünde verführt. Gottes Eifersucht ist die besorgte Warnung, ihn als alleinigen allmächtigen Gott anzuerkennen, bei ihm zu bleiben und nicht zur Beute des Bösen zu werden. Die Hinwendung zu anderen Göttern oder Götzen verursacht keine 'Eifersuchtsszene' Gottes, sondern einen einseitigen Vertrauensbruch – zum Schaden des Menschen.
Auch im Neuen Testament handeln mehrere Stellen von Eifersucht und Neid – zum Beispiel Maria und Martha (Lk 10, 38-42), der Rangstreit der Jünger (Mk 9, 33-37) und letztlich die Auslieferung Jesu, die zum Mord aus Neid führte (Mt 27, 18).
Bemerkenswert sind im Zusammenhang mit Neid die Erzählungen, in denen Jesus eindrücklich dazu auffordert, nicht über seine Wunder zu sprechen: Jesus heilte einen Aussätzigen und sagte: „Nimm dich in Acht! Erzähl niemandem davon“ (Mt 8, 4). Jesus erweckte ein Mädchen und „schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren“ (Mk 5, 43). Jesus ließ einen Taubstummen hören und sprechen, verbot aber gleichzeitig, jemandem davon zu erzählen (Mk 7, 34-36).
Zunächst können diese Sprechverbote unverständlich sein. Stellt man sich aber vor, ein Geheilter erzählt: ‚Ich wurde durch ein Wunder gesund!‘ – dann ist leicht nachvollziehbar, dass Neid entsteht und andere ebenfalls Heilung erwarten. Wer wünscht sich nicht ein Wunder vom Himmel? Jesus will aber nicht, dass Menschen aus Neid zu ihm kommen und Gleichbehandlung einfordern. Jesus heilt Menschen, die an ihn glauben. So wie die Frau, die zwölf Jahre an Blutfluss litt, sich durch die Menge kämpfte und heimlich Jesu Gewand berührte, „Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.“ Tatsächlich wird sie gesund, bleibt aber von Jesus nicht unbemerkt, fällt zitternd vor ihm nieder, während Jesus sagt: „Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet“ (Mk 5, 25-34).
Heute kann man es vielleicht mit einer Pilgerreise an einen heiligen Ort vergleichen: möchte ich dorthin, weil von vielen Wundern berichtet wird und ich auch eins will, oder möchte ich dorthin, weil ich daran glaube, dass Gott unser Bestes möchte und Wunder wirken kann, wenn er es will?
Und was ist, wenn ich dann tatsächlich ein Wunder erfahre? Stell dir vor, Gott erhört deine Gebete und auf unerklärliche Weise geschieht etwas Unfassbares, das du selbst kaum glauben kannst, was dir geradezu den Boden unter den Füßen wegzieht. Was dann? Es ist erstaunlich, dass selbst innerhalb des christlichen Umfelds Neid auf mystische Erfahrungen, wundersame Heilung oder sonst geartete Gotteserfahrung herrscht. Dass Nichtgläubige solche Berichte verspotten, ist verständlich. Aber sogar unter Gläubigen wird nur sehr selten und wenn, dann meist absolut vertraulich, über solche Erlebnisse gesprochen. Aus Angst vor Argwohn und Neid, verbunden mit der gewaltigen Ehrfurcht vor dem Geschehnis, bleiben viele Erfahrungen im Verborgenen.
Daran lässt sich die Gegenseite des Neids erkennen. Auch die Beneideten tragen eine Last, Neid vergiftet und zerstört jede Art von Beziehungen. Selbst wenn der Neid verschwiegen wird, ist auch für den Beneideten eine Beklemmung spürbar, die ehrliche, tiefgehende Verbindungen unmöglich macht. Liebe und Neid schließen sich aus, denn lieben heißt, alles für den anderen zu wollen.
Nicht wenige Menschen begegnen Neid schon in der Kindheit – sei es unter Geschwistern oder durch Eltern, die den Erfolg des eigenen Kindes nicht ertragen können. Wird Freude ständig abgewertet, lernt man, das eigene Glück als Schuld zu empfinden. So kann Neid die Fähigkeit zerstören, Positives im eigenen Leben anzunehmen und zu teilen.
Was können wir tun, damit Neid und Eifersucht nicht zur Todsünde führen?
Es kann helfen, sich selbst und andere in Bezug zu Gott zu positionieren: weltweit beten alle Christen über alle Zeiten und Konfessionen hinweg das Vater unser, das Jesus gelehrt hat. Im gemeinsamen Beten stehen wir alle auf derselben Stufe, sprechen Gott an mit Vater unser, nicht Vater meiner. Gottes Liebe steht ausnahmslos jedem Menschen jederzeit zur Verfügung. Niemand kommt zu kurz, niemand wird übervorteilt. Irgendwann stehen wir alle nackt, ungeschminkt und allein vor Gott. Niemand braucht befürchten, dass ein anderer schneller, besser oder einfacher ans Ziel kommt, wir alle gehen mit einer Geschwindigkeit von 60 Minuten pro Stunde darauf zu. Kannst du das glauben? Und kannst du das ertragen? Bist du so frei, dir selbst genauso wie jedem Andersgläubigen oder Feind die unterschiedslose Annahme von Gott zu wünschen? Freust du dich mit den Engeln über jeden Sünder im Himmel? (Lk 15, 10) Dann kannst du anderen wahrhaft Gutes wünschen, also ihr Wohl wollen.
Die Tugend, die INVIDIA gegenübersteht, ist das Wohlwollen
„Alles Gute wünsche ich Dir!“ Ob das Wohlwollen aufrichtig ist, kann man an der Mitfreude erkennen, wenn andere Menschen das Gute tatsächlich erhalten, das man ihnen gewünscht hat. Mitfreude über das Glück des andern, es sogar als eigenes Glück zu verstehen und dafür zu danken, ist absolut unvereinbar mit Neid. Das gelingt mit der Grundhaltung: ich bin okay – du bist okay. Sich weder selbst klein zu machen noch über den anderen zu erheben, ermöglicht reife Verbindungen, in denen jeder selbst die Verantwortung für seine Zufriedenheit übernimmt.
Angefangen hat diese Reihe mit der Frage nach meiner eigenen Tugendhaftigkeit. Deshalb will ich bei jeder der sieben Todsünden zuerst bei mir selbst hinschauen. Heute also: Bin ich wohlwollend?
Ich habe sehr lange darüber nachgedacht und das sprichwörtliche Haar in der Suppe gesucht. Aber tatsächlich: ja, ich halte mich (mittlerweile) für wohlwollend. Ich kenne Neid und Eifersucht eher aus der Perspektive der Beneideten, was keineswegs beneidenswert ist. Ich freue mich mit anderen über ihre guten Nachrichten und Erfolge. Mit der Zeit habe ich verstanden: Gott hat für jeden seinen eigenen, richtigen Plan – auch wenn ich ihn nicht immer verstehe oder gut finde. Ich vertraue unserem Gott, dass er die Rose nicht mehr liebt als das Gänseblümchen. Dieser Glaube schenkt mir Freiheit, Zufriedenheit und Dankbarkeit.
Spieglein, Spieglein an der Wand… Kannst du im Spiegel deine eigene Schönheit sehen, ohne zu fragen, ob es noch Schönere gibt?




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