Erinnern, was ich euch gesagt habe (Joh 14, 26)
- Saskia
- 2. Jan. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
(Johannes 14, 26)
Kirche, was bist du?
Bist du das ortsprägende Gebäude mit der Uhr? Die Kulisse für Familienfeiern? Bist du Fotomotiv oder Kunstsammlung? Bist du Treffpunkt für Gemeinschaft oder stiller Zufluchtsort?
Bist du eine Institution, ein bedeutender Arbeitgeber, Betreiber von karitativen Einrichtungen, Kitas, Schulen und Krankenhäusern? Ein Immobilienverwalter, Archiv und Behörde?
Bist du ein Zusammenschluss der ewig Gestrigen, Bewahrer von patriarchalischen Strukturen, ein Spielfeld für Missbrauch jeder Art?
Bist du ein Verein, in den man ein- und austreten kann, ein nettes Beisammensein oder Bühne für Selbstdarsteller? Ein Hobbyraum für Maler, Bastler, Dichter, Geschichtenerzähler und Musikanten?
Bist du der Strohhalm für Gescheiterte, eine Phantasiewelt für Naive, die notwendige Pflicht für die Eintrittskarte ins Paradies?
Bist du ein sinkendes Schiff, ein Kreisel, bedeutungslos, bemitleidenswert oder gar eine Hure, wie ein Priester formulierte? Ein Schauplatz von Machtspielen, Rechthaberei und Parteiungen?
In der Bibel werden drei Bilder für die Kirche verwendet: Volk Gottes, Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes. Die Begriffe sind geläufig, aber wie kann man sie begreifen?
Die christliche Kirche entstand, nachdem der auferstandene Jesus in den Himmel aufgefahren war. Sie folgte also auf Jesus. Davon berichtet in der Bibel die Apostelgeschichte. Vor Pfingsten steht jedoch Weihnachten:
Das Lukas-Evangelium beginnt mit der Erzählung von der Ankündigung eines Engels an Maria, dass Heiliger Geist über sie kommen werde und sie den Sohn Gottes gebären werde. Maria vertraut, stellt sich zur Verfügung und empfängt den Heiligen Geist. Gott nimmt die Gestalt eines menschlichen Körpers an und dieser wächst in und durch Maria. Ihr Körper wird zum Tempel Gottes, indem sie sich ohne Eigennutz ganz hingibt. Der Mensch Jesus wird von Maria geboren als Gott in einem Leib. Jesus ist erfüllt vom Heiligen Geist, sein Körper ebenso Tempel des Heiligen Geistes. Dieses göttliche Geschehen feiern wir bis heute an Weihnachten als Geburtstag Jesu.
Lukas gilt auch als Verfasser der Apostelgeschichte. Diese beginnt damit, dass Maria mit den Aposteln und anderen Trauernden wartet. Jesus hatte in seinen letzten Worten angekündigt, dass der Heilige Geist auf sie herabkommen werde und sie Kraft empfangen werden, damit sie Zeugen bis an die Grenzen der Erde sein werden. Maria vertraut wiederum, der Heilige Geist kommt auf sie und die anderen, mit denen sie gemeinsam verharrt, herab, erfüllt ihre Körper und die Kirche wird "geboren". Dieses göttliche Geschehen feiern wir bis heute an Pfingsten als Geburtstag der Kirche.
Die Parallele hilft mir bei dem Verständnis der Kirche als Leib Christi. Jesus hat die Kirche hinterlassen als "Körper" (oder Tempel) des Heiligen Geistes, der auf ihn folgt und ihn gegenwärtig bleiben lässt. Der Heilige Geist als Geist der Wahrheit und Beistand lehrt und erinnert an alles, was Jesus gesagt hat - wie Johannes schreibt. Die Kirche ist der fortlebende Christus. Sie besteht aus Menschen, die als einzelne Glieder den Leib bilden. Durch die Taufe werden sie von Gott aufgenommen. Das Haupt, also das herrschende Zentrum, ist und bleibt Jesus. Der Zusammenhalt und das Zusammenwirken gelingen durch selbstlose Liebe zueinander und zu allen. Der Heilige Geist füllt jeden einzeln und die Gesamtheit, um lehren und erinnern zu können. Der Mensch ist die Stimme, aber Jesus das Wort. Das menschliche Ohr hört, aber der Heilige Geist lässt verstehen. Das Auge des Menschen erblickt, aber Gott ist das Licht, das erkennen lässt.
Die christliche Kirche ist es also, die lebendig hält, was Jesus verkündet und getan hat. Zu Beginn war ein wesentlicher Schritt der Kirche die Entscheidung, welche Schriften als wahre Lehre in die Heilige Schrift aufgenommen werden. Der Heilige Geist hat durch die Kirche die Bewahrung der Wahrheit in der Bibel gesichert. Nach 2.000 Jahren, trotz aller Streitigkeiten, Verfolgungen, Kriege, Spaltungen und verschiedenste Umstände unterschiedlicher Zeiten ist die Wahrheit unverfälscht weiterhin erfahrbar. Es ist nichts verloren gegangen, sondern vielmehr in allen Ländern, in allen Sprachen, in allen Kulturen vorhanden und verkündet. Ich kann auf jedem Kontinent Gottesdienste mitfeiern und habe vollkommen unabhängig von der Sprache eine spürbare Verbindung zu anderen Gläubigen, was durch die Bezeichnung "Brüder und Schwestern" verdeutlicht wird. Das ist das Volk Gottes bis an die Grenzen der Erde. Die Liturgie in katholischen Gottesdiensten nutzt überall gleichermaßen alle Sinne: sehen, hören, riechen, singen, Gesten, gemeinsames Sprechen von einheitlichen Gebeten, Körperhaltungen spüren, beim Friedensgruß in direkten Kontakt mit den Nächsten treten, in der Kollekte etwas hergeben und als wesentlichen Kern die Vereinigung mit Jesus im Empfang der Eucharistie. Reflektieren, Schuld bekennen, loben und ehren, lernen, bitten, danken, opfern und empfangen. Wenn man sich dafür öffnet, kann man ahnen, dass all die Einzelheiten in der Gesamtheit etwas mit dem Verstand nicht Erfassbares ausdrücken. Es geht um das, was dahinter liegt, und nicht um die sichtbaren Zeichen an sich. Wenn man das spürt, wirkt der Heilige Geist.
Aber wie kommt es zu den oben gestellten, teilweise bitteren Fragen an die Kirche?
Die wirksamste Blockade gegen den Heiligen Geist ist Egoismus. Rechthaberei, Stolz, Eigennutz und ähnliches lassen nicht zu, dass der Heilige Geist wirken kann, weder im Einzelnen noch in Kollektiven. Wer in unserem Umfeld ist tatsächlich bereit, sich ähnlich wie Maria ganz selbstlos zur Verfügung zu stellen für das Handeln Gottes? Wer rechnet wirklich damit, dass Gott ausnahmslos Gutes für uns will und alles zum Heil führen wird, wenn wir uns von ihm formen lassen? Wer vertraut auch im Widerspruch zur eigenen Meinung darauf, dass der Heilige Geist in der Gemeinschaft von Papst und Bischöfen in der erforderlichen Weise dafür sorgt, dass die Wahrheit Jesu kontinuierlich durch die Zeit treu bewahrt bleibt? Wer traut sich, Unbequemes auszusprechen und umzusetzen ohne Angst vor Spott und Ablehnung? Wer in den deutschen Ordinariaten und Pfarreien fragt nach dem frommen Gebet um den Heiligen Geist noch danach, ob Gott vielleicht etwas anderes will als die eigenen Vorstellungen, wirtschaftliche Optimierung, Umfragen, unzählige Leitfäden, kreative Slogans auf Flyern oder Entsetzen über die neuesten Statistiken? Das ist meist gut gemeintes Menschenwerk ohne Heiligen Geist.
Gott handeln zu lassen, bedeutet jedoch nicht, untätig zu sein. Einzeln und gemeinsam scheitern, Fehler machen, einsehen und bereuen, sich wieder neu ausrichten und erneut bewusst für Gottes Weg entscheiden, durchhalten, ringen und sich im Gebet Gottes Geist unterordnen. Auf diese Weise kann der Heilige Geist seine Wirkmacht ausüben.
Ist der Leib Christi, die Kirche, nun wie Jesus auf seinem Leidensweg geschunden, verspottet, verletzt und dem Tode nah? Das mag für Deutschland und Europa so scheinen, jedoch ist dieser Eindruck sehr selbstbezogen. In Deutschland leben ca. 20 Millionen Katholiken, das sind nicht einmal 1,5 % der Katholiken weltweit. Die weltweite Katholikenzahl ist seit Jahren konstant steigend. Von 120 laut Apostelgeschichte auf 1,4 Milliarden in 2.000 Jahren. Studien zeigen, dass der Anteil der Christen, die ihren Glauben aktiv leben und regelmäßig Gottesdienste mitfeiern, in den Ländern am höchsten ist, in denen Christen am brutalsten verfolgt werden. An der Spitze liegt Nigeria, wo 94 % der Katholiken (Anteil von 46,4 % an der Bevölkerung) regelmäßig Gottesdienste feiern, während Nigeria auf dem sechsten Platz des Weltverfolgungsindex 2024 steht (Mord, Körperverletzung, Vergewaltigungen, Entführungen, Enteignung und Vertreibung durch islamisch-extremistische Milizen). In Deutschland geben nur 14 % der Katholiken an, zumindest gelegentlich Gottesdienste zu besuchen. Unter den 50 Ländern auf dem Weltverfolgungsindex befindet sich kein europäisches Land.
Kirche, was bist du?
Ich verstehe und akzeptiere die Kirche als tiefes Geheimnis. Sie ist das Mittel, durch das Gott mit Hilfe des Heiligen Geistes das Weiterleben Jesu wirkt. Die Kirche ist nicht von Menschen geschaffen und Menschen können sie nicht zerstören, sie ist ewig und überall. Menschen, die wie Maria vertrauen und sich selbstlos zur Verfügung stellen, werden von Gott eingesetzt, um als Nachfolger Christi seine frohe Botschaft in der Welt als lebendige Kirche, als Leib Christi, als Volk Gottes und als Tempel des Heiligen Geistes zu bewahren.




Ich bin sehr beeindruckt von diesem Beitrag. Die Qualität und die ausgewogene Darstellung sind bemerkenswert. Die Diskussion über die verschiedenen Ausprägungen, von gesundem Selbstbewusstsein bis zur pathologischen Störung, fand ich sehr wichtig. Eine Bewertung narzisstischer Merkmale mithilfe eines strukturierten Fragebogens kann ein Werkzeug zur Selbstreflexion sein. Es ist eine Gelegenheit, ehrlich auf die eigene Art der Beziehungsgestaltung und des Selbstbildes zu blicken.