SUPERBIA (Hochmut, Stolz) - Die 7 Todsünden
- Saskia
- 11. Okt. 2025
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Nov. 2025

„Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“
Dieses bekannte Zitat des früheren Aachener Bischofs Klaus Hemmerle bringt die Bereicherung in Begegnungen zum Ausdruck, die durch den Respekt vor der Anderheit des Gegenübers möglich wird.
Doch die Realität sieht oft anders aus. In Gesprächen zeigt sich Hochmut meist leise: Wir hören nicht wirklich zu, urteilen vorschnell oder wollen andere von unserer Sicht überzeugen. Die Aufmerksamkeit bleibt bei uns selbst – beim Wunsch, recht zu haben oder zu glänzen. So entsteht eine subtile Selbstüberhöhung, die uns von anderen trennt.
Ich denke, dass nahezu jeder Mensch hochmütige Momente kennt, in denen er sich anderen überlegen fühlt. Doch wie kommt es, dass wir so oft andere einfach nicht verstehen können und uns über sie erheben?
Kopf-, Bauch- und Herzmenschen
Gott hat jeden Menschen einzigartig und unverwechselbar als ein Original erschaffen. Dennoch teilen sich Menschen Charakterzüge und Grundmuster, die ihr Verhalten steuern.
Wir alle haben Bauch, Kopf und Herz. Bei jedem Menschen ist eins dieser Energiezentren dominant und setzt den Schwerpunkt für die Persönlichkeit:
Bauchmenschen handeln und entscheiden spontan und instinktiv. Sie haben meist ein gutes Ich-Gefühl, sind durchsetzungsstark und möchten ihre Selbstbestimmung schützen. Ihr (unbewusster) Antreiber ist Zorn: auf Ungerechtigkeit, Unfrieden oder Unvollkommenheit der Welt. Ihr Anliegen ist, etwas für die Welt zu tun, Veränderung zu bewirken und für die Sache zu kämpfen. Das Leben ist für sie ein Kampfplatz. Sie werden tief innen von einem Gefühl der Unwichtigkeit verfolgt. Ihr Zugang zu Gott ist oft der Vater als Schöpfer und Allmächtiger.
Ein Alltagsbeispiel: Wenn Bauchmenschen Kleidung kaufen, dann achten sie häufig auf die Bedingungen der Fertigung und das Tragegefühl, entscheiden sonst aber recht schnell: Das ist es. Oder auf gar keinen Fall. Fertig.
Herzmenschen handeln und entscheiden emotional und mittels intuitiver Empfindungen. Die Beziehung zu anderen und die Außendarstellung haben für sie höchste Wichtigkeit, sie definieren ihren Wert durch die Beachtung von anderen. Ihr (unbewusster) Antreiber ist Scham. Ihr Anliegen ist es, mit anderen in Verbindung zu sein, gut anzukommen, dazu zu gehören und anerkannt zu werden. Das Leben ist für sie eine Aufgabe, die bewältigt werden muss. Sie werden tief innen von dem Gefühl verfolgt, nicht liebenswert zu sein. Ihr Zugang zu Gott ist oft der Heilige Geist in Gemeinschaftserfahrungen.
Das Alltagsbeispiel: Wenn Herzmenschen Kleidung kaufen, achten sie darauf, was in Mode ist, ob es zu ihrem Image passt, ob es ihnen steht, wie andere es bewerten und ob es ihr Selbstbild unterstreicht. Sie holen gerne die Meinung anderer ein und lassen sich beraten, bevor sie sich zum Kauf entscheiden.
Kopfmenschen handeln und entscheiden mit dem Verstand und rational. Hohe Wichtigkeit haben für sie Beobachtungen, das Verstehen von Zusammenhängen und die Beurteilung, wer oder was vertrauenswürdig ist. Ihr (unbewusster) Antreiber ist Angst. Ihr Anliegen ist es, Sicherheit und Orientierung durch rationale Möglichkeiten zu erlangen. Das Leben ist für sie ein Rätsel und Geheimnis. Sie werden tief innen von dem Gefühl der Unfähigkeit verfolgt. Ihr Zugang zu Gott ist oft der Sohn, Jesus, in dem Gott sich offenbart hat.
Im Alltag: Wenn Kopfmenschen Kleidung kaufen, dann öffnet sich in ihrem Kopf eine Liste mit Kriterien: Passt es zum Anlass? Ist es praktikabel? Kann ich es kombinieren? Wie wird es gewaschen? Was ist, wenn… und so weiter… Es werden mehrere Stücke verglichen, noch eine Kaffeepause zum Nachdenken eingeschoben und dann widerwillig eine Entscheidung getroffen.
Weißt du schon, in welchem typischen Charakter du dich erkennst?
Wenn wir die unterschiedlichen Antriebskräfte, Ängste und Anliegen kennen, ist leicht erkennbar, warum uns das Verhalten und die Denkweise anderer Menschen oft so fremd ist.
Energierichtungen innen, außen, unbewusst
Schon die frühen geistlichen Lehrer der Kirche erforschten diese inneren Bewegungen lange bevor die moderne Psychologie sie beschrieb. Bereits die christlichen Wüstenmönche kannten die Grundmuster und haben eine weitere Unterteilung vorgenommen mit jeweils drei Untertypen: mit Energie nach außen auf andere gerichtet, mit Energie ins eigene Innere gerichtet und ein Typ, der unbewusst agiert. So entsteht ein Modell mit neun Seelentypen, die jeweils ähnliche Züge teilen. Die folgenden knappen Beschreibungen sind bewusst überspitzt und keine Schubladen! Menschen haben jeweils einen Schwerpunkt bei einem Typen, aber sie sind nicht ausschließlich der ein oder andere Typ.
Ein Bauchmensch, der seine Energie nach außen richtet, ist typischerweise ein Machtmensch, eine Führungspersönlichkeit, dominant und mächtig. Kontrolle zu haben ist ihm wichtig, Fehler und Feigheit verabscheut er. Dieser Mensch hat ein hohes Gerechtigkeitsbewusstsein, kämpft für Wahrheit, beschützt Schwächere und ‚sein Rudel‘. Diese Menschen sind mitunter erbarmungslos mit sich selbst und anderen. Sie sinnen auf Rache und Vergeltung und scheuen nicht davor zurück, jemanden vollends zu zerstören, auch wenn er schon am Boden liegt. Die Falle des Hochmuts liegt in der möglichen Haltung: 'ich habe Macht, ich bin stärker als ihr' und der Ablehnung Gottes als Autorität.
Mirjam ist eine Person aus dem Alten Testament, die Merkmale dieses Typs erfüllt: Mirjam ist neben Mose und Aaron gleichberechtigte Führungsperson, sie besingt mit Paukenschlag und Tanz den Tod der Ägypter. (Ex 15, 20-21)
Wenn ein Bauchmensch seine Energie nach innen richtet, möchte er aus eigener Kraft einen für ihn richtigen Idealzustand erreichen. Er ist ein leidenschaftlicher Weltverbesserer. Dafür stellen Menschen dieses Typs gerne Regeln auf, neigen allerdings zur Selbstgerechtigkeit, reden mit erhobenem Zeigefinger und kritisieren alles und jeden. Die Falle des Hochmuts liegt in der Verurteilung anderer wegen ihrer Unvollkommenheit und in dem Glauben, sich selbst erlösen zu können.
Paulus ist eine Person aus der Bibel, der diesem Typ zugeordnet werden kann. In seinen Briefen tritt er eifrig für das Evangelium ein und formuliert zahlreiche Regeln und Kritik.
Ein unbewusst agierender Bauchmensch ist ein Friedensstifter. Menschen dieses Typs haben Verständnis für jede Sicht, passen sich gerne an, gehen meist den Weg des geringsten Widerstands. Das macht sie manchmal etwas antriebsschwach. Sie sind sanfte Vermittler und können bedingungslos lieben. Die Falle des (seltenen) Hochmuts dieses Typs könnte lauten: 'ihr seid es mir nicht wert, dass ich mich dafür verrückt mache', auch bezogen auf Gott.
In der Bibel finden wir Jona als Vertreter dieses Typs. Vor Gottes Auftrag, der Stadt Ninive den Untergang anzukündigen, läuft er weg. Nachdem er den Auftrag (nach drei Tagen in einem Fischbauch) doch noch erfüllt hat, beobachtet er gemütlich aus sicherer Entfernung, ob etwas passiert. (Buch Jona)
Herzmenschen mit nach außen gerichteter Energie sind Helfer, die anderen viel geben. Dabei ist ihnen selten bewusst, dass sie auch ungefragt geben, was sie selbst für den anderen für richtig halten. Tief im Innern erwarten die Menschen dieses Typs Wertschätzung und Bestätigung, woraus sie ihren Selbstwert ableiten. Sie können dazu neigen, sich selbst zu Heiligen oder Märtyrern hochzustilisieren. Die Falle des Hochmuts liegt darin, dass sie davon ausgehen, gebraucht zu werden und Dankbarkeit zu verdienen, auch von Gott: Gott braucht sie, nicht sie brauchen Gott.
Marta ist eine Person im Neuen Testament, die diesem Typ zugeordnet werden kann. Sie tut viel und fordert dafür Beachtung von Jesus ein. (Lk 10, 40)
Herzmenschen, die ihre Energie nach innen richten, sind Individualisten, Selbstdarsteller und Ästheten. Sie möchten anders sein als andere und bewundert werden. Sie sind exzentrisch, extravagant, dramatisch, manchmal gekünstelt und haben ein elitäres Bewusstsein. Sie inszenieren ihr Leben, haben eine ständige Sehnsucht – Heimweh und Fernweh zugleich – und fühlen sich meist unverstanden. Die Falle ihres Hochmuts ist das Ausnutzen von jedem und allem für die eigene Inszenierung, auch Gott und die Liturgie.
Im Alten Testament ist Joseph eine Figur, die diesem Typ entspricht. Er ist unter den Brüdern anders als diese, ein wenig extravagant (bunter Rock), und auch in Ägypten hat er in jeder Szene eine Sonderrolle. Zuletzt inszeniert er ausführlich die Familienzusammenführung. (Gen 37-50)
Unbewusst agierende Herzmenschen sind leistungsorientiert. Bei ihnen dreht sich alles um den Erfolg und das Lob. Menschen dieses Typs können auf Knopfdruck in verschiedene Rollen schlüpfen, um beim jeweiligen Gegenüber gut anzukommen. Sie fühlen sich in ständigem Konkurrenzkampf und wollen um jeden Preis gewinnen. Dafür nehmen sie es oft mit der Wahrheit nicht sehr genau. Sie streben nach Status und neigen zu immenser Selbstüberschätzung. Sie führen gerne Gruppen an, auch radikale Gemeinschaften, weil sie dort hohe Anerkennung genießen. Sie sehen in anderen nur die nützliche Funktion, nicht die Person. Ihre Falle des Hochmuts liegt darin, dass diese Menschen dazu neigen, ein Reich aufbauen zu wollen, statt auf das Kommen des Reiches Gottes zu hoffen.
Im Alten Testament finden wir Jakob mit den Merkmalen dieses Typs. Schon im Mutterleib kämpft er mit seinem Zwillingsbruder Esau. Als Erwachsener erlangt er durch Betrug und List das Erstgeburtsrecht und den Segen des Vaters. Später kämpft er am Jabbok sogar mit Gott. (Gen 25-33)
Ein Kopfmensch, der seine Energie nach außen richtet, produziert Glück und Freude im Kopf. Menschen dieses Typs strahlen Fröhlichkeit und Leichtigkeit aus. Es sind die ewigen Kinder, adrenalinsüchtig, mit ‚Champagner im Blut‘, notorisch optimistisch und genusssüchtig. Negatives wird schöngeredet und Schmerz mit Stimulation überdeckt. Banalität, Oberflächlichkeit und Unbeständigkeit prägen das Leben der Menschen dieses Typs. Die Falle des Hochmuts ist die Annahme: 'ich bin meines eigenen Glückes Schmied!'.
Im Neuen Testament erkennen wir den reichen Jüngling in diesem Typ: Er fragt Jesus, was ihm noch fehle für das ewige Leben. Jesus verlangt von ihm, all seine Güter zu verkaufen und ihm nachzufolgen. Darauf will der Jüngling nicht eingehen. Er hatte sich vorgestellt, dass ihm zu seinem bisherigen guten Leben noch etwas Zusätzliches fehle, nicht, dass er seine bisherigen Annehmlichkeiten aufgeben müsse. (Mt 19, 16-22)
Kopfmenschen mit nach innen gerichteter Energie sind begierig nach tiefem Wissen und Verstehen. Ihre Augen sind wie Staubsauger, die alles aufnehmen, meist um ein inneres Vakuum zu füllen. Menschen dieses Typs sind oft introvertiert, schweigsam, distanziert und zurückgezogen. Sie hassen Aufdringlichkeit und Eindringlinge und versuchen alles, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie können die Welt erklären, werden aber wenig in ihr aktiv. Die Falle ihres Hochmuts ist ihre Wissensüberheblichkeit: 'ich weiß mehr, ich verstehe mehr und stehe über der Gefühlsduselei anderer'. Diese Arroganz kann sich auch Gott gegenüber zeigen: 'soll er sich doch melden, wenn er was von mir will'.
Der Apostel Thomas ist eine Person in der Bibel, die diesem Typ zugeordnet werden kann. Er ist nicht bei den anderen Jüngern nach Jesu Tod. Er hat sich allein zurückgezogen. Er zweifelt und glaubt erst an die Auferstehung Jesu, als er ihn mit eigenen Augen sieht. Jesus fordert ihn auf, seine Wunden zu berühren, aber Thomas wahrt die Distanz. (Joh 20, 24-29)
Unbewusst agierende Kopfmenschen sind besorgte Zweifler, die alle Szenarien durchdenken. 'Ja, aber wenn…' ist der zentrale Satz dieses Typs. Die Menschen dieses Typs suchen nach Sicherheit entweder durch extreme Vorsicht oder durch aufgesetzte Härte. Sie suchen nach Autoritäten in Personen, Institutionen oder Gruppierungen, weil sie dort eine unfehlbare Quelle der Wahrheit erhoffen. Manchmal schließen sie sich fundamentalistischen oder extremistischen Gruppen an. Sie sind Pessimisten mit einer gewissen Lust am Verlieren. Sie merken oft nicht, dass viele ihrer Ängste reine Hirngespinste sind. Die Falle des Hochmuts liegt bei ihnen in der Abhängigkeit von Autoritätsfiguren und dem damit verbundenen falschen Gehorsam.
Petrus zeigt einige Male Merkmale dieses Typs. Er ist Jesus treu ergeben. Bei der Gefangennahme Jesu schlägt er einem das Ohr ab, kurz darauf verleugnet er Jesus aus Angst. (Mt 26, 51 und 69-74)
Hochmut als Todsünde
Was in diesen neun Mustern noch menschlich verständlich scheint, kann zur todbringenden Sünde werden, wenn der Mensch sich nicht mehr von Gott her versteht, sondern selbst zum Maßstab wird. Wenn die beschriebenen Fallen unkontrolliert die Oberhand gewinnen und der Mensch sich so Gott gleichstellt oder sich sogar über Gott erhebt. Von Luzifer wird gesagt, dass er sich als einstiger Engel des Lichts mit Gott gleichsetzen, sich ihm nicht unterordnen wollte und daraufhin des Himmels verwiesen wurde.
Die Tugend, die SUPERBIA gegenübersteht, ist die Demut
Als Demut kann man den Mut verstehen, sich auf den Weg in die eigene dunkle Tiefe zu begeben, um die Wirklichkeit hinter der eigenen Fassade zu erkennen. Wenn man seine wahren Beweggründe, seine Schattenseiten und seine Anhaftung an Muster entdeckt, sie sich eingesteht und sie akzeptiert, überhebt man sich seltener über andere. Aus dieser Demut wächst die Chance, die Eigenarten als Gaben zu verstehen und ganz persönliche Stärken daraus zu entwickeln. Wahrhaft Demütige kennen ihren Wert, sind dankbar dafür und brauchen andere weder auszunutzen noch abzuwerten.
In den grob skizzierten Grundmustern können wir sehen, dass ausnahmslos jeder Mensch seine eigenen Schwachstellen hat und es ganz selbstverständlich ist, dass wir nicht alles nachvollziehen können und erst recht nicht jeden von unserer eigenen Sichtweise überzeugen können. Das ist unmöglich und unsinnig. Demut bedeutet daher auch, einen verständnisvollen und liebevollen Blick für andere zu haben, statt über sie zu urteilen.
Angefangen hat diese Reihe mit der Frage nach meiner eigenen Tugendhaftigkeit. Deshalb will ich bei jeder der sieben Todsünden zuerst bei mir selbst hinschauen. Heute also: Wie steht es um meine Demut?
Ich habe mich vor einigen Jahren auf den Weg gemacht, um meiner wahren Identität näher zu kommen. Einer der schmerzhaftesten Momente war das Kennenlernen der oben angerissenen Persönlichkeitstypen und die bittere Erkenntnis, dass ich in Wahrheit meine innere Leere mit Wissen fülle, Angst habe, unfähig zu sein, und gleichzeitig meine, vieles besser zu verstehen als andere. Es hat lange gebraucht, das einzugestehen. Die Erfahrung zeigt allerdings: was man ans Licht geholt hat, wuchert nicht mehr unkontrolliert im Dunkeln. Nein, ich bin nicht demütig. Und ich glaube, dass ich in dieser Welt niemals ganz demütig werden kann. Aber ich habe verstanden, was es bedeutet, Gott seine Schwäche hinzuhalten und ihn darum zu bitten, sich darum zu kümmern, weil man es selbst nicht schafft.
Vielleicht erkennst du dich ja in dem einen oder anderen Muster wieder – und entdeckst dabei, wo Hochmut dich manchmal in die Irre führt?

Die Typologie orientiert sich an den Neun Gesichtern der Seele im Enneagramm (vgl. unter anderem Richard Rohr, Andreas Ebert, Wilfried Reifrath, Gabriele Labudde)



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