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Durch und durch erkannt worden (1 Kor 13, 12)

  • Saskia
  • 18. Mai 2025
  • 4 Min. Lesezeit
Haus Gries im Frankenwald

Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.


(1 Korinther 13, 12)


Einmal im Jahr nehme ich an kontemplativen Exerzitien teil. Ich fahre dafür immer an denselben Ort im Frankenwald. Das Haus wird seit über 40 Jahren von Jesuiten als Exerzitienhaus genutzt und verfolgt den von Pater Franz Jalics SJ beschriebenen so genannten Grieser Weg. Die Kurse haben immer den gleichen Ablauf, jeder und jede beginnt immer neu mit der Gruppe mit der Hinführung zum kontemplativen Gebet bzw. Herzensgebet, unabhängig davon, wie oft man bereits dabei war. Meistens sind mindestens zwei Drittel der Teilnehmenden nicht zum ersten Mal dort.


Nach dem ersten Abendessen und einer Einführungsrunde begeben sich alle Teilnehmenden in die Stille. Gewünscht ist - und die meisten setzen das auch um - dass für die Dauer des Kurses geschwiegen wird, das Handy vollständig ausgeschaltet bleibt, nicht gelesen oder anderweitiger Beschäftigung wie fotografieren, malen oder schreiben nachgegangen wird. Man verbringt die Zeit in der Natur, in der Kapelle, beim gemeinsamen Essen oder an einem der vielen schönen Plätze des großen Grundstücks. Sehr gut ausgebildete und erfahrene Begleiter und Begleiterinnen stehen den Teilnehmenden in ihren ganz individuellen Prozessen zur Seite, die sich während der Exerzitien in der Regel zeigen.


Mich fasziniert diese Erfahrung immer wieder aufs Neue. In diesen Tagen wächst ein sehr bunt gemischter Haufen fremder Menschen jeden Alters, aus ganz Deutschland und den angrenzenden Ländern, verschiedener Konfessionen und mit den unterschiedlichsten Motivationen zu einer vertrauten, eng verbundenen und sich gegenseitig tragenden Gemeinschaft zusammen. Das passiert ganz ohne Worte, aber mit dem gemeinsamen Mittelpunkt Jesus Christus. Es dauert nur wenige Tage, bis man an den Blicken, Haltungen, am Gang oder dem Essverhalten spürt, wie es dem anderen geht. Es gibt dort keine Fassaden oder Darstellerei, in dieser schweigenden Gemeinschaft bekommt man eine Ahnung von dem authentischen Wesen des Gegenübers. Ich kenne keinen anderen Ort, an dem ich so viel Rücksichtnahme und Feinfühligkeit erlebe wie dort. Auf diese Weise entdeckt man wundervolle Menschen, mit denen man sonst vielleicht nie in Kontakt getreten wäre.


Zentraler Inhalt der Exerzitien (= Übungen) ist das kontemplative Gebet. Kontemplation ist eher ein Zustand als ein Tun. Das lateinische Wort contemplatio bedeutet 'Betrachtung, Anschauung'. Es geht aber keineswegs darum, etwas zu sehen, schon gar keine Visionen oder andere vermeintlich göttliche Zeichen. Auch sollte man kein Kopfkino ansehen, was vielen Teilnehmenden zu Beginn schwerfällt. Die Ablenkungen in den Gedanken sind einfach zu spannend. Deshalb übt man zu Beginn in der Natur zu schauen statt zu beobachten. Beobachten bedeutet immer Bewertung (Abgrenzung), Schauen beinhaltet Annahme (Beziehung). Der Unterschied wird vielleicht am Beispiel der sozialen Medien deutlich: Menschen sehnen sich danach, gesehen zu werden und mit anderen Menschen in Beziehung zu stehen, die tiefer blicken als bis zur Fassade und die sie nicht verändern wollen. Manche teilen viele persönliche Fotos aus ihrem Leben über ihr Smartphone, können auf diese Weise jedoch nur beobachtet werden. Es erfolgen Bewertungen, Vergleiche und kein Stillen der Sehnsucht nach Annahme. Beziehung geschieht nur im realen gegenseitigen Anschauen. Oder wie es ein Exerzitienbegleiter formuliert hat: Was wünschst du dir von Gott, dass er dich beobachtet oder dass er dich anschaut?


So kann man die Kontemplation auch als Sich-von-Gott-anschauen-lassen beschreiben. In der Kontemplation versuche ich, mich von allen Gedanken und jeder Wahrnehmung über die Sinnesorgane zu lösen, um Gott handeln zu lassen. Die Aufmerksamkeit liegt ganz auf Gott und dreht sich nicht um mich selbst. Ich nehme wahr, was kommt, lasse es da sein, werte nicht, beschäftige mich nicht weiter damit, verfolge keine Absicht, keinen Zweck und kämpfe gegen nichts, was sich zeigt. Ich staune immer wieder über den Prozess, der sich in diesen zehn Tagen ganz ohne mein Zutun ereignet. Es ist auf jeden Fall immer ein anderer als ich vorher erwarte. Gott erkennt mich durch und durch und entscheidet, ob gerade ein Thema dran ist und, wenn ja, welches. Auf diese Weise geschieht Befreiung und Heilung in einer sehr tiefen Ebene. Ich kann sagen, dass diese Erfahrungen in den vergangenen vier Jahren mich und mein Leben grundlegend verändert haben.


Wahrhafte Gottesliebe, Selbstliebe und Nächstenliebe geschehen und wachsen an diesem besonderen Ort ganz von selbst, ohne dass man sich darum bemühen oder sich dessen bewusst sein müsste. Alles, was man braucht, ist die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Die einzige Aufgabe, die man dort hat, ist, Gott machen zu lassen. Ein bekanntes Zitat von Ignatius von Loyola, auf den Exerzitien zurückgehen, lautet: "Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich ihm ganz überließen."


Am letzten Abend der Exerzitien gibt es eine Austauschrunde, bevor in einem gemütlichen Beisammensein das Schweigen beendet wird. In der Abschlussrunde äußerte ein Exerzitienbegleiter, dass dies für ihn die schönste Tätigkeit der Welt sei, weil er dabei Gott bei der Arbeit zusehen könne. Eine andere Person sagte zum Ende der Runde mit einer auf die Gemeinschaft zeigenden großen Geste und leuchtenden Augen als Fazit zu den Erfahrungen: "Wie kann man nur nicht an Gott glauben?!?"



Holzstele mit Spruch Garten





 
 
 

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