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Aus dem Mund des Menschen (Mt 15, 11)

  • Saskia
  • 18. Apr. 2025
  • 5 Min. Lesezeit
Trauriger Emoticon mit Reißverschluss als Mund

Und er rief die Leute zu sich und sagte: Hört und begreift: Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern das, was aus dem Mund des Menschen herauskommt, macht ihn unrein.


(Matthäus 15, 10-11)


Viele Eltern versuchen ihren Kindern beizubringen, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Eine häufig empfohlene Grundregel für die Unterscheidung lautet, dass gute Geheimnisse mit freudigen Gefühlen verbunden sind und kurz andauern, wie zum Beispiel das Vorbereiten einer Geburtstagsüberraschung, und schlechte Geheimnisse sich schwer anfühlen, Angst machen und lange anhalten, wobei Erwachsene häufig in erster Linie an sexuellen Missbrauch an Kindern durch Personen außerhalb der Familie denken.


Es kann vorkommen, dass Eltern diese Regeln vermitteln und ihnen nicht bewusst ist, dass sie selbst es sind, die ihren Kindern schwere Lasten durch Sprechverbote über Vorgänge innerhalb der Familie aufladen. "Petzen ist viel schlimmer als das, was der andere gemacht hat." "Was hinter unserer Tür passiert, geht draußen niemanden etwas an." "Das ist Familiensache." "Das bleibt unter uns!" "Wenn du das jemandem erzählst, dann..."


Diese widersprüchlichen Regeln können dazu führen, dass Kinder ein Bild von "schlechten Geheimnissen" entwickeln, das auf jeden Fall ein anderes sein muss als das, was sie in ihrem häuslichen Umfeld erleben. Es wird zu einer abstrakten Vorstellung, die fern der eigenen Realität ist. Sie können nicht erkennen, wenn sie tatsächlich in einer solchen Situation sind und ein schlechtes Geheimnis bewahren. Sie lernen zu schweigen, selbst wenn sie leiden. Das kann lebenslange Folgen haben.


Ist eine Unterscheidung zwischen guten und schlechten Geheimnissen auch unter Erwachsenen notwendig?


In Freundschaften, Partnerschaften und im Arbeitsumfeld wird Vertrauen grundsätzlich eine hohe Bedeutung zugemessen. Persönliche Erfahrungen, Ereignisse oder Empfindungen mit einer Person zu teilen, schafft Nähe und Verbundenheit. Sich jemandem gegenüber zu öffnen und etwas Geheimes anzuvertrauen, kann Einsamkeit entgegenwirken und die Qualität von Verbindungen erhöhen. Dabei verlässt man sich darauf, dass die andere Person nichts weitererzählt. Verschwiegenheit gilt als besonders positive Charaktereigenschaft, die Sicherheit gibt. Manche erfahren Geheimnisse aufgrund von Umständen und werden gebeten, diese für sich zu behalten. Im Arbeitsumfeld gibt es häufig Verschwiegenheitserklärungen oder eine rechtliche Schweigepflicht.


Was aber, wenn ein solches vertrauliches Wissen zur Belastung wird, sich schwer anfühlt, Angst macht und lange andauert?


Die Last kann durch Sorge um die andere Person entstehen. Einerseits stehen das Persönlichkeitsrecht, die Freiheit und Eigenverantwortung des Gegenübers ganz oben. Erwachsene Menschen müssen ihre eigenen Entscheidungen für sich treffen, dabei auch, was wer über sie wissen darf. Andererseits gibt es Grenzen, wenn Dritte gefährdet sind, oder in Frage gestellt werden muss, ob die Entscheidungen tatsächlich frei und willentlich vom anderen getroffen werden. Psychische oder physische Krankheiten oder Manipulation durch toxische Partner:innen bzw. Gruppierungen können zu selbstschädigendem Verhalten führen. Es ist für andere sehr schwer ersichtlich, ob beispielsweise ein Demenzkranker oder eine unter Depressionen leidende Person in einer bestimmten Lage Hilfe gegen ihren Willen benötigt, zum eigenen Schutz.

Einen weiteren inneren Konflikt kann die Selbstfürsorge verursachen. Wenn man seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt, um den Wunsch des anderen nach Geheimhaltung zu erfüllen, kann ein hoher Leidensdruck entstehen. Aus Loyalität schweigt oder lügt man, zieht sich zurück oder geht in der Vordergrund, um die andere Person zu decken. Bei starker emotionaler Verbundenheit möchte man vielleicht den anderen vor den Konsequenzen seines Verhaltens schützen. Man möchte weder jemanden verraten noch tratschen, auch wenn man selbst die Geheimhaltung für falsch hält.


Eine Beschränkung, etwas äußern zu wollen und es wegen eines Redeverbots oder aus Loyalitätsgründen nicht zu können, kann schwer belasten. An etwas "schwer zu schlucken haben" oder auch nur "etwas schlucken". Etwas "bleibt im Halse stecken", man hat einen "Kloß im Hals" oder es "schnürt einem den Hals zu", es "raubt einem den Atem", man ist "sprachlos", es "fehlen die Worte" oder es "verschlägt einem die Sprache". Es gibt viele Sprichworte, die auf die Engstelle zwischen dem Kopf (mit dem Verstand und den Sinnesorganen Ohren, Augen und Mund) und dem Körper (mit den emotionalen Wahrnehmungsbereichen Herz und Bauch) abzielen. Bei vielen Menschen kann man an der Stimme ganz deutlich die aktuelle Verfassung erkennen. Die Stimme ist ein emotionaler Seismograph. Über sie finden Emotionen einen Weg nach außen. Sprechverbote blockieren dieses Ventil.


Interessant finde ich in dem Zusammenhang das hebräische Wort "Nefesch", das über 700 mal im Alten Testament vorkommt und am häufigsten mit "Seele" übersetzt wird, aber gleichermaßen "Kehle" bedeutet. Es ist ein Wort, für das es keine exakte deutsche Entsprechung gibt. Es kann vielleicht mit "Sein" angenähert werden, denn in der Verwendung in der Bibel "hat" man keine Nefesch, sondern man "ist" Nefesch. An einigen Stellen in der Bibel sind "Nefesch" und "Durst" verbunden, was dann immer gleichzeitig die Kehle, die nach Wasser verlangt, und die Seele, die nach Gottes Liebe verlangt, ausdrückt. Das Wort umfasst das geistige und das körperliche Sein gleichermaßen.


In dem oben zitierten Satz aus dem Matthäusevangelium sagt Jesus, dass keine Speisen oder ungewaschene Hände den Menschen unrein machen können, sondern die Worte, die aus bösen Gedanke oder Absichten aus dem Mund herauskommen. Auch hier ist als Ort der Hals mit Speiseröhre und Stimmapparat angesprochen und eine enge Verknüpfung der körperlichen Funktion beim Essen und der geistigen Funktion bei den Äußerungen bedeutend. Das Zitat steht in einem Kontext, in dem es um die formalen Einhaltung von Satzungen und Überlieferungen einerseits und die wahrhafte Herzenshaltung andererseits geht.


Vielleicht kann man daraus eine Orientierung für den Umgang mit Loyalitätskonflikten aufgrund von Geheimhaltungsbitten ableiten. Wenn man sich selbst Fragen stellt: Spüre ich das auferlegte Schweigen schwer im Herzen, im Magen oder im Hals, in meiner Nefesch? Bewahre ich das Geheimnis trotz schädlicher Wirkungen, weil man einfach keine Geheimnisse verraten darf? Oder aus der anderen Perspektive: Was ist meine Absicht? Möchte ich dem anderen helfen bzw. mich schützen? Oder lockt es mich vielleicht doch eher, über das Wissen zu sprechen, um im Mittelpunkt zu stehen und Aufmerksamkeit zu bekommen? Oder treiben mich vielleicht Rachegelüste? Tratsche und lästere ich gerne mit anderen?


Es gibt es viele Anlaufstellen zum Beispiel bei dafür ausgebildeten Seelsorgern der Kirchen, bei staatlichen Beratungsstellen oder bei auf unterschiedliche Themen spezialisierten Vereinen, bei denen man vertraulich seine Situation besprechen kann und Rat und Begleitung erhält. Dort kann objektiv eingeordnet werden, ob es sich um ein "schlechtes Geheimnis" handelt. Auf diese Weise verrät man niemanden und missbraucht kein Vertrauen. Vielmehr schützt man sich selbst davor, durch Sprechverbote emotional missbraucht zu werden.


Und auch selbst lohnt es sich darauf zu achten, wann man jemand anderen darum bittet, etwas nicht weiterzuerzählen und warum. Erleichtere ich mich, indem ich mich jemandem anvertraue, und lade dieser Person gleichzeitig meine Last auf, indem sie es für sich behalten soll? Ist es vielleicht so, dass ich selbst weiß, dass mein Verhalten nicht richtig ist, und ich aus Angst vor den Konsequenzen jemand anderes um Stillschweigen bitte?


Schweigen ist keineswegs immer Gold. Und niemand wird "unrein" durch das Aussprechen eines belastenden Geheimnisses. Jeder sollte die Freiheit haben zu sprechen.



Gitterstäbe mit einer geschlossenen und einer geöffneten Hand



 
 
 

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