Echte Versöhnung verändert mehr, als man denkt – Warum Umkehr mehr braucht als ein „Tut mir leid“
- 2. Okt. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. März

Seht euch vor!
Wenn dein Bruder sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er umkehrt, vergib ihm!
Und wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: Ich will umkehren!, so sollst du ihm vergeben.
(Lukas 17,3–4)
Wenn Versöhnung nur Pflicht ist
Ich erinnere mich daran, wie oft in meiner Kindheit Streithähne von Lehrern aufgefordert wurden, sich zur Entschuldigung die Hand zu geben und sich so zu versöhnen. Alles an den Kindern drückte den Widerwillen aus, aber sie gehorchten und rannten meist schnell nach dem Pflichtakt in unterschiedliche Richtungen weg. Wie Versöhnung gelingt, hat auf diese Weise wohl niemand gelernt.
Vielleicht ist es deshalb nicht verwunderlich, dass es vielen Erwachsenen auch heute noch schwerfällt, um Vergebung zu bitten und zu verzeihen. Dabei ist echte Versöhnung ein großartiges Gefühl, das Befreiung und Frieden bringt.
Warum „Tut mir leid, aber ...“ nicht reicht
Was Menschen nach dem Bemerken eines Fehlers als „entschuldigen“ verstehen, ist vielfältig, genauso wie die Beweggründe dahinter. Ein Gefühl der Verpflichtung oder taktisches Kalkül führen selten zu echter Versöhnung. Auch die Vorstellung, man könne sich selbst ent-Schuld-igen – also die Schuld selbstbezogen von den eigenen Schultern nehmen – greift zu kurz. Öffentliche allgemeine Floskeln („wenn ich irgendjemanden irgendwie verletzt habe ...“), Einschränkungen („falls ich einen Fehler gemacht habe ...“) und Schuldabweisung („tut mir leid, aber ...“) bereinigen ebenso wenig, was eine zwischenmenschliche Beziehung belastet.
Wenn Umkehr mehr ist als Worte
Der im Lukasevangelium genannte Wille zur Umkehr ist hingegen erkennbar, wenn jemand im direkten Kontakt seinen Fehler eingesteht und klar benennt. Wer aufrichtiges Bedauern zeigt, übernimmt uneingeschränkt die Verantwortung. Er nimmt die Verletzung des anderen wahr. Er bietet Wiedergutmachung an und bittet um Verzeihung. So richtet sich die Aufmerksamkeit auf den betroffenen Mitmenschen statt auf sich selbst und das eigene Image. Auf der anderen Seite ist die Bereitschaft zur Vergebung erforderlich. Sturheit, Rachegelüste und Groll verhindern Versöhnung. Milde, Nachsicht und Wohlwollen werden benötigt. Aber auch eine schnelle oberflächliche Bekundung von Verzeihen ist nicht authentisch. Wahrhafte Vergebung braucht Zeit. Sie wird erst möglich, wenn die gekränkte Person bereit ist, den Schmerz loszulassen. Versöhnung ist ein wechselseitiges Geschehen, wie es Jesus in den oben zitierten Worten seinen Jüngern deutlich macht.
Auch Gott gegenüber ehrlich werden
In der Bibel weisen zahlreiche Stellen auf die Bedeutsamkeit der Versöhnung hin, sowohl zwischen den Menschen als auch zwischen Gott und den Menschen. Der Mensch wünscht sich dabei immer wieder Gottes Güte, also dass Gott „ein Auge zudrücken“ möge. In Psalm 19 heißt es zum Beispiel „Versehentliche Fehler, wer nimmt sie wahr? Sprich mich frei von verborgenen Sünden“, im Vaterunser beten wir „Vergib uns unsere Schuld“, in der katholischen Eucharistiefeier folgt darauf vor dem Friedensgruß die Bitte „Schau nicht auf unsere Sünden“. Das Schuldbekenntnis und Bußgottesdienste sind Formen der gemeinschaftlichen Einsicht von Fehlern in der Hoffnung auf Vergebung.
Was jedoch zwischen Menschen gilt, gilt auch in der Beziehung zu Gott. Es macht einen bedeutenden Unterschied, sich in einer persönlichen Begegnung aufrichtig um Versöhnung zu bemühen. Katholiken kennen dafür das Sakrament der Versöhnung, auch Beichte genannt.
Leider wurden in der Vergangenheit viele Menschen – vergleichbar mit den oben erwähnten Schülern – gegen ihren Willen zur Beichte gedrängt. Auch heute noch wird die Beichte mancherorts wie eine Pflichtübung „erledigt“. Manchmal dient sie eher der Beruhigung des Gewissens als echter Umkehr. Deshalb wird der Wert dieses Sakraments allzu oft verkannt.
Wie ehrliche Gewissensforschung wirken kann
Nimmt man sich aus eigenem Antrieb etwas Zeit, ehrlich zu reflektieren, merkt man oft schnell: Da war etwas nicht gut. In dem, was ich gesagt habe. Oder getan habe. Oder unterlassen habe. Dieses innere Gespür ist ein guter Wegweiser zu den fehlerhaften Verhaltensweisen, mit denen man sein Gewissen und damit die Beziehung zu Gott belastet. Das eigene Eingestehen kann erstmal schmerzhaft sein, die Bibel verwendet dafür mehrmals das Wort „zerknirscht“. In einem geschützten Beichtgespräch kann man seine Einsicht ohne Druck in Worte fassen. Es geht nicht darum, Fehltritte aufzuzählen, sondern ehrliche Reue konkret auszudrücken: „Ich will umkehren!“ (s. o.). Das bereinigt nicht nur die Beziehung zu Gott, sondern kann zu einer großen Befreiung und inneren Klarheit führen. Es gibt zahlreiche Beispiele von wunderbaren Erlebnissen in Folge von Beichten aus den Lebensberichten bekannter Heiliger ebenso wie aus Erzählungen gewöhnlicher Menschen aus der Gegenwart. Ich selbst habe das erlebt. Ich habe auch die Ergriffenheit von Nicht-Katholiken nach Beichtgesprächen (ohne die sogenannte Lossprechung) miterlebt. Ich habe Tränen der Erleichterung gesehen, wenn Gläubige das erste Mal (wieder) gebeichtet haben.
Gottes Vergebung kann verändern
Die Erfahrungen rund um die Beichte sind auf meinem Glaubensweg unter denen, die mich am meisten geprägt und bestärkt haben. Sie waren für mich der Schlüssel, um eine Ahnung von der Bedeutung von Sakramenten zu bekommen.
Ich bin davon überzeugt, dass die persönliche und konkrete Versöhnung mit Gott immens wertvoll und keine fromme Pflichtübung ist. Wer die Güte Gottes und seine Vergebung im eigenen Leben erfahren hat, wird auch selbst gütiger, drückt öfter mal ein Auge zu und das Vergeben fällt leichter, selbst siebenmal hintereinander.




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