Es wird Nacht und wird Tag – Rom zwischen Plan und Wirklichkeit (Teil II)
- 17. Feb. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. März

Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie.
(Markus 4,26–27)
Wenn der Plan nicht aufgeht
Pläne und Erzählungen haben eine gemeinsame Schwäche: Sie sind gekürzt. Nur die gelebte Geschichte enthält alles. Wirklichkeit braucht mehr Raum und mehr Zeit.
Auch mein Plan für die Pilgerreise nach Rom war nur ein Ausschnitt. Unterwegs kam anderes hinzu, manches fiel weg. Und meine Erwartungen, über die ich an anderer Stelle geschrieben habe, veränderten sich.
Die Heilige Pforte
In der Vorbereitung stand das Durchschreiten der Heiligen Pforten im Mittelpunkt. Ich hatte mir den Moment genau vorgestellt: innehalten, beten, bewusst hindurchgehen. Etwas Erhabenes sollte es sein.
Die erste Heilige Tür war Santa Maria Maggiore.
Zuerst wollte ich die Frühmesse in einer Seitenkapelle mitfeiern und mich danach zur Heiligen Tür begeben. Um 6.30 Uhr ging ich im Dunkeln und strömenden Regen los. Rom war längst wach: viel Verkehr, rote Ampeln, riesige Pfützen, rutschige Gehwege. Drei Minuten vor sieben kam ich durchnässt am Vorplatz der Basilika an – und sah die Absperrungen zur Sicherheitskontrolle. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich eilte durch die Absperrungsgänge und passierte die Kontrolle. Die Messe hatte sicherlich schon begonnen.
Schon auf den Stufen zum Eingang der Basilika hörte ich das unangenehm laute Quietschen meiner nassen Schuhsohlen auf dem Steinboden. Wo musste ich hin? Ich sah Licht. Nur ein Eingang war geöffnet, von innen hörte ich bereits Gesang. Zügig huschte ich mit quietschenden Schritten hinein –
und in dem Moment begriff ich:
Das war sie.
Die Heilige Pforte.
Kurz war ich hin- und hergerissen, eilte aber so leise wie möglich weiter durch die hallende Basilika zur Frühmesse. Eine Weile kreiste in meinem Kopf: „Ich wollte doch aber eigentlich …!“ Die Heilige Tür! Die Pforte, die für Christus steht und zu Gott führt. Und ich war – schwupps – aus Versehen einfach achtlos durchgeflitzt.
Irgendwann musste ich dann innerlich darüber lächeln, was ich daraus wohl lernen könnte. Nach der Messe ging ich noch einmal zur Porta Santa zurück und holte mein Gebet nach. Es war aber nicht mehr dasselbe. Die überhöhte Erwartung und der erhabene Moment waren verschwunden.
Was zwischen den Stationen geschieht
Die anderen Heiligen Türen durchschritt ich wie geplant. In den Basiliken betrachtete ich die Kunstwerke, über die ich zuvor gelesen hatte, versuchte ihre Bedeutungen zu erfassen, betete, verharrte in Stille.
Das Wesentliche geschah jedoch auf den Wegen dazwischen. Zwischen den Kirchen. Zwischen den Eindrücken. Zwischen Erwartung und Wirklichkeit.
Das ist es, was Pilgern für mich ausmacht: Es geschieht etwas im Innern, das ich nicht steuern kann.
Wie im Markus-Evangelium: Der Mensch sät. Es wird Nacht und wird Tag. Und der Same wächst – er weiß nicht wie.
So wirkt Gott.
Begegnungen, die bleiben
Nicht die Heiligen Pforten haben mich am meisten berührt. Es waren andere Momente.
Zuerst die Begegnungen in der deutschen Gemeinde in Rom. Besonders das Beichtgespräch mit dem Priester war außergewöhnlich. Er nahm sich viel Zeit. Er gehörte zu den Menschen, die mehr verstehen, als man sagt – und die mehr sagen, als sie ahnen. Solche Begegnungen sind selten und gerade deshalb so wirkungsvoll. Es war ein Geschenk.
Eine weitere eindrückliche Erfahrung war das kniende Besteigen der Heiligen Treppe. Ich hatte dem im Vorfeld keine große Bedeutung beigemessen – eher als Möglichkeit gedacht, falls nicht zu viel los wäre. Es sollen die Stufen sein, über die Jesus am Tag seiner Kreuzigung zum Verhör zu Pilatus geführt wurde.
Reliquien und Legenden spielen in meinem Glauben keine große Rolle. Und grundsätzlich knie ich vor nichts anderem als dem Allerheiligsten. Entsprechend zurückhaltend war ich.
Und doch – als ich nun dort war – kniete ich mich auf die erste Stufe. Zwei Personen vor mir, eine hinter mir. Achtundzwanzig Stufen lassen sich nicht schnell kniend überwinden. Die anfänglichen Vorsätze – ein Vaterunser pro Stufe – wichen bald der blanken Erfahrung.
Als die Frau vor mir sichtlich mit Schmerzen mit den letzten Stufen rang, reichte ihr der Mann vor ihr die Hand und zog sie, so gut es kniend ging, mit hinauf.
Was ich auf dieser Treppe fühlte, hatte ich so nicht erwartet – eine Gleichzeitigkeit von Demut und Stärke.
Ob Jesus tatsächlich auf genau diesen Stufen gestanden hat, ist für mich nicht entscheidend. Diese Erfahrung werde ich nicht vergessen.
Rom – Pracht und Armut
Rund fünfundzwanzig Kilometer bin ich in eineinhalb Tagen durch Rom gelaufen.
Wie schon bei meinem vorherigen Rombesuch haben mich die Gegensätze beschäftigt: prachtvolle Bauten – und nur wenige Schritte weiter Menschen, die in Nischen, Hauseingängen oder unter kleinen Überdachungen kauern. Ich hatte immer etwas Kleingeld in der Tasche. Doch niemand hielt einen Becher hin. Niemand bettelte. Sie schienen sich eher zu verstecken.
Diese beiden Seiten Roms hinterlassen viele Fragen.
Fingerzeig nach oben
Die Basiliken wurden von Menschen errichtet, die mit Größe, Kunst und kostbaren Materialien auf etwas hinweisen wollten, das größer ist als sie selbst.
Marmor und Gold sind dabei nur der menschliche Versuch, nach oben zu zeigen.
Ob das Gott gefällt?
Mosaike und Fresken erzählen in Bildern von dem, was früher nicht allen als Bibel oder Predigt zugänglich war.
Aber sehen wir diese Botschaft heute noch?
Sacri Monti – Ein Spaziergang durch die Bibel
Auf dem Weg nach Rom und auch auf der Rückfahrt habe ich in der Lombardei und im Piemont Halt an einigen der Sacri Monti gemacht – Heiligen Bergen, auf denen seit dem 15. Jahrhundert in kleinen Kapellen Szenen aus dem Leben Jesu dargestellt sind.
Lebensgroße Figuren aus Terrakotta oder Holz stehen in stiller Landschaft zwischen Seen, Alpen und Olivenhainen.
Zwischen den Kapellen führen Wege durch Natur und Weite – Raum, in dem die Szenen wirken können. Es fühlt sich an wie ein Spaziergang durch die Bibel.
Mehr Gott in der Schöpfung?
Auf den Wegen der Heiligen Berge, auf der Fahrt durch den Schwarzwald, über die Alpen, an den Schweizer Seen vorbei, durch die Toskana, am Meer entlang – zwischen Sonnenauf- und -untergängen, an den ersten grünen Spitzen nach der Winterruhe – habe ich in der Schöpfung mehr von Gott gespürt als in den riesigen Basiliken Roms.
Mir kamen Worte des heiligen Augustinus in den Sinn: „Bestaunt die Wunderwerke Gottes und hört auf zu schlafen! Bestaunt ihr denn nur außergewöhnliche Wunder? Aber sind diese denn größer als die Wunder, die sich täglich vor euren Augen abspielen? Die Menschen sind von Bewunderung ergriffen, dass der Heiland Wasser in Wein verwandelte; geschieht nicht das Gleiche, wenn die Wurzeln des Weinstocks Regen aufnehmen? Der Urheber beider Wunder ist derselbe.“
Ich habe in Rom nicht mehr von Gott gefunden als im heimischen Nachbargarten, in dem die ersten Frühlingsboten erwachen.
In Rom ist vieles von Menschen geschaffen. In der Schöpfung alles von Gott.





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