So eilten sie hin und fanden (Lk 2, 16)
- Saskia
- 11. Jan. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Feb. 2025

Und es geschah, als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat! So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde. Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen gesagt worden war.
(Lukas 2, 15-20)
2025 ist ein Heiliges Jahr, ein Jubiläum, wie es seit dem Jahr 1300 in der katholischen Kirche in Abständen von (mittlerweile) 25 Jahren gefeiert wird. Traditionell pilgern Gläubige im Heiligen Jahr nach Rom und durchschreiten die Heiligen Pforten in den vier Papstbasiliken (Petersdom, Lateranbasilika, St. Paul vor den Mauern und Santa Maria Maggiore), die nur in diesen Jahren geöffnet werden.
Rom erwartet 30-45 Millionen Pilger im Jahr 2025 und auch ich werde mich als eine davon Mitte Februar auf den Weg nach Rom machen. Was bewegt mich dazu?
Reisende verlassen ihren Alltag, um andere Perspektiven einzunehmen, neue Erfahrungen zu machen und selbst mit allen Sinnen zu erleben, was Bilder und Beschreibungen nur eingeschränkt vermitteln können. Sich auf den Weg zu machen bedeutet immer auch, etwas mitzunehmen oder zurückzulassen, seinen Standort zu bestimmen, auf Wegweiser zu achten und sich in fremder Umgebung neu zu orientieren. Meistens kehrt ein Reisender bereichert zurück und blickt zumindest eine zeitlang verändert auf seine Gewohnheiten. Wenn das Ziel einer Reise einer bestimmten Person gilt, kommt die Freude über die Begegnung hinzu. Es zeigt eine große Wertschätzung, für jemanden einen Weg auf sich zu nehmen, um ihn zu treffen, von ihm zu erfahren und Zeit mit ihm zu verbringen.
Sich auf den Weg zu machen, entspricht dem tiefen Wesen des Christseins. Die Hirten waren die ersten Pilger des Christentums, als sie vom Feld zur Krippe im Stall eilten, um das Ereignis zu sehen, das ihnen die Engel verkündet hatten. Die Sterndeuter kamen aus der Ferne, um dem Kind zu huldigen. Jesus selbst zog umher und viele Menschen folgten ihm. Seine Mutter Maria, die ihn unterwegs zur Welt brachte, ging seinen Weg mit ihm von der Krippe bis zum Kreuz. In nahezu jeder katholischen Kirche ist das Leiden Jesu als Kreuzweg mit mehreren Stationen dargestellt. An einigen Stellen im Evangelium fordert Jesus auf: "Folge mir nach!", "Komm!", "Kommt und seht!". Jesus bezeichnet sich selbst als Weg. Glauben ist immer verbunden mit Bewegung auf Gott hin. Loszugehen ist Ausdruck einer bewussten Entscheidung, Gott zu vertrauen.
An erster Stelle steht für mich genau das: ich möchte dem "Komm!" von Jesus an mich folgen. Ich möchte wie die Hirten im Lukas-Evangelium an die Krippe eilen, das göttliche Ereignis sehen, das Wort hören, staunen und das Verkündete in meinem Herzen bewegen. In Rom und insbesondere in den vier Papstbasiliken ist die Anfangszeit des Christentums sichtbar und erlebbar. Ich möchte den Beginn spüren in sprechenden Gebäuden mit Kunstwerken, die seit Jahrhunderten die Wahrheit bewahren. Anblicke und Emotionen, die Ehrfurcht und Staunen erzeugen, um das Unaussprechliche auszudrücken. An diese Orte, die von der Kindheit des Christentums erzählen, möchte ich gehen, um möglichst nah am Ursprung wahrzunehmen, was vermittelt wird von denen, die Jesus selbst erlebten.
Eine weitere Motivation ist sehr persönlich. An dem Tag, an dem ich die vier Heiligen Pforten durchschreiten möchte, jährt sich ein für mich folgenschwerer Tiefpunkt negativer Erfahrungen mit Klerikern der katholischen Kirche. Personenbezogen, aber auch auf das Umfeld ausgeweitet, ist vor einem Jahr für mich jegliche Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit zerstört worden. Seitdem haben mich viele Gedanken zu Schuld und Vergebung, dem Wesen der Kirche, Unterscheidung der Geister, Wut und zu vielen weiteren Aspekten meines Glaubens beschäftigt. Meine Erfahrungen und Gedanken werde ich auf dem Weg nach Rom mittragen. Loszugehen nach Rom ist für mich der Ausdruck meiner Entscheidung, trotz allem Gott und seinem Wirken, auch in kirchlichen Strukturen, zu vertrauen, und mich nicht von der institutionalisierten katholischen Kirche abzuwenden.
Denn wenn Menschen Türen zuschlagen, sich nicht mehr in die Augen schauen können und reden nicht mehr möglich ist, man im Spiegel immer wieder die mögliche eigene Schuld betrachtet, wo ist dann der Ausweg? Vermutlich bei den geöffneten Türen Jesu. Ich möchte meinen Blick weg von mir, weg von meinem Schmerz, und weg vom anderen hin auf das Wesentliche, auf Jesus richten. Wenn der andere vielleicht ebenso auf Jesus in der Krippe mit den geöffneten Armen und auf Jesus am Kreuz mit den geöffneten Armen blickt, kann Gott durch diese Verbindung Heilung und Frieden wirken.
Ich möchte als eine von zig Millionen Gläubigen aus aller Welt durch die Heiligen Türen gehen in dem Bewusstsein, dass Gott für jeden einzelnen dieser Millionen Menschen einen individuellen Plan mit je eigenen Herausforderungen hat. Jeder und jede kommt mit seiner eigenen Geschichte, jedoch alle mit demselben Ziel, das uns vereint. Das Ziel ist Gott, der Vater, zu dem der Weg durch seinen Sohn frei ist. Die geöffneten Türen stehen als Zeichen für Christus und alle gehen verbunden hindurch. Wir alle sind die Kirche, der Leib Christi, von Gott einzeln und gewollt hinzugefügt, auch die, die verletzt haben, missbraucht haben oder auf andere Weise schuldig geworden sind. Die Türen stehen ausnahmslos jedem Menschen offen, allen anderen genauso unverdient wie mir. Notwendig ist nur die Entscheidung, sich auf den Weg zu machen und hindurchzugehen. Eine Ahnung von der Bedeutung der Heiligen Türen zu bekommen, ist für mich überwältigend.
Die Heiligen Pforten zu durchschreiten, ist auch eine Ermahnung an mich selbst, dass ich die Fehler, Sünden und das Versagen von mir, von anderen Menschen und von der Amtskirche der Gerechtigkeit Gottes überlasse und nicht richte. Ich möchte in Dankbarkeit durch die Türen gehen dafür, dass Gott immer wieder verzeiht und geduldig mit uns Menschen ist, für seine Liebe und für das Geschenk, das er uns mit seinem Sohn Jesus gemacht hat. Durch die Heiligen Türen gehen zu dürfen, verstehe ich außerdem als Auftrag, mit meinem Leben die Botschaft der Wahrheit weiterzutragen in Worten und Taten, das Feuer der Tradition weiterzureichen und nicht die Asche.
Papst Franziskus hat das Heilige Jahr 2025 unter das Motto "Pilger der Hoffnung" gestellt. Seine Ausführungen in der päpstlichen Bulle füllen den von mir bislang eher vernachlässigten Begriff 'Hoffnung' auf ermutigende Weise mit Bedeutung. Hoffnung und Vertrauen werden für mich die Leitworte auf meiner Reise sein.
Seit Weihnachten bereite ich mich auf die Pilgerreise vor. Dazu gehören für mich unter anderem Gebete, das Formulieren meiner Absichten, die Auseinandersetzung mit den Stationen sowie den Worten des Papstes. Ich reise bewusst alleine auf eigene Faust, um meine Schwerpunkte und mein Tempo selbst bestimmen zu können, und die Zeit im Trubel - soweit möglich - schweigend zu verbringen. Pilgerpass, Anmeldungen und Buchungen sind online leicht und schnell zu erledigen, es wurde eigens eine Internetseite dafür eingerichtet.
Die Stationen plane ich wie folgt:
Tag 1:
Hinfahrt vom Schwarzwald durch die Schweiz nach Italien
erster Stopp am Sacro Monte di Varallo, einem der Heiligen Berge im Piemont, auf dem in 45 Kapellen mit lebensgroßen Skulpturen das Leben Christi dargestellt ist
Besuch der Marienwallfahrtskirche Santuario di Nostra Signora della Guardia ('Heiligtum Unserer Frau zur Wache'), der Papst Benedikt XVI. im Jahr 2008 die goldene Rose verlieh; sie trägt den Titel Basilica minor und ist eine der Jubiläumskirchen 2025; sie liegt auf 800 m über dem Meer nördlich von Genua
Abendgottesdienst in der Kirche Santa Caterina, wo der unverweste Leichnam der Heiligen Katharina von Genua verehrt wird (die Heilige Katharina von Genua und ihr 'Traktat über das Fegefeuer' haben eine besondere Bedeutung für mich)
Übernachtung in Genua
Tag 2:
Weiterreise nach Rom
Sakrament der Versöhnung in der deutschsprachigen Gemeinde in Rom in Santa Maria dell'Anima
Besuch der Kirche Santa Maria della Pace, Gebet um Frieden
Besuch der Kirche Santa Maria in Vallicella (Chiesa Nuova), Gebet für alle Pilger, Kranken und Verirrten
Besuch der Kirche Il Gesù (Santissimo Nome di Gesù), Mutterkirche der Jesuiten, kontemplatives Gebet am Grab des Heiligen Ignatius von Loyola
Abendgottesdienst in Santa Maria dell'Anima (deutsch)
Eucharistische Anbetung in der Basilica di San Lorenzo Fuori le Mura
Tag 3:
Santa Maria Maggiore; geistliches Thema: Geheimnis der Geburt Christi und die Gottesmutterschaft Mariens; Frühmesse, anschließend erste Heilige Pforte
Lateran-Baptisterium, Gebet um Bewusstein der Taufberufung
San Giovanni in Laterano / Lateranbasilika; geistliches Thema: Kirche, die stets der Erneuerung bedarf und gleichzeitig die Verheißung des Erlösers beständig durch die Zeiten trägt; zweite Heilige Pforte
Cappella Sancta Sanctorum (mit Ikone, die nicht von Menschenhand gemalt sein soll) und Scala Santa (Heilige Treppe, auf der Jesus bei seiner Verurteilung gestanden haben soll und die kniend und betend erstiegen wird)
San Paolo Fuori le Mura; geistliches Thema: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Paulus); dritte Heilige Pforte
San Pietro in Vaticano / Petersdom; geistliches Thema: die Kirche aus lebendigen Steinen, als ewiges Geheimnis, durch das Gott mit Hilfe des Heiligen Geistes das Weiterleben Jesu wirkt; vierte Heilige Pforte
Santa Maria Maggiore: 21.00 Uhr Glockenläuten der "Sperduta" (= die Verirrte) zum Trost aller Pilger; der Klang der Glocke steht für Maria als Wegweiserin, Stella maris
Tag 4:
Jubiläumsaudienz mit Papst Franziskus auf dem Petersplatz
danach Rückfahrt
Zwischenstopp in Parma, Gottesdienst in der Basilica Magistrale di Santa Maria della Steccata ("Heilige Maria des Zaunes"), sie trägt den Titel Basilica minor und ist eine der Jubiläumskirchen 2025
Übernachtung in Como
Tag 5:
Sonntagsmesse in der Chiesa di San Antonio da Padova, Como (auch der Heilige Antonius von Padua hat eine besondere Bedeutung für mich)
Stopp am Sacro Monte di Varese, einem der Heiligen Berge in der Lombardei, auf dem in einer Marienwallfahrtskirche und 14 Kapellen mit lebensgroßen Skulpturen die Mysterien des Rosenkranzgebetes dargestellt sind
danach Heimfahrt
Zwischenstopp an der Christus-Statue Meggen (Schweiz) zum Dankgebet




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