Er begann unterzugehen (Mt 14, 30)
- Saskia
- 25. Okt. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Dez. 2024

Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Petrus erwiderte ihm und sagte: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme! Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus. Als er aber den heftigen Sturm bemerkte, bekam er Angst. Und als er begann unterzugehen, schrie er: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
(Matthäus 14, 26-31)
Wer oder was gibt Dir Halt im Leben?
Als ich im Jahr 2020 begann, eine Verbindung zu der Kirchengemeinde meines Wohnortes aufzubauen, mich ehrenamtlich einzubringen und regelmäßig Gottesdienste zu besuchen, befand ich mich persönlich in einer sehr schwierigen Zeit. Aus meinem überwiegend kirchenfernen Umfeld hörte ich mehrmals, ich würde sicherlich nur irgendwo Halt suchen und mich deshalb an dieses neue Umfeld klammern. Es hörte sich an wie ein Makel, eine Schwäche: sie ist wohl nicht stabil genug und braucht irgendwas zum Festhalten.
War es so? Hat mir die Kirchengemeinde Halt gegeben? Nein. Ganz im Gegenteil. Aber die Erfahrung hat mich näher zu Gott geführt.
Die Frage, wer oder was im Leben Halt gibt, scheint so selbstverständlich, dass viele Menschen schnell antworten und ihre Familie, Freunde, Heimat, Arbeit oder ihren Glauben nennen. Selten wird die Annahme hinterfragt, dass ein Halt im Leben notwendig oder zumindest gut sei. Manche Menschen halten sich selbst für so stark und stabil, dass sie vollkommen unabhängig mit eigener Kraft "fest im Leben stehen". Aber gibt es noch eine dritte Möglichkeit neben einem Halt in der Welt und der Ansicht, gar keinen Halt zu brauchen?
Im Alten Testament geht es immer wieder um das Fortgehen, Zurücklassen und Loslassen. Schon im ersten Buch Mose erstarrt die Frau Lots zu einer Salzsäule, weil sie sich auf der Flucht vor einer Katastrophe trotz Warnung umdreht und zurückblickt. Abraham verlässt seine Heimat ins Ungewisse und ist später bereit, für Gott seinen geliebten Sohn Isaak zu opfern, ihn loszulassen. Das Volk Israel murrt nach der Befreiung aus Ägypten und wünscht sich wegen der sicheren Lebensmittelversorgung zurück in die Gefangenschaft. Ijob (= Hiob) wird alles genommen, was er hat: seine Kinder, seine Dienerschaft und sein Besitz, weil der Satan auf diese Weise seinen Glauben auf die Probe stellen will.
Auch im Neuen Testament nimmt das Thema Loslassen eine zentrale Rolle ein. Jesus fordert an vielen Stellen dazu auf, den Besitz zurückzulassen, die Familie zu verlassen, nicht an Vergangenem zu hängen. Maria lässt ihre Lebenspläne, die Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr gesellschaftliches Ansehen los ("mir geschehe, wie du es gesagt hast"). Josef flieht mit Maria und dem Baby Jesus nach Ägypten, um das Kind zu schützen. Dafür lässt er sein Zuhause zurück. Die Jünger verlassen ihre Arbeit und ihre Familien, um Jesus zu folgen. Er schickt seine Jünger los ohne Geld, ohne Proviant oder sonstiges Gepäck. Jesus sagt über sich selbst, er habe keine feste Ruhestätte, anders als die Tiere im Nest oder in einer Höhle. Zuletzt hält Jesus nicht einmal an seinem irdischen Leben fest.
In der von Matthäus berichteten Situation oben kommt Jesus über das Wasser zu den Jüngern, also ganz ohne festen Halt unter den Füßen. Die Jünger können diese "Haltlosigkeit" nicht glauben und schreien vor Angst. Petrus wagt es nach der Aufforderung Jesu, aus dem sicheren Boot auszusteigen und sich vollkommen ohne Halt alleine auf Jesus zuzubewegen. In dem Moment, als ihm das Fehlen des Halts im Sturm bewusst wird, bekommt er Angst und beginnt unterzugehen. Er ruft zu Jesus nach Hilfe, gesteht also ein, dass er sich aus eigener Kraft nicht retten kann. Jesus reagiert sofort und greift nach Petrus. Es folgt jedoch der Tadel über dessen Kleinglauben und Zweifel.
Die genannten Personen aus den Erzählungen der Bibel suchen keinen Halt in der Welt. Keiner dieser Menschen besteht auf Unabhängigkeit und Leben aus eigener Kraft. Sie alle geben sich voll Vertrauen der Situation und dem Willen Gottes hin. Die Hingabe macht sie durchlässig für das Wirken Gottes.
Bedeutet das, dass jeder seine Familie, seine Heimat, seine Arbeit und seinen Besitz verlassen soll, wenn er christlich leben möchte?
Aus meiner Sicht geht es darum, sich bewusst zu machen, was einen nährt. Brauche ich Ansehen, Gemochtwerden, materiellen Besitz oder Gruppenzugehörigkeit, um mich gut zu fühlen? Nutze ich Verstrickungen und Verbindungen aus, um mein Ego zu füttern, oder definiere ich mich über mein äußeres Umfeld? Habe ich Sehnsucht nach den Gaben statt nach dem Geber?
Wenn ich nicht im Außen verhaftet bin, kann ich mich jederzeit auf Gottes Wirken in mir einlassen und zulassen, dass Gott mich einen Weg führt, der nicht meinen Plänen entspricht. Und ja, im Zweifel führt das dazu, dass eine Entscheidung für Gott das Loslassen schädlicher Verbindungen, Anhaftungen und Vorstellungen erfordert. Auch verschiedene Arten von Sucht und Gier, egal ob nach Substanzen, Gefühlen, Tätigkeiten oder Ereignissen sind Verhaftungen, die das Ego fesseln und den Menschen von Gott trennen.
Das ist kein einfacher Weg. Selbst Jesus wurde am Abend vor seinem Tod von Traurigkeit und Angst ergriffen und klagte "Meine Seele ist zu Tode betrübt". Oft sind es langwierige innere Kämpfe, in denen die erlernten Muster durchbrochen werden, um das loslassen zu können, was einer Loslösung bedarf; sei es auch nur der Wunsch nach etwas, das man in seinem Leben nie bekommen hat.
Sich auf Jesus zuzubewegen, ist keineswegs eine Suche nach Halt aufgrund von Schwäche. Es ist ein mutiger Schritt, losgelöst von jedem eigennützigen Zweck, alleine auf das Eingreifen Gottes vertrauend, sich dem Geschehen hinzugeben. Eine solche selbstvergessene Hingabe ermöglicht eine Berührung mit Gott, die so viel mehr gibt, als jede Heimat, jede menschliche Zuneigung oder jede materielle Befriedigung je geben kann, und dazu die absolute Sicherheit, dass Gott einen niemals untergehen lässt.




Kommentare