Willst du gesund werden? – Warum Veränderung nicht beim anderen beginnt
- 9. Okt. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. März

Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt.
(Johannes 5,6–7)
Geprägt von Anfang an
Unzählige Einflussfaktoren wirken auf die Entwicklung eines Menschen ein. Beginnend im Mutterleib und besonders prägend in den ersten Lebensjahren, setzt sich dieser Prozess bis ins hohe Alter fort. Jede Erfahrung und jede Begegnung hinterlässt Spuren in der einzigartigen Persönlichkeit eines Menschen.
Alle bisherigen Eindrücke des ganzen Lebens beeinflussen die Wahrnehmung von Situationen und die Reaktionen darauf. Dass kein Mensch denkt, empfindet und handelt wie ein anderer, ist daher einleuchtend. Obwohl viele von sich behaupten, tolerant und empathisch zu sein, fußt eine Vielzahl von Konflikten auf dem fehlenden Verständnis für unterschiedliche Eigenarten unter Menschen.
Wenn der andere sich ändern soll
Deutlich wird das, wenn Menschen einander nicht auf Augenhöhe respektvoll und wertungsfrei begegnen, sondern im anderen den Grund für das Scheitern der eigenen Pläne und Hoffnungen sehen. „Ach, wenn doch XY nur einsichtig wäre und sich endlich ändern würde!“ – hinter solchen Gedanken steckt oft der Anspruch zu wissen, was richtig ist. Belehrungen wie „denk doch mal nach“, „komm zur Vernunft“ oder sogar fromm verpackte Sätze wie „ich bete für dich um Erkenntnis“ können Ausdruck dieser überheblichen Haltung sein.
Manchmal zeigt sich das Gegenteil: eine scheinbar hilflose Position, die sich in Manipulation, emotionaler Erpressung oder Instrumentalisierung von Mitleid äußert. Vorwürfe wie „was du mir damit antust“, „das kann dir doch nicht egal sein“ oder „wenn du nicht so wärst, könnte ich ...“ zielen darauf ab, das Verhalten des anderen zu steuern. Beide Haltungen – Überlegenheit wie Unterwürfigkeit – sind letztlich egozentrische Versuche, Einfluss zu nehmen, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse des anderen.
Was wir hören – und was nie gesagt wurde
Eng damit verbunden sind Annahmen und Erwartungen. Aus dem eigenen Erfahrungshorizont und den eigenen Vorstellungen werden häufig anderen Menschen Gedanken, Verhaltensweisen und Absichten unterstellt. „Es bringt nichts, mit ihm zu reden – ich weiß schon, wie er reagieren wird“, „du willst doch nur ...“, „du verstehst doch gar nicht, worum es geht“, „du machst das doch mit Absicht“. Aber auch unterschwellig passieren solche Unterstellungen, die häufig mehr über den Absender aussagen als über den Empfänger.
Wie leicht Missverständnisse entstehen, zeigt ein einfaches Beispiel: Fragt ein Kind morgens in den Ferien: „Mama, was machen wir heute?“ und die Mutter antwortet: „Es gibt hier nicht jeden Tag Unterhaltungsprogramm, wir waren doch gestern schon im Schwimmbad.“, versteht das Kind oft gar nicht, warum es keine Antwort bekommt. Es fragt nach einer Tagesstruktur, die es von Schultagen gewohnt ist, und wird konfrontiert mit der Annahme, es habe eine Unternehmung eingefordert. Die Mutter drückt vielleicht unbewusst aus, dass sie sich wegen eigener zu hoher Erwartungen unter Druck gesetzt fühlt.
Eine überraschende Frage
Auch die Antwort des Kranken im Johannesevangelium drückt seine Erfahrungen und Erwartungen aus. Er liegt mit vielen anderen Kranken in der Nähe des Teiches Betesda, dessen Wasser zu bestimmter Zeit durch den Engel des Herrn zum Aufwallen gebracht wird. Wer dann als erster hineinsteigt, wird gesund. Jesus stellt ihm eine für uns vielleicht banale Frage: „Willst du gesund werden?“
Gefangen im eigenen Denkmuster
Statt einer direkten Antwort gibt der Kranke etwas von seinem Denkmuster preis. Er fühlt sich benachteiligt und nach seiner Vorstellung ist die einzige Chance zur Heilung, dass ein Mensch ihm zur rechten Zeit hilft und ihn zum Wasser trägt. So hat er es bei anderen gesehen. Er teilt Jesus mit, was seine Erwartung an ihn ist, wie er ihm helfen soll. Und wie reagiert Jesus? Er erfüllt seine Erwartungen nicht. Er lässt sich nicht einspannen. Er enttäuscht die Hoffnung des Kranken. Er macht aber etwas viel Besseres. Er sagt: „Steh auf, nimm deine Liege und geh!“
Der Kranke könnte erwidern, dass Jesus ihm ja gar nicht helfen wolle, ihm wohl nicht zugehört habe und dass er nur die nächste Enttäuschung für ihn sei, wenn er ihn nicht ernst nehme. Aber er schafft es, sich aus seinen gedanklichen Verstrickungen zu lösen, vertraut, steht auf und geht. So beantwortet er durch sein Handeln sehr klar die Frage Jesu.
Nicht: Verändere deinen Nächsten
Das erste, was Jesus in seinem öffentlichen Wirken lehrte, war: Kehrt um! (Mt 4,17). Im Griechischen wird an der Stelle das Wort „Metanoia“ verwendet, was so viel wie Umdenken oder Sinnesänderung heißt. Jesus fordert also zuerst: Veränderung! Aber nicht: Verändere deinen Nächsten! Es ist das Ego des Menschen, das Veränderung scheut – jene Hürde, für die Paulus das Wort „Fleisch“ benutzt. Mit Ego meine ich hier das gewünschte Selbstbild, das, was man darstellen möchte und wie man gerne wäre. Das Ego klammert an Denkmustern, Konzepten und Systemen, es möchte Beachtung, Kontrolle und Einfluss. Das Ego lenkt die Aufmerksamkeit von dem ab, was von dir selbst Veränderung verlangen würde. Stattdessen stellt es selbstgerechte Forderungen, die immer nur von anderen Veränderung verlangen. Die Veränderung, die Jesus wünscht, beinhaltet eine Transformation des Egos zum authentischen gesunden Selbst, zu dem unverstellten Wesen, als das Gott dich gedacht hat. Wer losgelöst vom Ego ganz bei sich ist und mit seinem Inneren verbunden lebt, verändert oft ganz unbeabsichtigt, ohne Überheblichkeit und Manipulation Menschen in seinem Umfeld in positiver Weise. Gott kann dann durch ihn wirken.
Willst du gesund werden?
Was wäre deine Antwort, wenn Jesus käme und dich fragen würde: Willst du gesund werden?




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