top of page

Du aber, was richtest du deinen Bruder? (Röm 14, 10)

  • Saskia
  • 8. März 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Abrissbaustelle mit Trümmern und Kran

Du aber, was richtest du deinen Bruder? Und du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden doch alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen. Denn es steht geschrieben: So wahr ich lebe, spricht der Herr, vor mir wird jedes Knie sich beugen und jede Zunge wird Gott preisen. Also wird jeder von uns vor Gott Rechenschaft über sich selbst ablegen.


(Römer 14, 10-12)


In meiner späten Schulzeit, Ende der 90er Jahre, habe ich eine Hausarbeit über das Thema Sekten geschrieben. Ich recherchierte gründlich über Sekten, ihre Zielsetzungen und manipulativen Methoden. Die Thematik interessierte mich und ich steckte viel Zeit in diese Arbeit. Ich kann mich noch sehr gut an die Enttäuschung erinnern, als ich nur die Note 2 "gut" erhielt. Die Begründung empfand ich damals als äußerst unfair: der Lehrer hielt meine Arbeit für einseitig. Er sagte, ich hätte nur verurteilend über Sekten geschrieben, man müsse aber immer verschiedene Sichtweisen einnehmen und dürfe dem Leser keine Meinung vorgeben. Ich konnte damals nicht verstehen, warum ich etwas Positives über Sekten hätte schreiben sollen, von denen doch jeder wusste, dass sie falsch und schlecht waren. Die Paradoxie darin habe ich in dem Alter noch nicht erkennen können.


Trotz meines Ärgers habe ich mir die Kritik des Lehrers zu Herzen genommen und fortan für jede mir noch so unverständliche Meinung versucht, auch Pro-Argumente zu finden. Über sehr lange Zeit geschah das allerdings aus einer überheblichen Haltung. Ich hielt meine Sichtweise für die (einzig) vernünftige und statt andere Perspektiven aufrichtig nachzuvollziehen, suchte ich vielmehr nach Erklärungen, warum jemand anders denn so irren konnte, das Richtige nicht verstand oder zu stur war, um seinen Fehler einzugestehen. Mich fragte vor vielen Jahren sogar mal jemand, wie ich denn zu der Annahme käme, vorgeben zu können, was "richtig" ist.


Das, was man für richtig und wahr hält, das eigene Wertesystem und die Denkmuster, werden von klein auf geformt. Vor allem die Bezugspersonen in der Kindheit spielen dabei eine wesentliche Rolle. Im Idealfall wächst ein Kind in einem Umfeld auf, in dem die Entwicklung der eigenen Identität gefördert wird, Werte verlässlich vorgelebt werden und das Kind befähigt wird, andere Menschen zu respektieren, gleichzeitig eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und dafür einzustehen. Wenn ein Mensch aber in einem Umfeld mit Missbrauch, Manipulation und (psychischer) Gewalt aufwächst, kann ein verdrehtes Konstrukt entstehen, das dieser Mensch für "normal" und "richtig" hält, weil es eben das ist, was er von Beginn an gelernt hat. Für ihn scheint es richtig, aber meist passt es auf unterschiedliche Art nicht in die gesellschaftliche Norm. Auffälliges Verhalten und psychische Erkrankungen sind häufige Folgen. Eine solche Prägung kann innerhalb von Sekten erfolgen, in extremistischen Gemeinschaften, aber vermutlich viel häufiger ist dies in toxischen Familiensystemen der Fall.


Wird ein Betroffener (zum Beispiel in Reaktion auf die Folgewirkungen im Rahmen einer Therapie) damit konfrontiert, kann das einen regelrechten Schock verursachen. Nach Jahrzehnten zu begreifen, dass man zeitlebens durch massive Manipulation in eine erdachte Realität eines anderen Menschen gedrängt wurde, knallt wie eine Abrissbirne in das gesamte Denk- und Wertesystem, auf dem man sein Leben aufgebaut hat. Alles, was man bisher für richtig oder falsch gehalten hat, muss man neu bewerten und seine ganze Vergangenheit, jede Erinnerung neu einordnen. Was war Wirklichkeit und was nicht? Gleichzeitig erhält man die Erklärung für viele Dinge, die jahrelang einfach nicht verständlich waren. An diesem Punkt war ich vor gut drei Jahren.


Gaslighting ist der Begriff für die Art psychischen Missbrauchs, bei dem einem durch ständige subtile Einwirkung die eigene Wahrnehmung abgesprochen wird, so dass man seine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen irgendwann selbst grundsätzlich für falsch, lächerlich und unwahr hält. Dafür werden andauernd typische Sätze benutzt wie zum Beispiel "Das hast du wohl geträumt." "Mach dich doch nicht lächerlich." "Das wüsste ich ja wohl." "Das kann überhaupt nicht sein." "Du spinnst ja." "Wer soll es denn sonst gewesen sein?" usw. Der Täter oder die Täterin vereinnahmt das verunsicherte Opfer vollständig und benutzt es zur eigenen Aufwertung, Bestätigung, als Sündenbock und Ventil negativer Emotionen. Bedürfnisse des Opfers spielen keine Rolle, es ist ein Objekt. Die Person wird weitestgehend isoliert, bekommt Sprechverbot und wird kontrolliert, damit diese - ich nenne sie parallele Realität - aufrecht erhalten werden kann. Unter solcher psychischer Gewalt wird ein Kind im Kern der sich entwickelnden Identität, in seinem eigenen Willen, Selbstwert, Selbstachtung und Wahrnehmung eigener Bedürfnisse vollständig demontiert. Die Täter sind sich ihres eigenen Wirkens meist überhaupt nicht bewusst, sind oft selbst traumatisiert und in ihrer Kindheit Opfer von Gewalt geworden. Sie sind von ihrer subjektiven Realität absolut überzeugt und besitzen keine Fähigkeit zur Selbstreflexion. Und die Opfer können nicht erkennen, was passiert, weil es für sie Normalität ist.


Es ist ein langer Prozess, nach solch einer erschütternden Erkenntnis neu anzufangen, die eigene Identität zu finden, und Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, aber auch zu anderen Menschen zu wagen. Die Verunsicherung und das Misstrauen sind tief verankert. Wenn man Glück hat, trifft man auf Menschen, die mit Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Achtung neue positive Erfahrungen ermöglichen, die die alten Muster überschreiben.


Für mich ist es durch diese Erlebnisse heute sehr wichtig geworden, an jede Fragestellung zunächst ganz unvoreingenommen heranzugehen. In jedem Bereich, sowohl im privaten Umfeld als auch beruflich, habe ich immer den Anspruch, involvierte Personen und mich selbst dazu zu befähigen, auf einem belastbaren Fundament eine eigenständige Meinung bilden zu können. Der Weg dazu besteht im Sammeln von Informationen, Fakten und verschiedenen Sichtweisen ohne Bewertung. Ich möchte andere Meinungen hören und verstehen, ebenso möchte ich meine Gedanken, die mit Sicherheit immer durch meinen Glauben geprägt sind, äußern können. Genauso wie ich andere dabei ernst nehme, möchte ich ebenso ernst genommen werden. Ich beziehe immer die Möglichkeit ein, dass ich mich irren könnte. Die Erfahrung, felsenfest von etwas überzeugt zu sein, das sich als Resultat massiver Manipulation erweist, ist mir immer präsent. Anderen meine Meinung aufzudrängen, liegt mir absolut fern. Wohl aber freue ich mich, wenn andere sich für neue Perspektiven öffnen und ihre vielleicht festgefahrene Haltung hinterfragen. Das ist der Unterschied zwischen Inspiration und Manipulation.


Toleranz bedeutet für mich, die Menschwürde eines jeden Menschen zu achten. In ein kollektives Rufen gegen ein ausgemachtes "Feindbild", eine Partei, eine Gruppierung, eine Minderheit oder Menschen in einer bestimmten Lebenssituation, stimme ich nicht ein. Ob Rechts- oder Linksextreme, Erzkonservative oder Queere, Patriarchen oder Feministinnen, Sektenjünger oder Atheisten, Reiche oder Sozialhilfeempfänger, grundsätzlich steht überall zunächst ein Mensch mit einer Geschichte, die ich nicht kenne. Das bedeutet nicht, dass ich Verhalten, das anderen Menschen oder mir Schaden zufügt, schweigend hinnehme, ganz im Gegenteil. Ich setze klare Grenzen und distanziere mich von Verhaltensweisen und Gesinnungen, die meinem Anspruch an Wahrhaftigkeit und Nächstenliebe widersprechen. Durch meine Lebensweise und den Umgang mit meinen Mitmenschen zeige ich eindeutig, welche Werte ich lebe. Aber die Überheblichkeit, zu definieren, was objektiv "richtig" ist, habe ich abgelegt. Wenn ich schon kaum die Vielschichtigkeit und Paradoxien in mir selbst verstehen kann, wer bin ich, dass ich dann andere Menschen einteilen könnte in einen Dualismus von Freund oder Feind, richtig oder falsch, gut oder böse?

Zudem ist es manchmal sehr offensichtlich, dass Menschen gar nicht frei und aus tiefer Überzeugung eine extreme Position einnehmen. Sie sind ebenso Opfer von Manipulation und psychischer Gewalt, ohne es selbst zu merken. Ein Eingreifen in das Täter-Opfer-Gefüge ist in der Regel nicht möglich, solange der Leidensdruck des Opfers durch innere Widersprüche nicht so groß wird, dass es selbst den Willen zur Befreiung hat. Wenn es soweit ist, braucht es die verlässlichen und authentischen Menschen, die nicht verurteilen, sondern einem anderen helfen, aus dem Trümmerhaufen ein neues Fundament zu bauen.


Mein Kettenanhänger, den ich um den Hals trage, zeigt einen dreieckigen Spiegel. Dieser Anhänger soll mich daran erinnern, wie ich anderen Menschen begegnen möchte. Wie ein Spiegel möchte ich aufnehmen, was ich sehe, unverzerrt, urteilsfrei und ohne Analyse. Dennoch wirft ein Spiegel ein Bild zurück, in dem ein jeder selbst etwas über sich erkennen kann. Ein kleines durchgestanztes Herz steht für den liebevollen Blick in beide Richtungen. Auf der Rückseite des Anhängers ist - für andere nicht sichtbar - im gleichen Dreieck das Auge Gottes auf mich gerichtet.


Ich wünsche jedem, dass er die Stärke entwickelt, unabhängig von äußeren Stimmen und Einflüssen seine tiefe innere Richtung zu finden. Der Kern eines jeden Menschen ist die von Gott geschenkte Identität, die grundsätzlich liebend und gut ist. Die von Jesus geforderte Feindesliebe bedeutet für mich deshalb nicht, auf andere herabzublicken und vermeintlich wohlwollend für sie zu bitten, sie mögen doch erkennen, dass ich Recht habe und sie nicht. Sie bedeutet für mich, nie die Hoffnung und die Geduld zu verlieren, dass die, die anderen feindlich gesinnt sind, sich von äußeren Einflüssen und Bedürfnissen lösen, zu sich selbst finden und damit zu ihrem wahrhaftigen Ich. Wer mit seinem Innersten und damit auch mit Gott in Verbindung ist, richtet andere nicht und verachtet andere nicht. Wer eine Begegnung mit dem Göttlichen hatte, braucht nicht mehr gegen jemanden oder etwas zu sein, weil für ihn nur noch zählt, wofür er ist.



Frau im Spiegellabyrinth



 
 
 

Kommentare


bottom of page