Er ist von Sinnen (Mk 3, 21) - Über den Umgang mit der Bibel
- Saskia
- 2. Apr. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Jesus ging in ein Haus und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass sie nicht einmal mehr essen konnten. Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.
(Markus 3, 20-21)

Ein Bild, vier Perspektiven:
Thomas (35) denkt: 'Was? Ich bin doch nicht so dick!'
Lisa (5) denkt: 'Voll blöde Farben.'
Frau Müller (48) denkt: 'Das Kind befindet sich altersgemäß in Schemaphase I, malt Extremitäten in Doppellinien und stellt nicht sichtbare Bildebenen gleichzeitig dar.'
Max (6) denkt: 'Ich habe die beste Mama und den besten Papa der Welt. Sie sind lustig und am liebsten schlafe ich auf Papas Bauch ein.'
Menschen sehen, hören und deuten dasselbe unterschiedlich. Unzählige Faktoren bestimmen die Einordnung von Worten und Bildern in den eigenen Kontext. Auch jedes Lesen eines Textes beinhaltet immer eine eigene Interpretation. Das gilt besonders für die Bibel.
Bei der Bibel kommt hinzu, dass schon die Worte, die wir im Allgemeinen lesen, eine Interpretation beinhalten. Es stehen in deutscher Sprache verschiedene Übersetzungen zur Auswahl wie die Einheitsübersetzung, die Lutherbibel, die Hoffnung-für-alle-Bibel und viele weitere. Die verschiedenen Ausgaben wurden im Lauf der Zeit immer wieder angepasst an den Sprachwandel und neue Erkenntnisse aus der Sprach- und Geschichtsforschung. Die unterschiedlichen Übersetzungen resultieren unter anderem daraus, dass Worte in den Originalsprachen (altgriechisch, hebräisch und aramäisch) verschiedene deutsche Bedeutungen haben können oder aber auch gar keine deutsche Entsprechung haben. Die Übersetzungen der Texte müssen also zwangsweise eine Interpretation beinhalten, was vielleicht auch an dem englischen Wort für den deutschen 'Dolmetscher' deutlich wird, es lautet 'interpreter'.
Ich finde es interessant, Auslegungen von katholischen, evangelischen oder auch freikirchlichen Predigern und Predigerinnen, mal konservativ, mal neutral, mal progressiv, zu derselben Bibelstelle zu hören. Man erkennt die verschiedenen Brillen, durch die geblickt wird, und kann manchmal staunen, wie dieselben Worte für vollkommen gegensätzliche Standpunkte als Begründung dienen können.
Es gibt ein Poster, auf dem steht: I CAN DO ALL THINGS THROUGH A VERSE TAKEN OUT OF CONTEXT (deutsch: ich kann alles erreichen mit einem Bibelvers, der aus dem Zusammenhang gerissen ist). Mir ist das sehr bewusst und deshalb versuche ich hier im Blog immer darauf zu achten, dass ich nicht mehr mache, als ganz persönliche Gedanken zu Textstellen zu teilen, die aus meinem Lebens- und Glaubensweg resultieren. Meine Beiträge sollen keinen Predigtcharakter haben.
So wie in anderen Fachdisziplinen auch, halte ich es nämlich für gut, das Predigen und die Auslegung der Schrift den Menschen zu überlassen, die dafür ausgebildet sind. Im Theologiestudium werden zunächst die Sprachen erlernt, um mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise mit den Urtexten arbeiten zu können, was eine umfassende Auseinandersetzung mit der Übersetzungsproblematik ermöglicht. Durch historisch-kritische Beurteilung wird zudem eingeordnet, wer wann was warum an wen formuliert hat. Die eigene Sichtweise kann sich dabei erweitern, das Verständnis sich durch neue Erkenntnisse aus Geschichts- und Sprachwissenschaften weiterentwickeln und die Fähigkeit ausgebildet werden, verschiedene Perspektiven einzunehmen und nebeneinander stehen zu lassen. Soweit zumindest das Idealbild.
Viele Prediger und Predigerinnen vermitteln ihren Zuhörern diese grundlegenden Einordnungen und regen dazu an, selbst weiterzudenken, mit den Bibelstellen zu ringen, auf Spurensuche zu gehen und die Bedeutung für den eigenen Lebenskontext zu finden. In diesem Bibelverständnis wird keine verfügbare absolute Wahrheit unterstellt, sondern durch die Texte der Mensch zu Gott in Beziehung gesetzt. Solche Prediger und Predigerinnen lassen dabei stehen, dass es sich um Geheimnisse des Glaubens handelt, die sie nicht lüften können, und die beim Eintauchen immer geheimnisvoller und anziehender werden. Ein solches Geheimnis ist etwas anderes als ein Rätsel, für das es eine Lösung gibt, und das nach der Auflösung ein Gewinnergefühl verleiht, aber auch den Reiz verliert.
Eine Umgangsweise mit der Bibel in einer Art 'Enträtseln' kann sein, dass Menschen sich aus der Bibel herauspicken, was sich für sie gut anfühlt, was sie selbst verstehen, für sich interpretieren und glauben wollen. So ist es möglich, für jede Frage eine bequeme Antwort aus der Bibel zu entnehmen, die das eigene Bestreben unterstützt und das gute Gefühl gibt, dem eigenen Herzen und gleichzeitig der Bibel zu folgen. Das ist ein individualistischer Ansatz. Wahr ist, was die Person als wahr empfindet. Auf diese Weise macht man sich leicht selbst zum Maßstab von Wahrheit.
Im entgegengesetzten Extrem nehmen Menschen die Bibel wörtlich. Die Texte gelten ausnahmslos als Gottes Wort und absolute Wahrheit. Eine solche Lesart gibt ein Gefühl der Eindeutigkeit und Sicherheit. Solange man an solch einer Sichtweise festhält, ist keine Weiterentwicklung und kein Lernen auf dem Glaubensweg möglich, weil diese angenommene Wahrheit sich nicht verändern kann. Da aber wie oben beschrieben jeder Mensch naturgemäß immer interpretiert, ob er will oder nicht, kann es selbst bei dem wörtlichen Bibelverständnis keine objektive Wahrheit geben.
Warum schreibe ich darüber, wenn doch grundsätzlich jeder frei ist, die Bibel so zu verstehen, wie er oder sie möchte? Ich halte es für wichtig, dass Gläubige diese Unterschiede erkennen und sensibilisiert sind. Gerade im Bereich des Glaubens, wo viel Argumentation in den nicht sichtbaren Bereich verschoben werden kann, sollten Menschen den Mut haben auszusprechen, was sie anders verstehen oder nicht akzeptieren können. Es sollte gerade in diesem Umfeld selbstverständlich sein, dass jede Perspektive einen Wert hat, und nie die Menschlichkeit des Gegenübers vergessen werden darf. Das passiert nämlich leider leicht, wenn Menschen einen Wahrheitsanspruch erheben, der für alle gelten soll. Andere Sichtweisen werden dann zu Feindbildern, von bösen Mächten beeinflusst, die bekämpft werden müssen, um die eigene Wahrheit, gleichgesetzt mit Gottes Willen, zu verteidigen.
Wir können das aktuell in der Weltpolitik beobachten: Mehrmals bin ich schon an verschiedenen Stellen darauf gestoßen, dass die aktuelle US-Regierung, die eng mit evangelikalen rechten Christen verknüpft ist, ihre Positionen und Handlungen biblisch begründet. Donald Trump, der die Bibel vergangenes Jahr als sein Lieblingsbuch bezeichnete, verkauft selbst Bibeln als "God Bless the USA"-Ausgaben (hier zu finden). Er äußerte nach dem Attentat vom 13. Juli 2024 im Wahlkampf, dass die christlichen Wähler ihn, den Auserwählten, wählen müssten, um Gottes Willen zu tun. Schon in seiner ersten Amtszeit sahen einige evangelikale Rechte Donald Trump als 'Gesalbten Gottes'. Für die Argumentation, dass ein 'Werkzeug Gottes' selbst kein tugendhaftes Leben führen müsse, wird ein Vergleich zu König Kyros aus dem Alten Testament von zahlreichen Evangelikalen und sogar von Israels Ministerpräsidenten Netanjahu gezogen (z.B. https://www.deutschlandfunk.de/evangelikale-in-den-usa-trump-der-gesalbte-gottes-100.html). Der US-Verteidigungsminister Pete Hegseth trägt Tätowierungen mit dem Kreuzfahrer-Schlachtruf "Deus Vult" (Gott will es) und mit dem von religiös motivierten Rechtsextremen vereinnahmten Jerusalemkreuz auf dem Körper (z.B. https://www.domradio.de/artikel/warum-die-tattoos-des-neuen-us-verteidigungsministers-polarisieren). Er sieht sich als "Christian Warrior" (Heiliger Krieger). In seinem 2024 erschienenen Buch "War on Warriors" schreibt er: "Unsere Feinde brauchen Kugeln, keine Anwälte!" und endet mit dem Ausruf: "All Glory to Jesus Christ!". Der US-Vizepräsident J.D. Vance, der 2019 zum katholischen Glauben konvertierte, begründete die neue Migrationspolitik der USA mit christlicher Liebe zu seinen Nächsten, womit zuerst die eigene Familie und das eigene Land gemeint seien. Darauf folgte ein Brief des Papstes, der einer solchen Interpretation deutlich widersprach (z.B. https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2025-02/papst-franziskus-kritisiert-massenabschiebungen-in-den-usa.html ).
Mir ist bewusst, dass Begriffe wie Fundamentalismus und Sekten, die ich selbst in diesem Blog schon mehrfach verwendet habe, zu Zeichenworten (mit Bedeutung und Wertung gefüllt) geworden sind und die Verwendung als religiös-polemisch kritisiert werden kann. Dennoch möchte ich absichtlich zwei Gruppierungen fundamentale Sekten nennen und sie als weitere Beispiele anführen zur Verdeutlichung der Gefahren von absolutem Wahrheitsanspruch aus der Bibel:
Die Zeugen Jehovas haben ein wörtliches Bibelverständnis. Dabei benutzen sie ihre eigene Neue-Welt-Übersetzung. Überall auf der Welt werden den Mitgliedern dieselben Auslegungen als Wahrheit vermittelt, die verinnerlicht werden müssen und von allen nahezu wörtlich wiedergegeben werden können. An jedem Ort bekommt man eine gleichlautende Antwort, wenn man Zeugen Jehovas eine Glaubensfrage stellt. Dieses (interne) Bibel-Lernen und Predigtdienst für Jehowa haben Priorität vor weltlicher Bildung. Das ist in mehrfacher Hinsicht problematisch für Kinder, die in dieser Gemeinschaft aufwachsen. Sie entscheiden sich nicht frei dafür und werden in eine enge Weltsicht gepresst. Alle Menschen außerhalb der Gemeinschaft gelten als "Weltmenschen" und vom Bösen geleitet, das beinhaltet auch staatliche Strafverfolgungsbehörden. Innerhalb der Gemeinschaft sind Kinder dem System ausgeliefert. Ein Beispiel: bei den Zeugen Jehovas gilt die biblisch begründete Zwei-Zeugen-Regelung (2 Kor 13, 1). Die bedeutet, dass Vergehen nur verfolgt werden, wenn mindestens zwei Zeugen den Vorwurf bestätigen können, sonst müssen die Ältestesten die Angelegenheit in Jehovas Hände legen. Was das für Kindesmissbrauch, häusliche Gewalt und Vergewaltigungen bedeutet, ist naheliegend. Zudem war in der Vergangenheit sexualisierte Gewalt an Kindern intern gar kein Vergehen, da es in der Bibel an keiner Stelle ausdrücklich verboten ist. Sehr viele Menschen, die bei Zeugen Jehovas aufgewachsen und als Erwachsene ausgestiegen sind, berichten von Missbrauchserfahrungen (z.B. https://www.aufarbeitungskommission.de/themen-erkenntnisse/sexueller-kindesmissbrauch-zeugen-jehovas/).
Die Zwölf Stämme verstehen sich als bibeltreue Christen in der Tradition des Urchristentums, gesellschaftlich werden sie als fundamental-christlich bezeichnet. Sie lehnen Schulbildung generell ab, unter anderem wegen der Vermittlung der Evolutionstheorie, die der biblischen Schöpfungsgeschichte widerspricht. Bekannt sind sie vor allem durch Berichte über schwere Gewalt an Kindern, die sie Züchtigung aus Liebe nennen: ab zwei Jahren werden Kinder mehrmals täglich mit einer Birkenrute geschlagen, begründet mit der Bibelstelle "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht." (Sprichwörter 13, 24) (z.B. https://www.focus.de/magazin/archiv/sekten-aussteiger-sie-brechen-deinen-willen-glaubensgemeinschaft-zwoelf-staemme-im-focus-report_id_2419806.html).
Es gibt zahllose weitere Beispiele, bei denen ein Glaube an eine absolute biblische Wahrheit problematische bis dramatische Folgen hat. In den Medien wird meist nur über extreme Fälle berichtet wie Massen-Selbstmorde (z.B. in Zusammenhang mit apokalyptischer Naherwartung) oder vermeidbare Todesfälle aufgrund von Ablehnung der Wissenschaft und damit auch der Schulmedizin. Dabei sind es vor allem emotionale und geistliche Gewalt durch Manipulation, Körperfeindlichkeit, Glaubensdruck, Denkverbote, Drohszenarien oder Heilungsversprechen, alles biblisch begründet und belegt, von denen Menschen berichten, die es schaffen, sich aus einem solchen Kontext zu lösen. Diese Erfahrungen gibt es auch im deutschsprachigen Raum innerhalb der römisch-katholischen Kirche und den evangelischen Landeskirchen.
Unmittelbar vor der oben zitierten Textstelle im Markus-Evangelium berichtet der Evangelist von Dämonen, die Jesus und seine Jünger austrieben und von Besessenen, die zu Jesus schrien. Dann schreibt er von der Familie Jesu, die ihn mit Gewalt zurückholen will, weil er nach deren Einschätzung von Sinnen sei. Darauf folgt im Text ein Streitgespräch mit Schriftgelehrten, in dem Jesus unter anderem sagt, dass eine Familie, die in sich gespalten ist, keinen Bestand haben könne. Danach folgt die Ankunft seiner Familie, die ihn holen will, genauer seine Mutter und seine Brüder. Jesus ignoriert diese und zeigt auf die Menschen um sich herum: diese, die den Willen Gottes tun, seien für ihn Bruder, Schwester und Mutter.
Warum habe ich diese Stelle zitiert? Weil sie mich herausfordert. Ich mag sie nicht. Sie ist für mich nicht stimmig, passt nicht in mein Bild von Jesus und nicht zum katholischen Bild der fürsorglichen Jungfrau Maria. Es kommen Elemente vor, die heute toxische Familiensysteme und toxische Glaubensgemeinschaften beschreiben würden, Jesus mittendrin. Ich habe verschiedene Auslegungen dazu gelesen und gehört, aber keine passt für mich. Diese Stelle sagt mir einfach nichts. Außer vielleicht, dass es damals schon äußerst verschiedene Sichtweisen gab. Ich möchte mich am liebsten Lisa (5) anschließen: "Voll blöde Farben." Aber vielleicht entwickle ich mich noch weiter, schaue nach einer Weile nocheinmal durch eine andere Brille darauf und entdecke etwas anderes. Ich finde es wichtig, sowas wahrzunehmen und stehen lassen zu können.
Die Heilige Schrift eröffnet ein riesiges Spektrum an Erkenntnismöglichkeiten und trifft auf eine große Bandbreite von religiösen Gemeinschaften, die unterschiedlichste Sichtweisen einnehmen. Diese Vielschichtigkeit macht für mich einen Teil der Faszination an der Bibel aus. Ich werbe jedoch für ein Bewusstsein dafür, dass mit dieser besonderen Textsammlung Missbrauch möglich ist, gerade wegen ihrer einzigartigen Eigenschaften. Immer, wenn eine absolute Wahrheit vertreten wird und eigenständiges Denken unerwünscht ist, sollte man umso genauer hinsehen und den Mut haben zu hinterfragen. Verletzungen und Ausgrenzung, die aus der Bibel legitimiert werden, können großen seelischen Schaden anrichten.
Die deutschen Bistümer und Landeskirchen haben in der Regel Beratungsstellen für Religions- und Weltanschauungsfragen. Zudem gibt es staatliche Anlaufstellen mit Beratung zu konfliktträchtigen Gruppen und religiösen Sondergemeinschaften. Das sind die Begriffe, die die bislang verbreitete Bezeichnung 'Sekten' ersetzt haben. Bei Zweifeln und Unsicherheiten im Kontakt mit religiösen Gruppierungen - auch innerhalb der großen Kirchen - sollte man sich nicht scheuen, diese Angebote in Anspruch zu nehmen und dort nachzufragen.




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