Sich von Gott anschauen lassen – Erfahrungen mit kontemplativen Exerzitien
- 18. Mai 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. März

Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.
(1 Korinther 13,12)
Ankommen in der Stille
Einmal im Jahr nehme ich an kontemplativen Exerzitien teil. Dafür fahre ich immer an denselben Ort im Frankenwald. Seit über vierzig Jahren wird das Haus dort von Jesuiten als Exerzitienhaus geführt und folgt dem von Pater Franz Jalics SJ beschriebenen Grieser Weg.
Der Ablauf der Kurse folgt einer klaren Methodik. In konkreten Übungsschritten führt er hin zum kontemplativen Gebet. Dabei beginnen alle gemeinsam – Anfänger und Erfahrene von Anfang an. Die Gruppe macht sich als Gemeinschaft auf den Weg.
Nach dem ersten Abendessen und einer Einführungsrunde beginnt das Schweigen. Für die Dauer des Kurses bleibt auch das Handy ausgeschaltet. Es wird nicht gelesen, nicht fotografiert, nicht geschrieben. Die Tage verbringen wir in der Kapelle, in der Natur, beim gemeinsamen Essen oder an einem der vielen schönen Plätze des großen Grundstücks.
Erfahrene Begleiterinnen und Begleiter stehen den Teilnehmenden in ihren sehr persönlichen Prozessen zur Seite – Prozesse, die sich in der Stille zeigen.
Eine Gemeinschaft ohne Worte
Mich fasziniert diese Erfahrung immer wieder neu. In diesen Tagen wächst eine bunt gemischte Gruppe fremder Menschen jeden Alters, aus verschiedenen Regionen und Konfessionen – mit jeweils ganz eigenen Beweggründen – zu einer vertrauten, sich gegenseitig tragenden Gemeinschaft zusammen.
Das geschieht ganz ohne Worte, aber mit einem gemeinsamen Mittelpunkt: Jesus Christus.
Schon nach wenigen Tagen spürt man an Blicken, an der Haltung, am Gang oder am Verhalten beim Essen, wie es dem anderen geht. Es gibt dort keine Fassaden und keine Darstellerei. In dieser schweigenden Gemeinschaft bekommt man eine Ahnung vom eigentlichen Wesen des Gegenübers.
Ich kenne keinen anderen Ort, an dem ich so viel Rücksicht und Feinfühligkeit erlebe. Auf diese Weise entdeckt man Wunderbares in Menschen, denen man im Alltag vielleicht nie näher gekommen wäre.
Schauen statt bewerten
Zentraler Inhalt der Exerzitien ist das kontemplative Gebet. Kontemplation ist weniger ein Tun als ein Zustand. Das lateinische Wort contemplatio bedeutet Betrachtung, Anschauung.
Dabei geht es nicht darum, etwas zu sehen – schon gar keine Visionen oder andere vermeintlich göttliche Zeichen. Auch sollte man kein Kopfkino ansehen, was vielen zu Beginn schwerfällt. Die Ablenkungen in den Gedanken sind einfach zu spannend.
Deshalb gehen wir in die Natur und üben, zu schauen statt zu beobachten. Beobachten bedeutet immer Bewertung und damit Abgrenzung. Schauen beinhaltet Annahme, also Beziehung.
Vielleicht wird der Unterschied im Blick auf soziale Medien deutlicher:
Wir alle sehnen uns danach, gesehen zu werden. Wir möchten in Beziehung stehen mit Menschen, die tiefer blicken als bis zur Fassade – und die uns nicht verändern wollen. Manche teilen viele persönliche Fotos aus ihrem Leben über ihr Smartphone. Sie können auf diese Weise jedoch nur beobachtet werden – verbunden mit Bewertung und Vergleich. Die Sehnsucht nach wirklicher Annahme bleibt dabei oft unberührt.
Beziehung geschieht nur im realen gegenseitigen Anschauen. Oder wie es ein Exerzitienbegleiter einmal formulierte:
Was wünschst du dir von Gott – dass er dich beobachtet oder dass er dich anschaut?
Sich von Gott anschauen lassen
Kontemplation lässt sich vielleicht am ehesten so beschreiben: sich von Gott anschauen lassen.
In diesen Zeiten versuche ich, mich von allen Gedanken und jeder Wahrnehmung über die Sinnesorgane zu lösen, um Gott handeln zu lassen. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Gott – nicht auf mich selbst. Ich nehme wahr, was kommt. Ich lasse es da sein, werte nicht, beschäftige mich nicht weiter damit, verfolge keine Absicht, keinen Zweck und kämpfe gegen nichts an.
Ich staune jedes Mal über das, was sich in diesen zehn Tagen ereignet – ohne dass ich es planen oder steuern könnte. Es verläuft nie so, wie ich es erwarte.
Gott erkennt mich durch und durch und zeigt mir, welches Thema gerade dran ist. Auf diese Weise erlebe ich Befreiung und Heilung in einer tiefen Ebene.
Diese Erfahrungen der vergangenen Jahre haben mich und mein Leben grundlegend verändert.
Gott machen lassen
Gottesliebe, Selbstliebe und Nächstenliebe lassen sich nicht herstellen. An diesem besonderen Ort erlebe ich, dass sie ganz von selbst wachsen können, ohne dass man sich darum bemühen oder sich dessen bewusst sein müsste.
Was es braucht, ist die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Mehr nicht. Die eigentliche Aufgabe ist: Gott machen lassen.
Ignatius von Loyola, auf dessen geistlichen Weg die Exerzitien zurückgehen, sagte:
„Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich ihm ganz überließen.“
Gott bei der Arbeit
Am letzten Abend der Exerzitien gibt es eine Austauschrunde, bevor in einem gemütlichen Beisammensein das Schweigen endet. In der Abschlussrunde erzählte einmal ein Exerzitienbegleiter, dass dies für ihn die schönste Tätigkeit der Welt sei – weil er hier Gott bei der Arbeit zusehen könne.
Eine Hausbewohnerin fasste ihre persönlichen Erfahrungen in Gries mit einer weiten Geste in den Raum und leuchtenden Augen zusammen: „Wie kann man nur nicht an Gott glauben?“




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