Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? (Mt 27, 46)
- Saskia
- 5. Juli 2025
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Von der sechsten Stunde an war Finsternis über dem ganzen Land bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Matthäus 27, 45-46
Wir alle müssen jeden Tag Entscheidungen treffen. Eine Entscheidung zu treffen bedeutet, zwischen verschiedenen Alternativen diejenige auszuwählen, die einem übergeordneten Ziel am förderlichsten ist. Je klarer das Ziel ist, desto einfacher fallen Entscheidungen. Das gilt sowohl für persönliche als auch für kollektive Entscheidungen, zum Beispiel in Unternehmen und Institutionen. Betreibe ich beispielweise einen Obst- und Gemüseladen, benötigt die Entscheidung, ob ich beim Großhändler Tomaten oder Tennisbälle einkaufe, keine intensive Abwägung.
Schwieriger wird es bei Entscheidungen mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Interessen. In diesen Fällen müssen die unterschiedlichen Ziele gewichtet werden, also wiederum entschieden werden, welchem Anliegen welche Bedeutung zugemessen wird. Ein klassisches Beispiel ist die Urlaubsplanung: Faulenzen, Kultur oder Sport? Ähnliches gilt für Entscheidungen, die man grundsätzlich für richtig hält, die aber negative Konsequenzen für einen selbst oder andere Personen zur Folge haben können, zum Beispiel beim Melden eines Verdachts. Auch hier muss abgewogen werden. Nicht selten fallen Entscheidungen zwischen zwei unterschiedlichen, aber grundsätzlich guten Wegen nicht 100 : 0, sondern eher 51 : 49.
Entscheidungstheorie ist ein übergreifendes Forschungsgebiet, das in mehreren Fachrichtungen wie Wirtschaftswissenschaften, Jura, Mathematik, Psychologie, Philosophie, Soziologie und weiteren Disziplinen relevant ist. Entscheidungen von Unternehmensvorständen oder Richtern können weitreichende Konsequenzen haben, so dass eine qualifizierte Herangehensweise unverzichtbar ist.
Aber auch ohne Kenntnis der Modelle und Berechnungen der Entscheidungstheorie, durchlaufen Menschen in der Regel intuitiv einen Entscheidungsprozess: erkennen der Notwendigkeit für eine Entscheidung, identifizieren des Ziels, sammeln und analysieren von Informationen, darstellen und bewerten der Handlungsalternativen und treffen einer Wahl. Ein Beispiel: Ich brauche ein Auto, mit dem ich möglichst umweltfreundlich weite Strecken zurücklegen kann. Dafür suche ich nach den Angeboten verschiedener Hersteller, vergleiche Nachhaltigkeit, Preise, Reichweite, Optik usw., vergleiche es mit meinem Budget und meinem Geschmack und entscheide mich mit dem Kauf für ein Modell. Oder ich entscheide mich aufgrund der neuen Informationen, künftig auf ein eigenes Auto zu verzichten und Carsharing zu nutzen, weil dies dem übergeordneten Ziel Umweltschutz am förderlichsten erscheint.
Auch dem Glauben an Gott liegt eine Entscheidung zugrunde. Möchte ich Herr meines Lebens sein oder bin ich bereit anzuerkennen, dass Gott Herr meines Lebens ist? Auch bei der Glaubensentscheidung spielt das übergeordnete Ziel eine Rolle: Will ich absolute Unabhängigkeit? Habe ich das Verlangen nach der Nähe Gottes, nach seiner Gegenwart? Oder möchte ich einfach nur dem möglichen Gericht entkommen?
Blaise Pascal, ein Mathematiker, Physiker, Erfinder und Theologe, versuchte im 17. Jahrhundert, eine rationale Entscheidungsfindung auf eine metaphysische Frage anzuwenden. Dabei entstand sein als „Pascalsche Wette“ bekannt gewordenes Argument für den Glauben an Gott: es sei stets eine bessere Wette, an Gott zu glauben, weil der zu erwartende Wert des Gewinns, der durch Glauben an einen Gott erreicht werden könne, stets größer sei als der zu erwartende Wert im Fall des Unglaubens. Oder mit anderen Worten schrieb er: „Wir wollen Gewinn und Verlust abwägen, setze du aufs Glauben. Wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts. Glaube also, wenn du kannst.“ (zitiert aus: Pensées – Gedanken).
Im christlichen Umfeld hört man häufig, dass Menschen ihre lebensrelevanten Entscheidungen in Einklang mit dem Willen Gottes treffen möchten. Manche ziehen sich dafür eine Zeitlang in die Stille, zum Beispiel ein Kloster zurück, manche besprechen im Gebet mit Gott ihre Gedanken und erhoffen sich eine Antwort. Mit beiden Ansätzen ist ein Horchen nach innen verbunden. Durch die Fokussierung auf Gott wird eine innere Klarheit erhofft (theozentrisch – Gott im Mittelpunkt).
Andere Gläubige fordern ganz direkt Zeichen von Gott und suchen krampfhaft danach. Manche schlagen die Bibel zufällig auf und nehmen das erste erblickte Wort als Gottes Antwort auf ihr Anliegen. Manche stellen vertrauten Personen eine Frage und werten die Worte des Gegenübers als von Gott gesprochen. Wieder andere erflehen den Heiligen Geist und lassen sich dann von ihren kurzfristigen Emotionen leiten. Diese Herangehensweisen kennen viele Variationen. Alle haben gemeinsam, dass sie nach außen blicken statt ins eigene Innere, und in der Umgebung eine Antwort suchen. Das birgt die Gefahr des so genannten Bestätigungsfehlers, der in der Psychologie bekannt ist. Dabei sucht das Gehirn unbewusst Bestätigungen für die eigene Neigung und die eigenen Erwartungen. Vermeintliche Zeichen werden unabhängig vom Wahrheitsgehalt durch Interpretation als Bestätigung für den eigenen Willen benutzt (egozentrisch – ich im Mittelpunkt). So können zum Beispiel ein Vogel auf dem Fenstersims, ein Lied im Radio oder ein Regenbogen als Botschaft Gottes beliebig interpretiert werden. Menschen, die auf diese Weise Entscheidungen treffen, haben häufig Angst, die Verantwortung für eigenständige Entscheidungen zu übernehmen. Eine weitere Schwierigkeit zeigt sich dabei im Fall einer Fehlentscheidung: mit der Annahme, man habe die Entscheidung auf Gottes Einwirken hin getroffen, ist die Hürde sehr groß, umzukehren, wenn sich der Weg als Irrweg erweist. Die Wahrscheinlichkeit ist größer, am falschen Weg festzuhalten, als einzugestehen, dass man eine Fehlentscheidung getroffen hat, die man korrigieren kann.
Ein weiterer großer Denker, der sich mit Entscheidungen in Hinblick auf Gott beschäftigt hat, ist einer meiner Lieblingsschriftsteller C. S. Lewis. In verschiedenen Werken fragt er, warum sich Gott nicht mehr zeigt, wenn er von Menschen um Hilfestellung bei der Entscheidungsfindung gebeten wird. Warum macht Gott von seiner Macht so selten Gebrauch? Warum ist die Führung Gottes nicht klarer? Eine Antwort lautet: weil Gott den Menschen sowohl ihre Willensfreiheit als auch ihre Handlungsfreiheit lässt. Gott zwingt nicht, verführt nicht, bettelt nicht und manipuliert nicht. Gott kann nur werben. Gottes Ziel ist, dass die Menschen ihm ähnlich werden aus freiem Willen und aus Liebe. Dafür ist eine Reifung erforderlich, die die individuelle Persönlichkeit freilegt, die Gott für den einzelnen Menschen gedacht hat. Gott möchte dem wahrhaften Menschen begegnen. Dem Menschen Entscheidungen abzunehmen, würde seine Handlungsfreiheit und damit seine Persönlichkeit einschränken statt freizulegen. Das widerspricht dem Ziel Gottes. Eigene Entscheidungen, auch Fehlentscheidungen, sind für die menschliche Charakterformung notwendig. C. S. Lewis formuliert es so: Weil Gott will, dass die Menschen selbständig gehen lernen, muss er seine Hand von ihnen abziehen. Und wenn nur der Wille zum Gehen wirklich da ist, so freut er sich auch über ihr Stolpern (zitiert aus: Dienstanweisung für einen Unterteufel).
Als Vorbild hat Gott den Menschen seinen Sohn Jesus gegeben. Wenn wir Entscheidungen treffen möchten, die auf Gottes Willen ausgerichtet sind, können wir uns an Jesus orientieren. Jesus hat in völligem Einklang mit dem Willen des Vaters gelebt und gehandelt. Wer sich mit den Evangelien beschäftigt, verinnerlicht ein Gespür für den Willen Gottes. Bei Jesus sehen wir außerdem etwas ganz Wesentliches: starke Verbindungen haben nicht nur in emotionalen Hochphasen bestand. In den Krisen zeigt sich die Qualität von Beziehungen. Das gilt nicht nur für zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch für die Beziehung zu Gott. Sich in größter Verzweiflung nicht gegen Gott zu entscheiden, sondern auch in der Finsternis, im (gefühlten) Verlassensein in der Verbindung zu bleiben, durchzuhalten, zu seiner Entscheidung zu Gott zu stehen, bringt den Menschen näher zu Gott. Das erschütternde Beispiel ist Jesu Schrei am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Gott nicht zu sehen, ihn nicht zu begreifen und trotzdem an ihm festzuhalten, ist der ultimative Ausdruck der Entscheidung für den Glauben und das Vertrauen in Gott. Eine solche feste Beziehung verkraftet ohne Zweifel auch Fehlentscheidungen, Umwege und andere Krisenzeiten.
Vertrauen, dass Gott sich bemerkbar machen und lenken wird, wenn er es für notwendig hält, und schweigt, wenn eine selbständige Entscheidung ansteht, gehört zum Glauben an einen allmächtigen Gott. Je klarer das übergeordnete Ziel ist, desto einfacher fallen eigene Entscheidungen.
Wahrhaftigkeit und die Ausgewogenheit zwischen Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe sind meine persönlichen übergeordneten Ziele, an denen ich jede Entscheidung ausrichte.




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