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Er begann unterzugehen – Über Halt, Loslassen und Vertrauen

25. Okt. 2024
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 2. März


Vollmond über dunklem Meer mit Lichtspiegelung im Wasser

Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Petrus erwiderte ihm und sagte: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme! Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus. Als er aber den heftigen Sturm bemerkte, bekam er Angst. Und als er begann unterzugehen, schrie er: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

(Matthäus 14,26–31)


Wer oder was gibt dir Halt im Leben?


Als ich im Jahr 2020 begann, eine Verbindung zu meiner Kirchengemeinde aufzubauen, mich ehrenamtlich einzubringen und regelmäßig Gottesdienste zu besuchen, befand ich mich in einer sehr schwierigen Zeit. Aus meinem kirchenfernen Umfeld hörte ich mehrfach, ich würde wohl nur irgendwo Halt suchen und mich deshalb an dieses neue Umfeld klammern.


Es klang wie ein Makel. Wie eine Schwäche: Sie ist nicht stabil genug und braucht etwas zum Festhalten.


War es so?


Hat mir die Kirchengemeinde Halt gegeben?

Nein. Ganz im Gegenteil.

Aber die Erfahrung hat mich näher zu Gott geführt.


Die Sehnsucht nach Sicherheit


Die Frage, wer oder was im Leben Halt gibt, scheint so selbstverständlich, dass viele Menschen schnell antworten: ihre Familie, Freunde, Heimat, Arbeit oder ihr Glaube. Kaum jemand hinterfragt, ob ein solcher Halt überhaupt notwendig oder gut ist. Manche Menschen halten sich selbst für so stark und stabil, dass sie vollkommen unabhängig mit eigener Kraft "fest im Leben stehen".


Aber gibt es noch eine dritte Möglichkeit neben einem Halt in der Welt und der Ansicht, gar keinen Halt zu brauchen?


Loslassen als biblisches Motiv


Im Alten Testament geht es immer wieder um Fortgehen, Zurücklassen und Loslassen.

Lots Frau erstarrt zu einer Salzsäule, weil sie auf der Flucht vor einer Katastrophe trotz Warnung zurückblickt.

Abraham verlässt seine Heimat ins Ungewisse und ist später bereit, seinen geliebten Sohn Isaak loszulassen.

Das Volk Israel sehnt sich nach der Sicherheit der Gefangenschaft zurück.

Hiob verliert alles – Kinder, Diener und Besitz –, weil der Satan auf diese Weise seinen Glauben auf die Probe stellen will.


Auch im Neuen Testament nimmt das Thema Loslassen eine zentrale Rolle ein. Jesus fordert an vielen Stellen dazu auf, den Besitz zurückzulassen, die Familie zu verlassen, nicht an Vergangenem zu hängen. Maria lässt ihre Lebenspläne, die Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr gesellschaftliches Ansehen los („mir geschehe, wie du es gesagt hast“). Josef flieht mit Maria und dem Baby Jesus nach Ägypten, um das Kind zu schützen. Dafür lässt er sein Zuhause zurück. Die Jünger verlassen ihre Arbeit und ihre Familien, um Jesus zu folgen. Er schickt seine Jünger los ohne Geld, ohne Proviant oder sonstiges Gepäck. Jesus sagt über sich selbst, er habe keine feste Ruhestätte, anders als die Tiere im Nest oder in einer Höhle.


Zuletzt hält Jesus nicht einmal an seinem irdischen Leben fest.


Petrus auf dem Wasser


In der von Matthäus überlieferten Situation kommt Jesus über das Wasser zu den Jüngern, also ganz ohne festen Halt unter den Füßen. Die Jünger können diese „Haltlosigkeit“ nicht glauben und schreien vor Angst. Petrus wagt es, aus dem sicheren Boot auszusteigen und sich ohne Halt auf Jesus zuzubewegen. In dem Moment, als ihm das Fehlen des Halts im Sturm bewusst wird, bekommt er Angst. Er beginnt unterzugehen. Er ruft: „Herr, rette mich!“ – ein Eingeständnis, dass er sich aus eigener Kraft nicht retten kann. Jesus reagiert sofort und greift nach Petrus.

Es folgt der Tadel über dessen Kleinglauben und Zweifel.


Halt oder Hingabe?


Die genannten Personen aus den Erzählungen der Bibel suchen keinen Halt in der Welt. Keiner dieser Menschen besteht auf Unabhängigkeit und Leben aus eigener Kraft. Sie alle geben sich voll Vertrauen der Situation und dem Willen Gottes hin. Die Hingabe macht sie durchlässig für das Wirken Gottes.


Bedeutet das, dass jeder seine Familie, seine Heimat, seine Arbeit und seinen Besitz verlassen soll, wenn er christlich leben möchte?


Aus meiner Sicht geht es darum, sich bewusst zu machen, was einen nährt. Definiere ich mich über mein äußeres Umfeld? Oder nähre ich mein Ego durch Anerkennung, Besitz oder Zugehörigkeit? Habe ich Sehnsucht nach den Gaben statt nach dem Geber?


Wenn ich nicht im Außen verhaftet bin, kann ich mich auf Gottes Wirken in mir einlassen und zulassen, dass er mich Wege führt, die nicht meinen Plänen entsprechen. Und ja – im Zweifel führt das dazu, dass eine Entscheidung für Gott das Loslassen schädlicher Verbindungen, Anhaftungen und Vorstellungen erfordert. Auch verschiedene Arten von Sucht und Gier, egal ob nach Substanzen, Gefühlen, Tätigkeiten oder Ereignissen, sind Verhaftungen, die das Ego fesseln und den Menschen von Gott trennen.


Das ist kein einfacher Weg. Selbst Jesus wurde am Abend vor seinem Tod von Traurigkeit und Angst ergriffen und klagte „Meine Seele ist zu Tode betrübt“. Oft sind es langwierige innere Kämpfe, in denen die erlernten Muster durchbrochen werden, um loslassen zu können, was einer Loslösung bedarf – sei es auch nur der Wunsch nach etwas, das man in seinem Leben nie bekommen hat.


Mut statt Bedürftigkeit


Sich auf Jesus zuzubewegen, ist keineswegs eine Suche nach Halt aus Schwäche. Es ist ein mutiger Schritt: losgelöst von eigennützigen Motiven, allein auf das Eingreifen Gottes vertrauend, sich dem Geschehen hinzugeben. Eine solche Hingabe schenkt mehr als jede äußere Sicherheit. Und sie trägt die Gewissheit in sich: Gott lässt niemanden untergehen.




Person beim Tauchen schwerelos im Wasser







 
 
 

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