Die Bibel lesen – und Irritation aushalten
- 2. Apr. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. März
Jesus ging in ein Haus und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass sie nicht einmal mehr essen konnten. Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.
(Markus 3,20–21)

Ein Bild – viele Perspektiven:
Thomas (35) denkt: „Was? Ich bin doch nicht so dick!“
Lisa (5) denkt: „Voll blöde Farben.“
Frau Müller (48) denkt: „Das Kind befindet sich altersgemäß in Schemaphase I, malt Extremitäten in Doppellinien und stellt nicht sichtbare Bildebenen gleichzeitig dar.“
Max (6) denkt: „Ich habe die beste Mama und den besten Papa der Welt. Sie sind lustig, und am liebsten schlafe ich auf Papas Bauch ein.“
Lesen heißt interpretieren
Menschen sehen, hören und deuten dasselbe unterschiedlich. Unzählige Faktoren prägen, wie wir Worte und Bilder einordnen. Auch jedes Lesen eines Textes ist immer schon Interpretation – bei der Bibel gilt das in besonderer Weise.
Hinzu kommt: Schon die Übersetzung ist Deutung. In deutscher Sprache stehen verschiedene Bibelübersetzungen zur Verfügung – etwa die Einheitsübersetzung, die Lutherbibel oder die Hoffnung für alle-Bibel. Sie wurden im Lauf der Zeit immer wieder an Sprachwandel und neue Erkenntnisse angepasst. Begriffe aus dem Hebräischen, Aramäischen oder Altgriechischen lassen sich nicht immer eindeutig ins Deutsche übertragen; manche haben mehrere Bedeutungen, andere keine genaue Entsprechung. Übersetzen heißt deshalb immer auch interpretieren – das englische Wort für „Dolmetscher“ lautet: interpreter.
Ich höre gern unterschiedliche Auslegungen zu ein und derselben Bibelstelle – katholische, evangelische oder freikirchliche, konservative oder progressive. Dabei wird sichtbar, durch welche Brille jeweils gelesen wird. Und manchmal staune ich, wie dieselben Worte gegensätzliche Standpunkte begründen können.
Zwischen Geheimnis und Vereinnahmung
Es gibt ein Poster mit dem Satz: „I can do all things through a verse taken out of context.“ Auf Deutsch etwa: Ich kann alles erreichen mit einem Bibelvers, der aus dem Zusammenhang gerissen ist.
Dieser Gedanke begleitet mich. Deshalb versuche ich in diesem Blog, nicht mehr zu tun, als persönliche Gedanken zu Textstellen zu teilen – geprägt von meinem Lebens- und Glaubensweg. Meine Beiträge sollen keine Predigten sein.
Wie in anderen Fachbereichen auch, halte ich es für sinnvoll, Auslegung und Predigt in die Hände von Menschen zu legen, die dafür ausgebildet sind. Im Theologiestudium werden die biblischen Sprachen erlernt, historische Zusammenhänge untersucht und unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten geprüft. Idealerweise erweitert das den Blick und schult die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven nebeneinander stehen zu lassen.
Viele Predigerinnen und Prediger vermitteln solche Einordnungen und ermutigen dazu, selbst weiterzudenken, mit Texten zu ringen und ihre Bedeutung für das eigene Leben zu suchen. In diesem Verständnis wird keine verfügbare absolute Wahrheit behauptet; vielmehr wird der Mensch durch die Texte zu Gott in Beziehung gesetzt.
Dabei bleibt Raum für Geheimnis. Ein Geheimnis ist etwas anderes als ein Rätsel. Ein Rätsel hat eine Lösung – und verliert nach der Auflösung seinen Reiz. Ein Geheimnis dagegen bleibt offen und kann gerade dadurch tiefer werden.
Zwischen Beliebigkeit und Absolutheit
Aus der Behandlung der Bibel als Rätsel kann eine Umgangsweise entstehen, bei der man sich die passenden Antworten heraussucht. Man liest, was sich stimmig anfühlt, was die eigenen Überzeugungen bestätigt und das gute Gefühl gibt, im Einklang mit dem eigenen Herzen – und zugleich mit der Bibel – zu stehen. In einem solchen individualistischen Ansatz wird leicht das eigene Empfinden zum Maßstab für Wahrheit.
Am entgegengesetzten Pol steht ein wörtliches Verständnis der Schrift. Die Texte gelten als unmittelbares Wort Gottes und eindeutige Wahrheit. Das kann Sicherheit geben. Zugleich bleibt dabei oft wenig Raum für Entwicklung oder neue Einsichten, weil das einmal Verstandene nicht mehr infrage gestellt wird. Und doch interpretiert jeder Mensch – bewusst oder unbewusst – auch in dieser Haltung.
Warum schreibe ich darüber, wenn doch grundsätzlich jeder frei ist, die Bibel auf seine Weise zu lesen? Weil ich es für wichtig halte, sich dieser Spannungen bewusst zu sein. Gerade im Glauben, wo vieles nicht sichtbar überprüfbar ist, braucht es den Mut, unterschiedliche Verständnisse auszusprechen und nebeneinander stehen zu lassen. Wo ein Wahrheitsanspruch absolut gesetzt wird, werden andere Sichtweisen leicht zu Feindbildern. Dann geht es nicht mehr um eine gemeinsame Suche, sondern um Verteidigung.
Wenn die Bibel zur Legitimation wird
Wie schnell biblische Texte zur Legitimation politischer Entscheidungen herangezogen werden, lässt sich aktuell in der Weltpolitik beobachten. In den USA etwa werden politische Programme, Migrationspolitik oder militärische Positionen mit Verweis auf Gottes Willen begründet. Einzelne Politiker sprechen von Auserwähltheit, sehen sich als Werkzeuge Gottes oder verbinden religiöse Symbole mit machtpolitischen Botschaften.
Dabei werden biblische Figuren wie König Kyros als Vergleich herangezogen, um auch moralisch ambivalente Führungsstile zu rechtfertigen. Religiöse Sprache und nationale Interessen vermischen sich. Gleichzeitig widersprechen andere christliche Stimmen – bis hin zum Papst – solchen Deutungen deutlich.
Mir geht es hier nicht um parteipolitische Bewertungen. Mich beschäftigt die Frage, was geschieht, wenn biblische Texte zur Stütze eigener Machtansprüche werden. Wo religiöse Begriffe zur politischen Selbstvergewisserung dienen, verliert die Schrift leicht ihre korrigierende Kraft.
Wo Auslegung Menschen schadet
Wo biblische Texte zur letzten Begründung von Macht und Autorität werden, entsteht realer Schaden.
In manchen religiösen Gemeinschaften wird ein absoluter Wahrheitsanspruch vertreten, der keinen Widerspruch duldet. Auslegung ist vorgegeben, Zweifel gelten als Gefahr, Kritik als Auflehnung gegen Gott. Kinder wachsen in solchen Systemen auf, ohne frei wählen zu können. Gehorsam wird geistlich aufgeladen, Abweichung moralisch sanktioniert. Nicht selten berichten Menschen, die solche Strukturen verlassen haben, von Angst, Schuldgefühlen, Manipulation oder körperlicher und seelischer Gewalt – alles begründet mit der Schrift.
Solche Dynamiken sind keine Randphänomene. Sie können überall dort entstehen, wo religiöse Autorität sich der Korrektur entzieht.
Eine Stelle, die mich irritiert
Unmittelbar vor der oben zitierten Szene im Markusevangelium ist von Dämonenaustreibungen die Rede, von Streitgesprächen und von der Familie Jesu, die ihn für „von Sinnen“ hält und mit Gewalt zurückholen will. Später folgt die Ankunft seiner Familie – genauer seine Mutter und seine Brüder. Jesus ignoriert sie und zeigt auf die Menschen um sich herum: diese, die den Willen Gottes tun, seien für ihn Bruder, Schwester und Mutter.
Diese Stelle fordert mich heraus. Ich mag sie nicht. Sie passt nicht in mein Bild von Jesus – auch nicht in das katholische Bild der fürsorglichen Maria. Hier stehen Spannung und Abgrenzung im Raum, vielleicht sogar familiäre Brüche. Ich habe verschiedene Auslegungen dazu gelesen und gehört, aber keine überzeugt mich wirklich.
Dieser Text sagt mir im Moment einfach nichts. Am liebsten würde ich mich Lisa (5) anschließen: „Voll blöde Farben.“
Aber vielleicht entwickle ich mich weiter, schaue später noch einmal anders darauf und entdecke etwas Neues. Für jetzt nehme ich die Irritation wahr – und lasse sie stehen.




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