Wer oder was ist das Wasser? – Über Strömungen, Kontrolle und Vertrauen
- 27. Apr. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Feb.

Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?
(Markus 4,37–40)
Wasser – Mein Element
Wasser ist mein Lieblingselement. Schon im Kindergartenalter war ich im Schwimmverein und nahm an Wettbewerben teil. Ob Schwimmbad, See oder Meer – in den Ferien verbrachte ich möglichst viel Zeit im Wasser. Später folgten der Tauchschein, zahlreiche Tauchurlaube, Weiterbildungen bis zum Rescue Diver und schließlich der Sportbootführerschein.
Unter der Oberfläche – Schönheit und Begrenzung
An der Unterwasserwelt hat mich immer fasziniert, dass sie eine so farbenintensive Landschaft ist – mit vielfältigen Lebensformen: von kleinen, unscheinbaren Schnecken über leuchtende Korallen bis hin zu majestätischen Fischen.
Sie ist nicht für Menschenaugen gemacht.
Menschen sind die einzigen Lebewesen, die staunen und sich an diesen überwältigenden Anblicken erfreuen können. Doch dafür müssen sie gegen ihre Natur handeln und sich mit Technik, Atemluft und künstlichem Licht in einen Lebensraum begeben, der nicht für sie bestimmt ist.
Diese Welt existiert unter der Wasseroberfläche – ohne die Absicht, dass jemand sie betrachtet.
Kontrollverlust
Wenn man ins Meer abtaucht, verlässt man für eine Weile die Menschenwelt. Man ist nicht mehr erreichbar. Selbst der Taucher neben einem kann nur eingeschränkt über Zeichen kommunizieren.
Unter Wasser ist man im Hier und Jetzt. Man nimmt wahr – mehr nicht.
Bei Wellen oder Strömung spürt man die Gewalt des Wassers und die eigene Begrenztheit. Gegen starke Bewegungen anzuschwimmen ist zwecklos. Muskelkraft reicht nicht aus. Möglich ist etwas anderes: sich der Strömung anzuvertrauen, an Felsen entlangzutreiben und zu beobachten.
Ich erinnere mich an einen Tauchgang in unerwartet starker Strömung. Eine Stunde lang hielten wir uns einfach nur unterhalb des ankernden Bootes am Felsen fest und beobachteten jagende Barrakuda-Schwärme.
Wenn Orientierung fehlt
Bei Nachttauchgängen schalteten wir manchmal für einen Moment alle Lampen aus. Anders als an Land gibt es unter Wasser kein Restlicht. Es ist vollkommen schwarz. Man treibt schwerelos und blind.
In solchen Situationen – ebenso wie in aufgewühlten Seen oder im offenen Meer ohne Referenzpunkte – kann man vollkommen die Orientierung verlieren. Nur an den aufsteigenden Luftblasen aus dem Atemgerät lässt sich noch feststellen, wo die Oberfläche sein muss.
Einmal versagte in 25 Metern Tiefe mein Atemregler. Statt Luft zog ich Salzwasser ein. Einige Sekunden lang konnte ich nicht atmen, bis ich den Ersatzregler gelöst und in den Mund geführt hatte. Es war nicht dramatisch. Aber es ist eine Erinnerung, die bleibt.
Ehrfurcht lernen
Begriffe wie Ehrfurcht, Hingabe und Demut haben für mich beim Tauchen eine spürbare Bedeutung bekommen. Damals verband ich damit noch keine religiösen Gedanken.
Heute erscheinen mir diese Erfahrungen wie Bilder, die etwas von Gott erzählen.
Wasser entzieht sich der Beherrschung. Es ist lebensnotwendig und zugleich mächtig. In dieser Erfahrung von Größe und Unverfügbarkeit lerne ich etwas über Ehrfurcht – über das Anerkennen einer Wirklichkeit, die größer ist als ich.
Schweig, sei still! – Wer oder was ist eigentlich das Wasser?
Markus berichtet davon, wie Jesus die See und die Winde beherrschte. Zuvor schlief er ruhig und tadelte die Jünger, die ihn weckten, wegen ihrer Angst. Jesus macht deutlich, dass Glauben Vertrauen bedeutet – gerade in Situationen, in denen Menschen aus eigener Kraft nichts bewirken können. Oft werden wir in dieser Geschichte mit den Jüngern identifiziert – mit denen, die im Boot sitzen, die Wellen fürchten und darauf warten, dass Jesus eingreift.
Man kann jedoch auch anders fragen:
Wer oder was ist das Wasser?
Welche Kräfte bringen ein Boot ins Wanken?
Welche Strömungen lösen Angst aus, weil sie sich unserer Kontrolle entziehen?
Manchmal sind es äußere Umstände. Manchmal gesellschaftliche Entwicklungen. Manchmal innere Konflikte, Überzeugungen, Machtansprüche oder verletzte Egos, die Wellen schlagen.
Nicht jede Strömung ist böse. Aber nicht jede ist harmlos.
Vielleicht beginnt Glaube dort, wo wir aufhören, gegen jede Bewegung ankämpfen zu wollen – und stattdessen lernen, die eigene Begrenztheit anzuerkennen.
„Schweig, sei still“ richtet sich dann nicht nur an Wind und Wellen, sondern auch an die Angst.
Wer taucht, weiß: Gegen starke Strömung anzuschwimmen erschöpft. Sich bewusst hinzugeben, ohne die Orientierung zu verlieren, braucht Vertrauen.
Vielleicht ist genau das gemeint.




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