Windhauch – Was bleibt von einem Leben?
- 10. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. März

So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast? So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist.
(Lukas 12,18–21)
Sperrmüll am Ende der Straße
Am Ende der Straße, in der ich wohne, stand häufig Sperrmüll zur Abholung bereit. Holzschränke, Sofas, Matratzen, mal ein Bügelbrett oder ein Kühlschrank. Seit einigen Wochen steht dort dauerhaft ein großer Müllcontainer. Zwischen blauen Säcken lässt sich Sperrmüll erahnen. Es ist das Grundstück eines Seniorenheims.
Den Haushalt eines verstorbenen Verwandten aufzulösen, ist für die Trauernden oft eine große Herausforderung, auch emotional. Manchmal findet man persönliche Dinge, die einen irritieren oder die Fragen aufwerfen, auf die man keine Antwort mehr bekommen kann. Zu unterscheiden, was wichtig oder wertvoll – und was bedeutungslos ist, ist oft gar nicht so einfach. Letztlich bleibt den Hinterbliebenen meistens nicht viel anderes übrig, als einen Großteil der hinterlassenen Dinge zu entsorgen.
Windhauch – Kohelet und die Vorräte
Am selben Sonntag, an dem das oben zitierte Evangelium über die Bedeutungslosigkeit der angehäuften Vorräte verkündet wurde, begann die vorherige Lesung: „Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, das alles ist Windhauch.“ Weiter lautet der Absatz: Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne? (Kohelet 1,2–3).
Die eigenen Schuhkartons
Mich haben diese Texte zum Nachdenken gebracht, was ich hinterlassen würde, wenn man von mir noch in dieser Nacht das Leben zurückfordern würde. Mit was müssten sich die Menschen beschäftigen, denen die Dinge meines Lebens dann gehören würden? Durch diese Gedanken motiviert, habe ich meine Schränke und Schubladen geöffnet und mich Stück für Stück durch meine Vergangenheit gekramt. Viele Schuhkartons, gefüllt mit Erinnerungen, habe ich nach langer Zeit, teilweise Jahrzehnten, mal wieder geöffnet. Im Kopf hatte ich dabei immer die tiefe laute Stimme des Lektors aus der Kirche: Windhauch, Windhauch, das alles ist Windhauch!
So habe ich jedes Teil, jede Karte, jedes Foto noch einmal angesehen und dabei von Schmunzeln und Rührung, über Trauer, Schmerz und Wut, bis zum Staunen über längst vergessene Zeilen und Bilder, alle Emotionen noch einmal durchlebt. Mit den Erinnerungsstücken schlummerten auch die zugehörigen Gefühle in den Schuhkartons. Niemand anders kann wissen, aus welchem Grund ein Text, ein Absender oder eine Ansicht für mich wert waren, jahrelang aufbewahrt zu werden. Am Ende sind nur zwei Schuhkartons für mich und drei weitere sortiert und beschriftet für andere Personen übriggeblieben. Mehrere Säcke geschredderte Vergangenheit sind fort. Windhauch.
Es ist ein befreiendes Gefühl, Unterlagen ordentlich abgeheftet, wichtige Gegenstände markiert und überflüssige Dinge entsorgt zu wissen.
Und wie ist es mit den Schätzen bei Gott? Nicht an Dingen und Besitz zu hängen, ist eine erste Entscheidung. Aber mit Gott, seinen Nächsten und sich selbst im Reinen zu sein, ist eine sehr viel größere Aufgabe. Die menschlichen Verletzungen, Enttäuschungen und Konflikte kann man nicht so einfach in den Reißwolf stecken. Leider. Es braucht Vertrauen und Mut, den Schmerz noch einmal anzusehen und zu fühlen, einen Schritt weiterzugehen und neue Erfahrungen zu machen. Immer wieder aufs Neue. So können die alten Spuren verblassen. Windhauch.
Was bleibt?
Was eines Tages von mir bleiben wird, sind vermutlich die Erinnerungen, die andere Menschen mit mir verbinden. Vielleicht ein Satz. Vielleicht ein Gefühl.
Besitz vergeht. Papier zerfällt. Digitale Texte verschwinden in der Datenflut. Windhauch.
Der Gedankenschuhkarton
Und doch schreibe ich. Nicht, um Vorräte anzuhäufen. Sondern in der Hoffnung, dass Worte mehr sein können als Besitz – dass sie berühren, ermutigen oder einen Gedanken in Bewegung setzen.
Vielleicht ist das auch vergänglich. Aber es ist nicht bedeutungslos.
Der Deckel bleibt offen.




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