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Wächst das Reich Gottes? – Das Senfkorn zwischen Krise und Hoffnung

  • 5. Apr. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Feb.

DAX-Kurve der letzten 30 Jahre als Symbol für Wachstum trotz Krisen

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.


(Matthäus 13,3132)


War früher alles besser? – Ein persönlicher Blick


War früher alles besser?

Für mich ganz klar: nein.

In meinen vierundvierzig Lebensjahren gibt es keinen Zeitpunkt, den ich rückblickend für besser halte als das Jetzt. Es gab deutliche Höhen und ebenso deutliche Tiefen. Und doch erkenne ich im Rückblick eine Bewegung, die insgesamt aufwärtsging.


Das Bild oben zeigt den DAX der letzten dreißig Jahre. Ein nüchterner Börsenchart – und doch kommt er meiner Erfahrung erstaunlich nahe: Krisen, Einbrüche, Phasen der Stagnation. Aber langfristig ein Wachstum.


So empfinde ich mein Leben. Nicht, weil alles leicht wäre. Sondern weil ich mich heute gesünder, freier, sicherer und innerlich ruhiger fühle als je zuvor.


Generationen vor mir – Ein weitergegebener Aufwärtstrend


Wenn ich etwas weiter herauszoome und auf die Generationen vor mir blicke, bestätigt sich dieser Eindruck.

Meine Großeltern kamen nach dem Krieg als Flüchtlinge – väterlicherseits aus der heutigen Ukraine, mütterlicherseits aus Prag – nach Deutschland und bauten sich hier aus dem Nichts ein neues Leben auf. Ein anderes Familienmitglied überlebte vier Jahre Kriegsgefangenschaft in Sibirien nur knapp.


In der Kindheit meiner Eltern war Gewalt gegen Kinder noch selbstverständlich. Auch in der Schule gehörten Bambusrohre zum pädagogischen Instrumentarium. Von psychotherapeutischer Begleitung für die seelischen Wunden jener Zeit sprach niemand.


Erst Jahrzehnte später wurden körperliche Strafen offiziell verboten und das Recht auf gewaltfreie Erziehung gesetzlich verankert.


Nach all diesen Härten ist die Lebenskurve auch hier langfristig nach oben gegangen. Heute leben sie in Sicherheit, materiell abgesichert – in einer Welt, die in vielem menschlicher geworden ist.


Noch weiter herausgezoomt – Geschichte im Großen


Wenn ich den Blick noch weiter weite, lande ich bei der Geschichte. Nicht in Lehrbüchern – dafür war mein Interesse immer begrenzt. Sondern in kleinen täglichen Begegnungen mit ihr.


Seit einigen Jahren lese ich morgens neben den Tageslesungen kurze Lebensbeschreibungen der Heiligen, deren Gedenktag gefeiert wird – von den Aposteln bis hinein ins 20. Jahrhundert.


Kaum ein Tag vergeht ohne Berichte von Zwangsheirat, Verfolgung, Verstoß, Folter oder gewaltsamem Tod. Je weiter man zurückgeht, desto brutaler wirken die Erzählungen. Viele der Heiliggesprochenen waren Märtyrer – Menschen, die wegen ihres Glaubens einen qualvollen Tod in Kauf nahmen.


Selbst wenn manches legendarisch überhöht sein mag, bleibt der Eindruck einer Welt, die von einer Härte geprägt war, die wir uns in unserer heutigen westlichen Wirklichkeit nur schwer vorstellen können.


Karfreitag – Der Tiefpunkt der Geschichte?


Jedes Jahr an Karfreitag erinnern Christen an die Kreuzigung Jesu – an Demütigung, Folter und einen gewaltsamen Tod.


Ein Mensch. Gottes Sohn. Öffentlich hingerichtet. Langsam. Qualvoll.


Wenn es so etwas wie einen historischen Tiefpunkt gibt, dann scheint er hier zu liegen.


Eine Frage nach der Kurve – Wächst das Reich Gottes?


Jesus sprach von Gottesliebe, von Nächstenliebe, von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.


Wenn man diese Anliegen wie eine Kurve über die letzten zweitausend Jahre legen würde – wie sähe sie aus?

Würde sie fallen? Oder – bei allen Einbrüchen – langfristig steigen?


Völkerrecht, Menschenrechte, Religionsfreiheit, Abschaffung der Sklaverei, demokratische Strukturen, Gleichberechtigung, soziale Verantwortung – vieles von dem, was wir heute für selbstverständlich halten, ist historisch gesehen jung.


Ich sehe in diesen Entwicklungen kein geradliniges Fortschrittsmärchen. Aber ich erkenne eine Tendenz. Ein breites Band mit Höhen und Tiefen, das insgesamt nach oben weist.


Gewalt und Unterdrückung sind nicht verschwunden. Doch gibt es heute ein Bewusstsein dafür – und Menschen, die sich dagegenstellen.


In diesem größeren Blick beginne ich, das Bild vom Senfkorn neu zu verstehen: als etwas, das unscheinbar beginnt und dennoch wächst. Langsam. Und gegen Widerstände.


Eine andere Deutung – Wenn die Kurve nach unten zeigt


Es gibt jedoch auch eine andere Lesart der Geschichte.


Für manche religiöse Strömungen bewegen wir uns nicht auf ein langsames Wachsen zu, sondern auf einen Abgrund. Sie lesen die Gegenwart im Licht apokalyptischer Texte und erkennen in politischen Umbrüchen, gesellschaftlichen Veränderungen und moralischen Verschiebungen Hinweise auf eine Endzeit, die unmittelbar bevorstehe.


In dieser Perspektive verläuft die Kurve nicht nach oben, sondern nach unten.

Fortschritt erscheint nicht als Reifung, sondern als Verfall. Entwicklungen wie Pluralität, Gleichberechtigung oder neue Freiheitsräume werden nicht als Ausbreitung von Gerechtigkeit verstanden, sondern als Abkehr von Gott.


Ich kann diese Sicht nachvollziehen – sie ist in sich geschlossen und ernsthaft vertreten. Und doch teile ich sie nicht.


Meine Hoffnung – Das Senfkorn wächst


Ich halte mich an das Bild vom Senfkorn.


An die Vorstellung, dass Gott in der Welt wirkt – oft unscheinbar, oft verborgen, aber nicht wirkungslos. Dass sein Reich nicht explosionsartig kommt, sondern wächst.


Wenn es „hochgewachsen“ ist, so sagt das Gleichnis, wird es größer sein als die anderen Gewächse. Für mich sind die anderen Gewächse Macht, Gier, Geltungsdrang und der Anspruch, allein im Besitz der Wahrheit zu sein.


Ich hoffe – und lebe aus der Überzeugung –, dass Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sich weiter ausbreiten können. Nicht geradlinig. Nicht ohne Rückschläge. Aber dennoch real.


Diese Hoffnung schließt die Erwartung einer Wiederkunft Christi nicht aus. Sie widerspricht nur der Vorstellung, man müsse vor allem erkennen, wogegen man ist, um auf der richtigen Seite zu stehen.


Vielleicht wächst Gottes Reich eher dort, wo Brücken gebaut werden, als dort, wo Mauern entstehen.



Engelsburg und Engelsbrücke in Rom, Spiegelung im Tiber als Bild für Hoffnung und Verbindung


 
 
 

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