Sobald es aber hochgewachsen ist (Mt 13, 32)
- Saskia
- 5. Apr. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.
(Matthäus13, 31-32)
War früher alles besser? Ich kann das für mich mit einem klaren Nein beantworten. Es gibt keinen Punkt in den 44 Jahren meines Lebens, der für mich persönlich besser war als meine aktuelle Situation. Ähnlich wie in der Abbildung des DAX oben gab es zahlreiche Höhen und Tiefen, aber im Rückblick kann ich sagen, dass die übergeordnete Tendenz immer aufwärts ging. In der Börsensprache könnte ich die Gegenwart als mein Allzeithoch bezeichnen. Es ist beileibe nicht alles einfach und problemlos, aber ich war noch nie so gesund, frei, sicher und ruhig.
Wenn ich etwas weiter herauszoome und die ältere Generation der Familie betrachte, komme ich zu einem ähnlichen Schluss. Meine Großeltern kamen nach dem Krieg als Flüchtlinge väterlichseits aus der heutigen Ukraine und mütterlicherseits aus Prag nach Deutschland und mussten sich aus dem Nichts ein neues Leben aufbauen. Ein anderes Familienmitglied ist in vierjähriger Kriegsgefangenschaft in Sibirien beinahe verhungert. In der Kindheit meiner Eltern war Gewalt an Kindern noch Normalität. Selbst in der Schule wurden sie mit Bambusrohren geschlagen. Erst 1973 wurde die Prügelstrafe in den meisten deutschen Bundesländern in Schulen verboten. Im Privatbereich beschloss der Bundestag sogar erst im Jahr 2000 nach Vorgabe der UN-Kinderrechtskonvention das Recht für Kinder auf gewaltfreie Erziehung und die Unzulässigkeit von körperlicher Bestrafung. Respekt und Gehorsam waren damals die Ziele von Erziehung statt der heute im Fokus stehenden Bindungs- und Bedürfnisorientierung. Psychotherapeutische Hilfe für die erlebten Traumatisierungen gerade nach dem Krieg war früher kein Thema. Alle hatten bzw. haben nun im Alter ein sicheres und gutsituiertes Leben, es ging beständig aufwärts.
Ich möchte die Perspektive noch viel weiter herauszoomen. Allerdings galt dem Fach Geschichte in der Schule nicht mein höchstes Interesse, daher werde ich hier keine geschichtlichen Ausführungen wagen. Ich lese aber seit einigen Jahren jeden Morgen in einer App neben den Tageslesungen auch kurze Lebensbeschreibungen der Heiligen, die Gedenktag haben, angefangen bei den Aposteln aus der Zeit Jesu bis zu Menschen aus dem 20. Jahrhundert. Die kurzen Berichte beinhalten fast jeden Tag Erzählungen von Zwangsheirat, Verfolgung, Verstoß, grausamer Folter, brutalen Tötungen, je älter, desto schlimmer. Märtyrer wurden oft heilig gesprochen, also Menschen, die wegen ihres christlichen Glaubens bewusst einen qualvollen Tod auf sich genommen haben. Selbst wenn einige Berichte Legenden sind, zeugen sie von Zeiten mit einer Brutalität, die für unsere heutige westliche Gesellschaft schwer erträglich ist.
Jedes Jahr an Karfreitag erinnern Christen an den bekanntesten Fall von grausamer Folter, Demütigung und Mord vor 2.000 Jahren: der Kreuzigung Jesu. Zu dieser Zeit wurden Menschen lebendig an ein Holzkreuz genagelt, damit sie dort qualvoll langsam sterben.
Jesus hatte klare Anliegen: Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Wie würde eine Verlaufskurve der Verwirklichung dieser Anliegen seit seinem Tod am Kreuz aussehen? Wie hat sich die Welt in Bezug darauf in den vergangenen 2.000 Jahren entwickelt, grafisch dargestellt in einem Chart wie dem obigen? Völkerrecht, Menschenrechte, Religionsfreiheit, Abschaffung der Sklaverei, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Schutzbündnisse, Gleichberechtigung, Empathie, Hilfsorganisationen, Abrüstung, soziale Verantwortung usw. sind Stichworte, die man dabei einbeziehen kann.
Ich denke, dass in den zwei Jahrtausenden ein breites Band mit vielen Hochs und Tiefs ganz klar einer stetigen Tendenz nach oben folgt. Achtung von Menschenwürde, Frieden und Wohlstand sind in vielen Teilen der Welt gewachsen. Nach wie vor gibt es viel zu viele Orte, an denen Gewalt, Unterdrückung und Unrecht herrschen. Es gibt aber auch ein Bewusstsein dafür und Menschen, Institutionen und Organisationen, die daran arbeiten, das Leid auf der Welt zu verringern und Menschenrechte zu stärken. Ich kann mit diesem erweiterten Blick Jesus als Samenkorn verstehen, aus dem das Reich Gottes wächst und sich in der Welt ausbreitet. Langsam, aber beständig.
Es gibt allerdings auch andere Sichtweisen. Nachdem ich begonnen habe, mich mit dem Endzeitglauben einiger Gruppierungen zu beschäftigen, habe ich erst nach und nach begriffen, welchen enormen Einfluss die biblisch begründete negative Zukunftssicht auf unserer aller Gegenwart hat, selbst auf Menschen, die überhaupt nichts mit Religion zu tun haben (wollen). In den USA ist ein fundamentales, also wörtliches Bibelverständnis sehr stark verbreitet und dies beinhaltet unter anderem eine anti-liberale, dualistische (gut gegen böse, richtig gegen falsch) und endzeitfixierte Weltsicht. Die oben genannten Begriffe wie Empathie, Gleichberechtigung, soziale Verantwortung, Religionsfreiheit usw. stellen für viele Bedrohungen in ihrem Verständnis des Reichs Gottes dar. Sie würden also im Gegensatz zu mir für die vergangenen Jahrzehnte eine Trendkurve nach unten zeichnen, der sie entgegensteuern wollen. Dieser Glaube ist einer der bestimmenden Faktoren in der aktuellen amerikanischen Politik und damit der sich wandelnden Weltordnung.
Ich vertrete jedoch eine optimistische Zukunftssicht. Ich glaube daran, dass Gott in der Welt wirkt, sein Reich wächst und sobald es hochgewachsen ist, es größer als die anderen Gewächse sein wird, um die Worte aus dem Matthäus-Evangelium aufzugreifen. Bei den 'anderen Gewächsen' denke ich an Macht, Gier, Geltungsdrang und Wahrheitsansprüche. Ich habe festen Glauben und Vertrauen, dass sich Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit weiter auf der Welt ausbreiten können und werden. So denke ich, so lebe ich und so handle ich. Das schließt nicht den Glauben an die Wiederkunft Christi aus, mit der endgültig der Frieden in der Welt siegen wird. Es schließt aber eine Ideologie aus, mit der Menschen nur sehen, wogegen sie sind, wen und was sie bekämpfen müssen, um auf der "richtigen" Seite zu stehen und gerettet zu sein.
Ich glaube daran, dass Gottes Reich durch den Bau von Brücken mehr wachsen wird als durch den Bau von Mauern.




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