Der nehme sein Kreuz auf sich – und nicht das der anderen
- 21. Sept. 2024
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. März

Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
(Matthäus 16,24)
Verletzung und Weitergabe
Wenn in den Medien über Gewaltverbrechen berichtet wird, wird oft erwähnt, dass der Täter selbst früher Opfer von Gewalt war.
Auch im Alltag kommt es vor, dass Menschen Unrecht, das sie selbst erfahren, in verschiedenen Formen weitergeben.
Aus meiner persönlichen Erfahrung weiß ich: Die Menschen, die mich am tiefsten verletzt haben, trugen selbst schwere Geschichten in sich.
Jede Verletzung – sei es körperlich oder seelisch, absichtlich oder unbeabsichtigt – trifft unseren Selbstwert. Jeder Schmerz durch Spott, Verleumdung, Ausnutzen, Anschreien, Ghosting oder andere Übergriffe hinterlässt Spuren. Oft unbewusst entsteht eine leise Abwertung des eigenen Selbst.
Es scheint ein sehr menschlicher Mechanismus zu sein, diese innere Erniedrigung ausgleichen zu wollen. Wir versuchen, unseren Wert zu spüren, indem wir uns über andere erheben: durch Lästern, Bewerten, Verurteilen oder subtile Formen der Herabsetzung. Manchmal geschieht das einzeln, manchmal gemeinschaftlich.
Spiralen der Aufwertung
Besonders sichtbar wird diese Dynamik in sozialen Medien, in politischen Debatten, in Familien – und auch im religiösen Umfeld.
Gerade dort, wo Menschen überzeugt sind, Gottes Willen zu kennen, kann Gott zur Legitimation der Herabwürdigung anderer benutzt werden. Im eigenen Empfinden geschieht dann etwas „Richtiges“, was das Gefühl moralischer Überlegenheit noch verstärkt.
So entstehen Spiralen: Empfangenes Unrecht wird durch erneute Herabsetzung kompensiert. In Familien können sich über Generationen Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung fortsetzen. In der Politik können Frustrationen zu Radikalismus und totalitären Systemen führen. In religiösen Kontexten entstehen durch Elitedenken Sondergemeinschaften und Extremismus.
Die Grundlage ist oft dieselbe: Erhebung über andere Menschen – über deren Würde und Freiheit – um sich selbst wertvoller zu fühlen.
Den Kreislauf unterbrechen – Cycle Breaker
Und doch ist dieser Kreislauf nicht ausweglos.
Es gibt Menschen, die ihn durchbrechen. Menschen, die ihre Verletzungen nicht weitergeben, sondern sich ihnen stellen – in der Psychologie spricht man von „Cycle Breakern“. Sie setzen sich mit ihren Wunden auseinander, übernehmen Verantwortung für ihre Reaktionen und entwickeln neue Muster.
Sie tragen den Schmerz, ohne ihn weiterzureichen.
Vielleicht sind das gerade solche Menschen, die im Stillen ringen: im Gebet, im Gespräch, in ehrlicher Selbstprüfung. Sie spüren ihren Wert nicht durch Abwertung anderer, sondern von innen her.
Sie erkennen, dass jede Verletzung aus dem Schmerz des Verursachers resultiert und können mit diesem Wissen Mitgefühl empfinden und verzeihen. So wird Frieden möglich. So etwas erfordert viel Kraft, Mut und Willensstärke.
Das eigene Kreuz
Jesus hat Verfolgung, Verrat und Demütigungen erfahren. Er ist den Weg der Erniedrigung gegangen. Bis zuletzt hat er alles mit Gleichmut auf sich genommen. Niemals hat Jesus jemanden abgewertet, um sich selbst zu erhöhen. Er hat stattdessen den Menschen einen Spiegel vorgehalten, damit sie ihre Fehler selbst erkennen und sich ändern können.
Lange Zeit habe ich den Satz aus dem Matthäus-Evangelium mit der Betonung gelesen: „...nehme sein KREUZ auf sich...“. Es klang für mich wie: Jammere nicht. Jeder hat eben sein Päckchen zu tragen.
Inzwischen höre ich den Satz anders: „...nehme SEIN Kreuz auf SICH.“
Jesus ist der einzige, der das Kreuz anderer – der ganzen Menschheit – tragen konnte, aus Liebe.




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