Schweig, sei still! (Mk 4, 39)
- Saskia
- 27. Apr. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?
(Markus 4, 37-40)
Wasser ist mein Lieblingselement. Ich war schon im Kindergartenalter im Schwimmverein und nahm an Wettberwerben teil. Ob Schwimmbad, See oder Meer, in allen Ferien verbrachte ich möglichst viel Zeit im Wasser. Später machte ich einen Tauchschein, viele Tauchurlaube, Weiterbildungen bis zum Rescue-Diver und einen Sportbootführerschein.
An der Unterwasserwelt hat mich immer fasziniert, dass es eine so farbenintensive Landschaft ist - mit vielfältigen Lebensarten von wunderschönen kleinen Schnecken über leuchtende Korallen bis zu majestätischen Fischen - die nicht für Menschenaugen geschaffen ist. Menschen sind die einzigen Lebenwesen, die staunen und sich an diesen überwältigenden Anblicken erfreuen können. Aber sie müssen dafür gegen ihr Wesen handeln und sich mit viel Technik, Atemluft und Lampen in einen Lebensraum begeben, der nicht für sie bestimmt ist. Nur mit künstlichem Licht ist die Farbenpracht sichtbar. Diese eindrucksvolle Welt existiert unter der Wasseroberfläche, ohne die Absicht, dass die Schöhnheit bestaunt werden soll.
Wenn man ins Meer abtaucht, verlässt man für eine Weile die Menschenwelt. Man ist nicht mehr erreichbar und selbst der Taucher neben einem kann nur sehr eingeschränkt durch Zeichen und Signale kommunizieren. Dort ist man im "Hier und Jetzt", ganz bei sich und nimmt einfach nur wahr. Bei Wellen oder Strömung spürt man die Gewalt des Wassers und die eigene Begrenztheit. Es ist einfach nicht möglich, durch Muskelkraft gegen die starken Wasserbewegungen anzukommen. Es ist aber möglich, sich der Strömung hinzugeben, an Felsen entlang treiben zu lassen und einfach nur zu gucken. Vorausgesetzt natürlich, dass ein Bootsfahrer die Tauchergruppe am Auftauchpunkt abholt. Ich erinnere mich an einen Tauchgang mit einer kleinen Gruppe in unerwartet starker Strömung, bei dem wir uns nach dem Abtauchen einfach eine Stunde lang an Felsen unterhalb des ankernden Bootes festhielten und jagende Barrakuda-Schwärme beobachteten.
Bei Nachttauchgängen haben wir manchmal alle Lampen einen Moment lang ausgeschaltet. Anders als in der Luft gibt es unter Wasser keinerlei Restlicht mehr. Dort herrscht absolut schwarze Dunkelheit, in der man dann schwerelos und blind treibt. In diesen Situationen, aber auch in schlammigen, aufgewühlten Seen ohne Sicht oder im Meer im Freiwasser, das heißt ohne Referenzpunkte durch Felsen oder Grund, kann es passieren, dass man nicht mehr weiß, wo oben oder unten ist. Man ist vollkommen orientierungslos. Nur an den aufsteigenden Luftblasen aus dem Atemgerät kann man noch fühlen, in welcher Richtung die Wasseroberfläche sein muss.
Einmal passierte es mir, dass mein Atemregler, also das Teil, durch das ein Taucher über das Mundstück atmen kann, in 25 Metern Wassertiefe kaputt ging. Statt Luft sog ich beim Einatemzug überraschend einen Schwall Salzwasser in den Mund. Jeder Taucher hat einen Ersatz-Atemregler an der Flasche, der aber, nachdem man das Problem erkannt hat, erstmal aus der Befestigung gelöst und in den Mund geführt werden muss. Dabei vergehen viele Sekunden, in denen man ohne Luft auskommen muss. Das ist nicht dramatisch, für mich aber eine Erinnerung, die bleibt.
Begriffe wie Ehrfurcht, Hingabe und Demut haben für mich beim Tauchen eine fühlbare Bedeutung bekommen. Damals habe ich noch keine religiösen Gedanken damit verbunden. Heute sind es für mich Bilder, die viel über Gottes Wirken lehren können. Wasser ist vom Menschen nicht beherrschbar. Wasser ist lebensnotwendig, kann aber auch tödlich sein.
Markus berichtet davon, wie Jesus die See und die Winde beherrschte. Zuvor schlief er ruhig und tadelte die Jünger, die ihn weckten, wegen ihrer Angst. Jesus macht damit deutlich, dass glauben vertrauen bedeutet, gerade in Situationen, in denen Menschen aus eigener Kraft nichts bewirken können. Meistens werden in Predigten über diese bekannte Bibelstelle die Gläubigen mit den Jüngern gleichgesetzt, die in einem Boot sitzen, den Gewalten ausgeliefert sind und darauf warten, dass Jesus einschreitet.
In Zusammenhang mit dem anstehenden Konklave bin ich auf einer andere Sichtweise gestoßen. Man kann auch fragen, welche Menschen die Rolle des Wassers einnehmen. Welche Menschengruppen bringen in aufeinanderprallenden Wellen das Boot in Gefahr, machen anderen wegen der Unbeherrschbarkeit Angst, bringen Jesus jedoch nicht aus der Ruhe? Welche Strömungen wirken auf welche Weise in der Weltkirche? Unabhängig davon, ob jemand sich einer Welle der erzkonservativen Traditionalisten oder einer Welle der progressiven Reformer zugehörig fühlt oder sich vielleicht nur an einem Fels festhält und das Treiben beobachtet, lohnt sich aus meiner Sicht für jeden ein wenig Ehrfurcht und Demut, um das "Schweig, sei still!" nicht zu überhören, mit dem Jesus für ruhige See sorgen kann.




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