Vor Scham erröten (Ps 35, 4)
- Saskia
- 1. Nov. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Jan. 2025

Streite, HERR, gegen alle, die gegen mich streiten, bekämpfe alle, die mich bekämpfen! Ergreife Schild und Waffen; steh auf, um mir zu helfen! Schwing Speer und Lanze gegen meine Verfolger! Sag zu mir: Ich bin deine Hilfe! In Schmach und Schande sollen fallen, die mir nach dem Leben trachten. Zurückweichen sollen und vor Scham erröten, die auf mein Unglück sinnen. Sie sollen werden wie Spreu vor dem Wind; der Engel des HERRN stoße sie fort. Ihr Weg soll finster und schlüpfrig sein; der Engel der HERRN verfolge sie. Denn grundlos haben sie mir Grube und Netz versteckt, grundlos haben sie sie mir gegraben. Unvermutet ereile ihn das Verderben; und sein Netz, das er gelegt hat, fange ihn, er falle ins Verderben. Meine Seele aber wird jubeln über den HERRN und sich über seine Hilfe freuen.
Mit all meinen Gliedern will ich sagen; HERR, wer ist wie du?
(Psalm 35, 4-10)
Ich gehöre zu den vielen Menschen, denen von klein auf vermittelt wurde, dass negative Emotionen falsch oder gefährlich sind. Ärger und Wut zu äußern, wurde sofort bestraft. Aber auch Traurigkeit und Angst wurden entweder nicht ernst genommen oder als Strafe eingesetzt.
Zugleich haben andere Menschen ihre eigene Wut und Schmerz auf mir abgeladen in Form von körperlicher und psychischer Gewalt. Erst heute weiß ich, dass ich nicht der Grund ihrer Wut war, sondern einfach nur das schwächste verfügbare Wesen.
Der Mensch verfügt über Mechanismen, die das Überleben in extrem belastenden Situationen ermöglichen. Durch Dissoziation, also Abtrennung seelischer Vorgänge, können die Wahrnehmung und Erinnerung beeinträchtigt werden. Die überfordernden Erlebnisse werden dann vom Gehirn vollkommen ausgeblendet. In Notsituationen wie Unfällen kann das kurzfristig sehr hilfreich sein. Problematisch wird es, wenn der dissoziative Zustand dauerhaft anhält. Eine spezielle Art der dissoziativen Störungen ist das Depersonalisationssyndrom. Bei dieser Erkrankung geht die Verbindung zum eigenen Körper verloren und mit ihr die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen. Betroffene können dieses befremdliche Gefühl schwer in Worte fassen. Kurz zusammengefasst würde ich es als 'leblos gefesselt an einen fremden Körper' beschreiben. Von einer Perspektive außerhalb des Körpers beobachtet man sich selbst, hört seine eigene Stimme und führt Handlungen automatenhaft aus. Wenn zum Beispiel jemand einem eine traurige Nachricht erzählt, weiß man, dass man nun traurig sein müsste. Man zeigt die Reaktion, die erwartet wird, und fragt sich gleichzeitig, warum einem die Nachricht so vollkommen egal ist. Man fühlt es einfach nicht.
Mit entsprechender therapeutischer Hilfe ist es aber möglich, diese Krankheit in den Griff zu bekommen, so dass die dissoziativen Zustände seltener und kürzer werden. Auf diesem langen und mühsamen Weg habe ich neu gelernt, zu fühlen. Schritt für Schritt: Gefühl wahrnehmen, benennen und es aushalten. Gleichzeitig den eigenen Körper mit allen Sinnen wahrnehmen: Hunger, Müdigkeit, Schmerz usw.
So hat sich mit der Zeit meine Wahrnehmung vom Verstand immer mehr in den ganzen Körper ausgebreitet. Was ich fühle, fühle ich jetzt "mit jeder Zelle" und oft sehr intensiv. Hochsensibilität wird die Eigenschaft genannt, wenn Menschen mehr wahrnehmen als der Durchschnitt. Diese schon als Kind vorhandene Eigenschaft hat bei mir vielleicht begünstigt, dass mein Körper statt 'zu viel wahrzunehmen' auf 'gar nicht mehr wahrnehmen' umgeschaltet hat.
Eines der schwierigsten Gefühle ist für mich nach wie vor die Wut. Wut ist so mächtig, dass sie bei mir immer wieder mal zurück zur Depersonalisation führt. Gesellschaftlich ist Wut verpönt und in der katholischen Kirche wird Zorn sogar bei den Todsünden genannt. Dabei hat die allgemeine Wut auf Ungerechtigkeit, Missstände und Ignoranz auch eine positive Seite, weil sie anspornt, sich aktiv für Gerechtigkeit und ein besseres Miteinander einzusetzen. Aber was ist mit der Wut auf Menschen? Ich bin wütend! Ich bin wütend auf die Menschen, die mir Gewalt angetan haben, mich entwürdigend behandelt haben, mich für ihre Zwecke benutzt haben. Ich bin wütend, weil sie meinen Schmerz nicht wahrgenommen haben und keine Verantwortung übernehmen.
Wesentlich ist für mich eine Erkenntnis: die Wut ist ein wichtiger Teil von mir, der seinen Platz haben muss, aber sie ist nicht alles, es ist nur eine Farbe auf der Palette. Es gibt viele andere Gefühle neben der Wut. Ich habe Mitleid mit denselben Personen, weil sie selbst unter anderen gelitten haben und keine besseren Wege gefunden haben. Ich kann zusammen mit meinen Wunden auch die Verzweiflung und die Leere des anderen fühlen, seinen Wunsch, dass seine Schmerzen gesehen werden. Ich kann mit der Erniedrigung die Sehnsucht des anderen nach Liebe spüren. Liebe und Wut schließen sich nicht gegenseitig aus.
Zorn ist eine Emotion und Sünde ist eine Handlung. Es kommt also aus meiner Sicht darauf an, wie ich mit meinem Zorn umgehe, damit er nicht zur Sünde wird, ich also niemandem Schaden damit zufüge. Der Psalmist David richtet seinen Zorn an Gott und bittet ihn um Hilfe. Er fordert Vergeltung und Gerechtigkeit, wobei seine Gegner leiden sollen. Das tue ich ebenso. Ich adressiere meine Wut an Gott (manchmal nutze ich dabei auch einen Aggressionsübungsschläger :-) ). Gott kennt mich, er kennt die Situationen und er kennt den anderen. Ich vertraue darauf, dass Gott barmherzig und gleichzeitig gerecht ist. Ich glaube daran, dass bei Gott beides zugleich möglich ist: seine uneingeschränkte Liebe für ausnahmslos jeden und gleichzeitig die Notwendigkeit der Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln im irdischen Leben. Ich male mir aus, wie jeder eines Tages vor einem Gott steht, der einen mit bedingungsloser Liebe durchströmt, derweil man mit seinen irdischen Fehltritten konfrontiert wird. Alleine die quälende Scham und Reue vor dem liebevoll blickenden Gott könnte jeden selbst zu seinem eigenen härtesten Richter werden lassen.


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