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Wie finde ich Gottes Willen? – Über Entscheidungen, Freiheit und Verantwortung im Glauben

  • 5. Juli 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 2. März

Geschwister unter einem Schirm – Bild für Schutz, Führung und Vertrauen

Von der sechsten Stunde an war Finsternis über dem ganzen Land bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?


(Matthäus 27,4546)



Entscheidungen prägen unser Leben


Wir alle müssen jeden Tag Entscheidungen treffen. Eine Entscheidung bedeutet, zwischen verschiedenen Alternativen diejenige auszuwählen, die einem übergeordneten Ziel am förderlichsten ist. Je klarer dieses Ziel ist, desto leichter fallen Entscheidungen. Das gilt sowohl für persönliche als auch für kollektive Entscheidungen, etwa in Unternehmen oder Institutionen. Betreibe ich beispielsweise einen Obst- und Gemüseladen, muss ich kaum abwägen, ob ich beim Großhändler Tomaten oder Tennisbälle einkaufe.


Schwieriger wird es bei Entscheidungen, bei denen unterschiedliche Zielsetzungen und Interessen aufeinandertreffen. In solchen Fällen müssen die verschiedenen Ziele gewichtet werden – es muss also erneut entschieden werden, welchem Anliegen welche Bedeutung zugemessen wird. Ein klassisches Beispiel ist die Urlaubsplanung: Faulenzen, Kultur oder Sport?


Ähnlich ist es bei Entscheidungen, die man grundsätzlich für richtig hält, die aber negative Konsequenzen für einen selbst oder andere haben können, etwa beim Melden eines Verdachts.


Nicht selten fallen Entscheidungen zwischen zwei grundsätzlich guten Möglichkeiten nicht 100:0 aus, sondern eher 51:49.


Wie Menschen Entscheidungen treffen – bewusst und unbewusst


Die Entscheidungstheorie ist ein übergreifendes Forschungsgebiet, das in vielen Fachrichtungen eine Rolle spielt, etwa in den Wirtschaftswissenschaften, Jura, Mathematik, Psychologie, Philosophie oder Soziologie. Entscheidungen von Unternehmensvorständen oder Richtern können weitreichende Konsequenzen haben, weshalb eine fundierte Herangehensweise unverzichtbar ist.


Doch auch ohne Kenntnis wissenschaftlicher Modelle durchlaufen Menschen meist intuitiv einen Entscheidungsprozess: sie erkennen die Notwendigkeit für eine Entscheidung, identifizieren das Ziel, sammeln und analysieren Informationen, stellen Handlungsalternativen gegenüber und treffen schließlich eine Wahl.


Ein Beispiel: Ich brauche ein Auto, mit dem ich möglichst umweltfreundlich weite Strecken zurücklegen kann. Dafür vergleiche ich Angebote verschiedener Hersteller, prüfe Nachhaltigkeit, Preis, Reichweite, Optik und gleiche alles mit meinem Budget und meinem Geschmack ab. Am Ende entscheide ich mich für ein Modell.

Oder ich komme aufgrund neuer Informationen zu dem Schluss, ganz auf ein eigenes Auto zu verzichten und Carsharing zu nutzen, weil dies meinem übergeordneten Ziel Umweltschutz am besten entspricht.


Ist Glaube auch eine Entscheidung?


Auch dem Glauben an Gott liegt eine Entscheidung zugrunde. Möchte ich selbst der Herr meines Lebens sein, oder bin ich bereit anzuerkennen, dass Gott Herr meines Lebens ist? Auch hier spielt das übergeordnete Ziel eine Rolle: Strebe ich nach absoluter Unabhängigkeit? Sehne ich mich nach der Nähe Gottes und seiner Gegenwart? Oder möchte ich vor allem einem möglichen Gericht entkommen?


Glaube und Vernunft


Im 17. Jahrhundert versuchte der Mathematiker, Physiker, Erfinder und Theologe Blaise Pascal eine rationale Entscheidungslogik auf eine metaphysische Frage anzuwenden. Daraus entstand sein als „Pascalsche Wette“ bekannt gewordenes Argument für den Glauben an Gott: Es sei immer die bessere Wette, an Gott zu glauben, weil der zu erwartende Gewinn, der durch Glauben an einen Gott erreicht werden könne, stets größer sei als der mögliche Verlust im Fall des Unglaubens. Oder wie er formulierte: „Wir wollen Gewinn und Verlust abwägen, setze du aufs Glauben. Wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts. Glaube also, wenn du kannst.“ (zitiert aus: Pensées – Gedanken).


Gottes Willen suchen – Wege nach innen


Im christlichen Umfeld hört man häufig, dass Menschen ihre lebensrelevanten Entscheidungen im Einklang mit Gottes Willen treffen möchten. Manche ziehen sich dafür eine Zeitlang in die Stille zurück, etwa in ein Kloster. Andere besprechen im Gebet ihre Gedanken mit Gott und hoffen auf eine Antwort. Beiden Wegen ist ein Horchen nach innen gemeinsam. Durch die Ausrichtung auf Gott wird eine innere Klarheit erhofft – ein theozentrischer Ansatz, bei dem Gott im Mittelpunkt steht.


Gottes Willen suchen – Wege nach außen


Andere Gläubige erwarten dagegen konkrete Zeichen von Gott und suchen intensiv danach. Manche schlagen die Bibel zufällig auf und deuten das erste gelesene Wort als Antwort Gottes. Andere stellen einer vertrauten Person Fragen und verstehen deren Worte als göttliche Botschaften. Wieder andere bitten um Führung durch den Heiligen Geist und orientieren sich dann stark an ihren spontanen Emotionen. Diese Herangehensweisen kennen viele Variationen. Alle haben gemeinsam, dass sie stärker nach außen als nach innen blicken.


Hier besteht die Gefahr des sogenannten Bestätigungsfehlers, der in der Psychologie gut bekannt ist. Dabei sucht das Gehirn unbewusst Bestätigungen für die eigene Neigung und die bestehenden Erwartungen. Vermeintliche Zeichen werden unabhängig vom Wahrheitsgehalt als Bestätigung für den eigenen Willen interpretiert – egozentrisch mit dem Ich im Mittelpunkt. So können zum Beispiel ein Vogel auf dem Fenstersims, ein Lied im Radio oder ein Regenbogen als Botschaft Gottes beliebig gedeutet werden.


Menschen, die auf diese Weisen Entscheidungen treffen, fürchten oft, die Verantwortung für eigenständige Entscheidungen zu übernehmen. Zudem wird es schwierig, eine Entscheidung zu korrigieren, wenn man überzeugt ist, sie aufgrund göttlicher Führung getroffen zu haben. Die Hürde, einen Irrweg zu verlassen, wird dadurch größer.


Freiheit und Verantwortung vor Gott


Ein weiterer bedeutender Denker, der sich mit Entscheidungen im Blick auf Gott beschäftigt hat, ist C. S. Lewis. In verschiedenen Werken stellt er die Frage, warum Gott sich nicht deutlicher zeigt, wenn Menschen ihn um Hilfe bei Entscheidungen bitten. Warum greift Gott so selten sichtbar ein? Warum ist die Führung Gottes nicht klarer? Eine mögliche Antwort lautet: weil Gott den Menschen sowohl ihre Willensfreiheit als auch ihre Handlungsfreiheit lässt.


Gott zwingt nicht, verführt nicht, bettelt nicht und manipuliert nicht – Gott kann nur werben. Gottes Ziel ist, dass die Menschen ihm aus freiem Willen und aus Liebe ähnlich werden. Dafür ist eine Reifung erforderlich, die die individuelle Persönlichkeit freilegt, die Gott für den einzelnen Menschen gedacht hat. Gott möchte dem wahrhaften Menschen begegnen. Würde Gott dem Menschen Entscheidungen abnehmen, würde er dessen Handlungsfreiheit und damit seine Persönlichkeit einschränken statt freizulegen. Eigene Entscheidungen, auch Fehlentscheidungen, sind daher für die Charakterbildung notwendig.


Lewis formuliert es so: Weil Gott will, dass die Menschen selbständig gehen lernen, muss er seine Hand von ihnen abziehen. Und wenn nur der Wille zum Gehen wirklich da ist, so freut er sich auch über ihr Stolpern (zitiert aus: Dienstanweisung für einen Unterteufel).


Orientierung an Jesus


Als Vorbild hat Gott den Menschen seinen Sohn Jesus gegeben. Wenn wir Entscheidungen treffen möchten, die auf Gottes Willen ausgerichtet sind, können wir uns an Jesus orientieren. Jesus lebte in völligem Einklang mit dem Willen des Vaters. Wer sich mit den Evangelien beschäftigt, verinnerlicht ein Gespür für Gottes Willen.


Bei Jesus sehen wir außerdem etwas ganz Wesentliches: Tiefe Beziehungen bestehen nicht nur in emotionalen Hochphasen. Gerade in Krisen zeigt sich ihre Qualität. Das gilt nicht nur für zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch für die Beziehung zu Gott. Sich in größter Verzweiflung nicht gegen Gott zu entscheiden, sondern auch in der Finsternis und im gefühlten Verlassensein in der Verbindung zu bleiben, durchzuhalten und zu seiner Entscheidung zu Gott zu stehen, bringt den Menschen näher zu Gott.


Ein erschütterndes Beispiel dafür ist Jesu Schrei am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Gott nicht zu sehen, ihn nicht zu begreifen und dennoch an ihm festzuhalten, ist der ultimative Ausdruck der Entscheidung für den Glauben und das Vertrauen in Gott. Eine solche Beziehung zu Gott verkraftet ohne Zweifel auch Fehlentscheidungen, Umwege und andere Krisenzeiten.


Vertrauen lernen – auch ohne klare Zeichen


Zum Glauben an einen allmächtigen Gott gehört auch das Vertrauen, dass Gott sich bemerkbar macht und lenkt, wenn er es für notwendig hält – und schweigt, wenn eine selbständige Entscheidung gefragt ist. Je klarer das übergeordnete Ziel ist, desto leichter fallen eigene Entscheidungen.


Mein persönlicher Maßstab


Wahrhaftigkeit und die Ausgewogenheit zwischen Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe sind meine persönlichen übergeordneten Ziele, an denen ich jede Entscheidung ausrichte.



Labyrinth im Klostergarten – Symbol für Entscheidungswege und geistliche Orientierung

 
 
 

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