Der Mann weiß nicht, wie (Mk 4, 27)
- Saskia
- 17. Feb. 2025
- 6 Min. Lesezeit

Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie.
(Markus 4, 26-27)
Pläne und Erzählungen haben eine gemeinsame Schwäche: sie sind immer gekürzt. Nur die gelebte Geschichte enthält alles, aber das ist unmöglich in Worte und Bilder zu packen. Die Wirklichkeit braucht mehr Raum und Zeit.
So hat auch in meinem aufgeschriebenen Plan für die Pilgerreise nach Rom einiges an Leben gefehlt und nicht alles ist planmäßig verlaufen. Ein paar Stationen habe ich weggelassen, dafür andere eingeschoben. Die Audienz wurde leider krankheitsbedingt abgesagt. Und auch meine Erwartungen haben sich unterwegs verändert.
Das Durchschreiten der Heiligen Pforten stand in der Vorbereitung im Mittelpunkt. Ich hatte mir das sehr genau vorgestellt: innehalten vor den Heiligen Türen, Gebet, Bewusstmachen der Bedeutung beim Durchgehen. Ein erhabener Moment sollte es sein.
Die erste Heilige Tür war die von Santa Maria Maggiore. Erst wollte ich dort die Frühmesse um 7.00 Uhr in einer Seitenkapelle mitfeiern und mich danach zur Heiligen Tür begeben. Ich ging um 6.30 Uhr im Dunkeln und strömenden Regen an meiner Unterkunft los. Es war schon viel Verkehr in Rom, viele rote Ampeln, riesige Pfützen, rutschige Gehwege... Drei Minuten vor sieben erreichte ich durchnässt und frierend den Vorplatz der Basilika und sah die großen Gitterabsperrungen, die einen Umweg zur Sicherheitskontrolle vorgaben. Das hatte ich so früh nicht eingeplant. Ich eilte durch die Absperrungsgänge, stellte mich kurz bei dem Container für die Kontrolle an und ließ mich sowie meine Tasche durchleuchten. Die Messe hatte sicherlich schon begonnen... Bei den letzten Schritten zum Eingang der Basilika hörte ich das unangenehm laute Quietschen meiner nassen Schuhsohlen auf dem Steinboden. Wo musste ich hin? Es war nur ein Eingang zur Basilika geöffnet und hell, von innen hörte ich bereits Gesang. Zügig huschte ich mit quietschenden Schritten durch die Tür und in dem Moment fiel es mir auf: DAS war die Heilige Pforte! Kurz war ich hin- und hergerissen, eilte aber so leise wie möglich weiter durch die hallende Basilika zur Frühmesse. Eine Weile kreiste in meinem Kopf "ich wollte doch aber eigentlich..."! Die Heilige Tür! Die Pforte, die für Christus steht und zu Gott führt! Und ich war - schwupps - aus Versehen einfach achtlos durchgeflitzt.
Irgendwann musste ich dann innerlich darüber lächeln, was ich daraus wohl lernen könnte. Nach der Messe ging ich nochmal zur Porta Santa (Heiligen Pforte) und holte meine Vorhaben nach. Es war aber nicht mehr das Gleiche, die überhöhte Erwartung und der erhabene Moment waren verschwunden.
Die anderen Heiligen Türen lief ich wie geplant ab. In den Basiliken betrachtete ich die Kunstwerke, über die ich vorher so viel gelesen hatte und versuchte die Bedeutungen zu erfassen. Dazu kamen immer wieder Fürbitten, Eucharistische Anbetung und Wahrnehmen der Atmosphäre an den verschiedenen Orten. Das Wesentliche, was für mich eine Pilgerreise ausmacht, passierte aber auf den Wegen dazwischen. Wenn man die vielen Eindrücke in die Tiefe gehen lässt, und zudem die Augen offen hält für die unerwarteten Momente, kann das ganz schön viel in einem bewegen. Das ist der Grund, warum ich gerne alleine und möglichst still pilgere. Das ist für mich vergleichbar mit der Botschaft aus dem Markus-Evangelium: man sät, bleibt dann passiv und wartet ab, es wächst etwas und man weiß nicht wie. So wirkt Gott.
Für mich waren es nicht die Heiligen Pforten, die mich auf meiner Reise am meisten berührt haben. Es waren andere Momente.
Zuerst waren es die Begegnungen in der deutschen Gemeinde in Rom. Besonders das Beichtgespräch mit dem Priester war außergewöhnlich. Er hat sich dafür viel Zeit genommen. Der Priester war einer der Menschen, die mehr verstehen als man sagt, und der mir mehr gesagt hat, als er ahnen kann. Solche Begegnungen sind selten, aber um so wirkungsvoller. Das war ein Geschenk!
Eine weitere eindrückliche Erfahrung war das kniende Besteigen der Heiligen Treppe. Darüber hatte ich mir vorher nicht so viele Gedanken gemacht und eher als "kann ich vielleicht machen, wenn dort nicht so viel los ist" angedacht. Es sollen die Stufen sein, über die Jesus am Tag seiner Kreuzigung zum Verhör zu Pilatus geführt worden sein soll. Reliquienverehrung und Legenden haben in meinem persönlichen Glaubensleben keine große Bedeutung und grundsätzlich knie ich vor nichts anderem als dem Allerheiligsten, deshalb war ich auch bei der Scala Santa eher zurückhaltend. Aber nun war ich dort und kniete mich auf die erste Stufe. Es waren zwei Personen vor mir und eine hinter mir. Die 28 großen Stufen kann man nicht schnell auf Knien bewältigen und die anfänglichen Gebetsvorsätze eines Vaterunsers pro Stufe sind irgendwann der blanken Erfahrung und persönlichen Formulierungen gewichen. Als die Frau vor mir sichtlich mit Schmerzen mit den letzten Stufen kämpfte, reichte ihr der Mann, der etwas vor ihr war, die Hand und zog sie so gut es kniend ging mit hinauf. Was man dabei fühlt, diesen Akt selbst zu vollziehen, und andere dabei wahrzunehmen, hatte ich so nicht erwartet, die Gleichzeitigkeit von Demut und Stärke. Ob Jesus tatsächlich auf genau diesen Stufen gestanden hat, ist für mich nicht wichtig. Diese Erfahrung werde ich so schnell nicht vergessen.
Rund 25 Kilometer bin ich in den eineinhalb Tagen durch Rom gelaufen. Wie schon bei meinem vorherigen Rombesuch vor zwei Jahren empfand ich die Gegensätze zwischen den prachtvollen Bauten und der großen Armut der vielen Obdachlosen als sehr bedrückend. In den Straßen abseits der Touristenplätze sieht man in vielen Nischen, in Eingängen und unter kleinen Überdachungen Menschen kauern. Ich hatte immer etwas Kleingeld in der Hosentasche, aber keiner der Menschen hat gebettelt, hatte einen Becher stehen oder ähnliches. Sie versteckten sich eher. Diese zwei Seiten Roms zeigen eine ganz eigene Botschaft und stellen für mich einiges in Frage.
Die Basiliken wurden errichtet von Menschen, die mit der beeindruckenden Größe, den begabtesten Künstlern und den wertvollsten Materialien versuchten, an den Grenzen menschlicher Möglichkeiten auf etwas viel Größeres hinzuweisen, von dem sie vielleicht auf irgendeine Art eine Ahnung bekommen haben. All dieser Prunk, der Marmor und das Gold sind nur der menschliche Fingerzeig nach oben. Gefällt das Gott? Die Mosaike und Fresken sollen in Bildern transportieren und bewahren, was damals noch nicht allen Menschen als Bibel in Buchform oder Predigten in Volkssprache verfügbar war. Sehen wir heute diese Botschaften darin noch?
Sowohl auf dem Weg nach Rom als auch auf dem Rückweg habe ich in der Lombardei und im Piemont Stopps an drei der Sacri Monti (Heilige Berge) eingelegt. Auf diesen insgesamt neun Bergen wurden ab dem 15. Jahrhundert in zahlreichen Kapellen Szenen aus dem Leben Christi mit hunderten lebensgroßen Figuren aus Terrakotta und Holz dargestellt. Teilweise mit atemberaubenden Blick in Landschaften zwischen Seen, Alpen, Olivenhainen in Natur und Stille betrachtet man die ausdrucksstarken Szenen und kann auf den Wegen zwischen den Kapellen die Bedeutung auf sich wirken lassen. Es ist wie ein Spaziergang durch die Bibel.
Auf den Wegen dieser Heiligen Berge, auf der Fahrt durch den Schwarzwald, über die Alpen, an den Schweizer Seen vorbei, durch die Toskana, am Meer entlang, bei Sonnenauf- und untergängen, an denen man sich nicht satt sehen kann, an den ersten grünen Spitzen der Frühlingsblumen und den Knospen an den Bäumen nach der Winterruhe, habe ich in seiner Schöpfung mehr von Gott gespürt als in den riesigen Basiliken in Rom. Mir kommen dabei Worte des Heiligen Augustinus in den Sinn: "Bestaunt die Wunderwerke Gottes und hört auf zu schlafen! Bestaunt ihr denn nur außergewöhnliche Wunder? Aber sind diese denn größer als die Wunder, die sich täglich vor euren Augen abspielen? Die Menschen sind von Bewunderung ergriffen, dass der Heiland Wasser in Wein verwandelte; geschieht nicht das Gleiche, wenn die Wurzeln des Weinstocks Regen aufnehmen? Der Urheber beider Wunder ist derselbe."
Oder wie Alfred Delp sagte: "Die Welt ist Gottes so voll." Für mich ist sie das in Rom nicht mehr oder weniger als im heimischen Nachbargarten, in dem die ersten Frühlingsboten erwachen. In Rom ist viel von Menschen geschaffen, in der Schöpfung alles von Gott.
In Erinnerung an meine Motivation für die Reise nehme ich aus den Tagen mit: ich habe in der Vergangenheit auf meine eigene Art gesät und tue es weiter. Es wurde Nacht und es wird Tag. Ich vertraue darauf, dass Gott den Samen wachsen lässt, auch wenn ich nicht weiß, wie. Enge Pläne brauche ich nicht zu machen. Gott hat den Plan.





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