top of page

Brot des Lebens (Joh 6, 35)

  • Saskia
  • 31. Jan. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Bücherstapel mit vielen Markierungen vor einem Bücherregal

Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot! Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.


(Johannes 6, 34-35)


Wenn ich lese - und das mache ich leidenschaftlich gerne - habe ich immer einen kleinen Stapel Klebezettelchen griffbereit. Jede Stelle, die mir besonders gefällt oder mich zum Nachdenken anregt, wird markiert. Zusätzlich kommt es vor, dass ich Absätze, die mich außergewöhnlich ansprechen, mit dem Handy fotografiere. 'Irgendwann' werde ich, so der Plan, diese Fotos mal mit den unzähligen Screenshots, die ich von beachtenswerten Texten oder Bildern aus dem Internet gemacht habe, in einen digitalen Ordner sortieren. Ordner habe ich auch ganz klassisch im Schrank stehen mit Impulsen, Bildern, Gebeten, Artikeln und Liedern, die mir mal begegnet sind. Einige Texte sind noch nicht abgeheftet, sondern schlummern noch in meinen diversen Erinnerungs-Schuhkartons. Sowohl digital als auch mit der Hand notiere ich außerdem in Kalendern, Notizbüchern oder Apps Aussagen aus Predigten oder Gesprächen, die mich berührt oder inspiriert haben.


So habe ich für jede Lebenslage, jeden Anlass, jedes Thema eine Sammelsurium an Worten und Bildern. Nur bedauerlicherweise nie parat. Die Markierungen in den Büchern zeigen mir höchstens noch die Anzahl der bemerkenswerten Stellen des jeweiligen Buches. Die Handyfotos verschwinden in einer Masse von Urlaubs- und Naturbildern. Selbst wenn ich mal wieder auf ein Foto stoße, weiß ich oft überhaupt nicht mehr den Zusammenhang oder was mich daran irgendwann mal angesprochen hat. Ich würde so gerne die Worte, Gedanken und Erkenntnisse im Kopf bewahren, aber es ist aussichtslos, ich kann sie nicht festhalten.


In einem Büchlein habe ich in Bezug auf christliche Texte mal einen Vergleich dazu gelesen. (Sicherlich habe ich die Stelle markiert, finde sie jedoch trotzdem leider nicht mehr für die Quellenangabe.) Mit den Erinnerungen an die vielen inspirierenden Worten ist es, als wolle man Wasser aus einem Fluß in einem Korb aufbewahren. Man hält den Korb in das fließende Wasser, er füllt sich und man trägt ihn fort, aber das Wasser tropft und fließt unaufhaltsam durch das Geflecht davon. So oft man es auch probiert, bleibt der Versuch, das Wasser aufzubewahren, vergeblich. Aber ergebnislos ist das Tun dennoch nicht: man erhält einen gründlich gereinigten Korb.


Eine andere Möglichkeit ist, den Input, den man über Augen und Ohren aufnimmt, mit Essen zu vergleichen. Gerade zu besonderen Anlässen wird oft viel Planung und Vorbereitungszeit in die Zubereitung und Präsentation von Gerichten investiert. Der Verzehr dauert meistens nur einen Bruchteil dieser Zeit. Manche Leute machen ein Foto der angerichteten Speisen, dann folgt der kurze Genuss, sichtbar zurück bleiben (mehr oder weniger) zufriedene Gesichter, ein paar Essensreste und schmutziges Geschirr.


Nicht unmittelbar sichtbar, deshalb weniger bewusst als der Moment des Geschmacks und der Konsistenz im Mund, dabei jedoch lebensnotwendig und eigentlicher Zweck von Essen sind die Wirkungen der Nahrung innerhalb des Körpers. Erst eine Weile nach dem Verzehr zeigen sich auf der Waage, bei den Blutwerten oder anderen physischen Indikatoren die Folgen der Ernährung. Der Körper verarbeitet jeden Bissen und jeden Schluck, den wir zu uns nehmen. Viel mehr als die gelegentlichen Festmahle bestimmt freilich das alltägliche Essen den Gesundheitszustand. Was wir essen und trinken beeinflusst nicht nur die Figur, sondern alle Körperfunktionen, das physiologische, geistige und soziale Wohlbefinden. 'Du bist, was du isst' ist mehr als eine Floskel. Wer seine Ernährung grundlegend umstellt, erfährt die erstaunliche Veränderung des Befindens als Lohn der Disziplin. Ich selbst habe vor vier Jahren über 40 kg Körpergewicht abgenommen. Dabei habe ich ein größeres Bewusstsein dafür entwickelt, was lebensnotwendige Versorgung des Körpers ist, was Maß halten bedeutet und was reiner Genuss ist, der zwar schmeckt und den Magen füllt, dem Körper aber eher schadet.


Zeitgleich habe ich vor vier Jahren begonnen, täglich morgens das Tagesevangelium, die Lesung(en) des Tages und kurze Vorstellungen der Tagesheiligen in einer App zu lesen. Statt Psychothriller und Frauenromane habe ich vermehrt in der Bibel oder Bücher über und von Heiligen, Mystikern und anderen christlichen Verfassern gelesen. Gottesdienste sind mir wichtiger geworden als Sektfrühstück. Vor dem Schlafen bete ich lieber statt fernzusehen. So wie sich durch die neue Ernährung mein Äußeres verändert hat, hat sich durch den neuen geistigen Input mein Inneres gewandelt. Ich kann mich leider nicht an jede markierte Aussage in den Büchern bewusst erinnern, genauso wenig wie an jede Mahlzeit. Aber ich merke, wie ich die Gesamtheit der Inhalte über die Zeit verinnerlicht habe und die Texte mich geformt haben. Jede noch so kleine Erkenntnis aus der Botschaft Christi erfüllt mich, nährt mich und macht mich zufriedener, was man auch als 'satt sein' bezeichnen kann. Die Wirkung erfolgt innerlich, nicht unmittelbar sichtbar und nicht bewusst steuerbar. Mein Verstand kann die Worte nicht alle festhalten - wie der Mund das Essen nicht festhält. Aber der Geist und die Seele ziehen sich die wichtigen Nährstoffe heraus und speichern sie, wie der Körper die Nährstoffe aus dem Essen. Das ist für mich ein Aspekt der Aussage Jesu, der sich als Brot des Lebens bezeichnet.


Brot ist ein Grundnahrungsmittel, das das Überleben sichert. Der Mensch bekommt jedoch kein Brot ohne sein Zutun. Nach der Aussaat durch den Menschen lässt Gott das Getreide wachsen und reifen, das ist seine Gabe bzw. sein Geschenk an die Menschen. Diese müssen ernten, mahlen, mischen und backen. Brot ist ein Produkt, das Gott und der Mensch gemeinsam schaffen. Auch Jesus verlangt von den Menschen etwas zu tun, damit Hunger und Durst nie mehr auftreten: zu ihm kommen und glauben. Jesus ist die Gabe Gottes bzw. sein Geschenk an die Menschen. Aber ohne eigenes Zutun erhalten wir keine Sättigung.


Die Verbindung zu Jesus und der Glaube an ihn sind für meine Seele so elementar und lebensnotwendig geworden wie Grundnahrungsmittel für meinen Körper. Durch diese neue 'Nahrung' hat sich mein Blick auf Mitmenschen und auf mich selbst verändert. Ich gehe mit anderen Menschen und mit mir selbst anders um. Wahrhaftigkeit und Authentizität sind für mich wichtiger geworden als Außenwirkung und Ansehen. Wertschätzung und Fürsorge bedeuten mir mehr als Rechthaberei und Ansprüche. Besitz und Arbeit haben nun einen viel geringeren Stellenwert als Aufmerksamkeit und Zeit für Menschen. Meine Haltung ist aufrechter, mein Fokus ist auf die Gegenwart gerichtet und mein Leben ist mit viel mehr Sinn und Inhalt gefüllt. Ich bin näher bei mir und damit näher am göttlichen Kern. Ich bin ruhiger und zufriedener geworden. Ich giere nicht mehr nach 'mehr', sondern bin dankbar für das, was ist. Ich bin in diesem Sinn satt und ohne Durst.


Natürlich knurrt trotzdem manchmal mein Magen und bei einem Festessen freue ich mich am meisten auf das Dessert. Ich klebe weiterhin Zettelchen in meine Bücher und fotografiere Textstellen, einfach weil es mir ein gutes Gefühl gibt, das Wasser kurz im Korb zu haben. Und ich werde ohne schlechtes Gewissen meine Pilgerreise nach Italien mit meinen anderen Leidenschaften verbinden: Cappuccino und Eis. Zusätzlich zum Brot.



Schlanke Frau mit großem Eis in einer Eisdiele in Rom
2023
Übergewichtige Frau an einem Esstisch im Sommerurlaub
2018



 
 
 

Kommentare


bottom of page