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Der nehme sein Kreuz auf sich (Mt 16, 24)

  • Saskia
  • 21. Sept. 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Dez. 2024


Steinkreuz im laublosen Wald

Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

(Matthäus 16, 24)


Wenn in den Medien über Gewaltverbrechen berichtet wird, wird oft erwähnt, dass der Täter selbst in der Vergangenheit Opfer von Gewalt geworden ist.

Auch im Alltag kommt es ständig vor, dass Menschen das Unrecht, das sie selbst erfahren, in verschiedensten Formen an anderen auslassen.

Aus meiner persönlichen Erfahrung weiß ich, dass die Menschen, die mich am tiefsten verletzt haben, alle selbst traumatische Erlebnisse in ihrer Geschichte haben.


Jede Verletzung, die wir von anderen zugefügt bekommen - sei es körperlich oder seelisch, absichtlich oder versehentlich - trifft unseren Selbstwert. Jeder Schmerz durch körperliche oder seelische Gewalt, Spott, Verleumdung, Ausnutzen, Anschreien, Ghosting und andere Übergriffe führt zu einer (meist unbewussten) Abwertung des eigenen Selbst.

Es scheint ein sehr menschlicher Mechanismus zu sein, diese Erniedrigungen auszugleichen, indem man versucht, seinen eigenen höheren Wert zu spüren. Das wird oft dadurch erreicht, dass wir uns gegenüber anderen erheben. Wir tun das, indem wir lästern, bewerten, verurteilen, belehren oder auf die oben genannten Weisen anderen Menschen Schmerz zufügen. Es passiert einzeln oder gemeinschaftlich in kleinen Gruppen und Kollektiven.


Besonders ausgeprägt ist solches Verhalten auf Social Media-Plattformen, in der Politik, in Familien und auch im religiösen Umfeld. Dort kommt aus meiner Sicht hinzu, dass verschiedenste Gruppierungen jeweils davon überzeugt sind, den Willen Gottes zu kennen, und so Gott als Legitimation für die Herabwürdigung der jeweils anderen benutzen. So tun sie im Selbstverständnis etwas Richtiges für Gott, was die eigene Aufwertung noch verstärkt.


In dieser Dynamik entstehen negative Spiralen, da die empfangenen Demütigungen durch Abwertung des Nächsten kompensiert werden und dies immer weitergeht. In Familien wird oft über Generationen Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung weitergegeben. In der Politik kann der Zusammenschluss von Frustrierten zu Radikalismus und totalitären Systemen führen. In den Religionen entstehen durch Elitedenken Sekten und Extremismus. All diese Ausprägungen haben dieselbe Grundlage: die Erhebung über andere Menschen, über deren Würde und Freiheit, um sich selbst wertvoller zu fühlen.


Es ist jedoch kein auswegloser Kreislauf. Es gibt auch traumatisierte Menschen, die diesen Mechanismus durchbrechen, so genannte Cycle Breaker ("Zyklus-Brecher"). Es sind Menschen, die sich mit ihren Verletzungen, ihren Schwachstellen und ihren Reaktionen auf Berührungen dieser Wunden intensiv auseinandersetzen. Sie durchleben den Schmerz, ohne sich durch Weitergabe davon zu erleichtern. Sie übernehmen die Verantwortung für sich und ihre Gefühle und entwickeln neue Verhaltensmuster. Sie werden sich ihres Wertes von innen heraus bewusst. Sie erkennen, dass jede Verletzung aus dem Schmerz des Verursachers resultiert und können mit diesem Wissen Mitgefühl empfinden und verzeihen. So wird Frieden möglich. So etwas erfordert viel Kraft, Mut und Willensstärke. Oft sind das Menschen, die ihre Kämpfe im Gebet austragen.


Jesus hat Verfolgung, Verleumdung, Verrat und Verletzungen erfahren. Er ist vom Himmel bis in die tiefste Erniedrigung herabgestiegen. Bis zuletzt hat er alles mit Gleichmut auf sich genommen. Niemals hat Jesus jemanden abgewertet, um sich selbst zu erhöhen. Er hat stattdessen den Menschen einen Spiegel vorgehalten, damit sie ihre Fehler selbst erkennen und sich ändern können.


Lange Zeit habe ich den obigen Satz aus dem Matthäus-Evangelium mit der Betonung "...nehme sein KREUZ auf sich..." gelesen. Das hatte für mich immer so einen Hauch von "jammere nicht, jeder hat sein Päckchen zu tragen".

Jetzt lese ich den Satz anders: "...nehme SEIN Kreuz auf SICH...".

Jesus ist der einzige, der das Kreuz anderer - der ganzen Menschheit - tragen konnte, aus Liebe.




stark verwundeter blutender Rücken Jesu mit Dornenkrone







 
 
 

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