Wenn Wut zurückkehrt – Über Dissoziation, Zorn und Verantwortung
- 1. Nov. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. März

Streite, HERR, gegen alle, die gegen mich streiten, bekämpfe alle, die mich bekämpfen! Ergreife Schild und Waffen; steh auf, um mir zu helfen! Schwing Speer und Lanze gegen meine Verfolger! Sag zu mir: Ich bin deine Hilfe! In Schmach und Schande sollen fallen, die mir nach dem Leben trachten. Zurückweichen sollen und vor Scham erröten, die auf mein Unglück sinnen. Sie sollen werden wie Spreu vor dem Wind; der Engel des HERRN stoße sie fort. Ihr Weg soll finster und schlüpfrig sein; der Engel des HERRN verfolge sie. Denn grundlos haben sie mir Grube und Netz versteckt, grundlos haben sie sie mir gegraben. Unvermutet ereile ihn das Verderben; und sein Netz, das er gelegt hat, fange ihn, er falle ins Verderben. Meine Seele aber wird jubeln über den HERRN und sich über seine Hilfe freuen.
Mit all meinen Gliedern will ich sagen: HERR, wer ist wie du?
(Psalm 35,4–10)
Negative Gefühle waren nicht erlaubt
Ich gehöre zu den vielen Menschen, denen von klein auf vermittelt wurde, dass negative Gefühle falsch oder gefährlich sind. Ärger und Wut zu äußern, wurde sofort bestraft. Aber auch Traurigkeit und Angst wurden entweder nicht ernst genommen oder als Strafe eingesetzt.
Zugleich haben andere Menschen ihre eigene Wut und ihren Schmerz auf mir abgeladen in Form von körperlicher und psychischer Gewalt. Erst heute weiß ich, dass ich nicht der Grund ihrer Wut war, sondern einfach nur das schwächste verfügbare Wesen.
Wenn der Körper abschaltet
Der Mensch verfügt über Mechanismen, die das Überleben in extrem belastenden Situationen ermöglichen. Durch Dissoziation – also Abtrennung seelischer Vorgänge – können die Wahrnehmung und Erinnerung beeinträchtigt werden. Die überfordernden Erlebnisse werden dann vom Gehirn vollkommen ausgeblendet. In Notsituationen wie Unfällen kann das kurzfristig sehr hilfreich sein. Problematisch wird es, wenn der dissoziative Zustand dauerhaft anhält.
Eine spezielle Form der dissoziativen Störungen ist das Depersonalisationssyndrom. Bei dieser Erkrankung geht die Verbindung zum eigenen Körper verloren und mit ihr die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen. Betroffene können dieses befremdliche Gefühl schwer in Worte fassen. Kurz zusammengefasst würde ich es so beschreiben: leblos gefesselt an einen fremden Körper. Von einer Perspektive außerhalb des Körpers beobachtet man sich selbst, hört seine eigene Stimme und führt Handlungen automatenhaft aus. Wenn zum Beispiel jemand einem eine traurige Nachricht erzählt, weiß man, dass man nun traurig sein müsste. Man zeigt die Reaktion, die erwartet wird, und fragt sich gleichzeitig, warum einem die Nachricht so vollkommen egal ist. Man fühlt es einfach nicht.
Fühlen lernen
Mit entsprechender therapeutischer Hilfe ist es möglich, diese Zustände in den Griff zu bekommen, sodass sie seltener und kürzer werden. Auf diesem langen und mühsamen Weg habe ich neu gelernt, zu fühlen. Schritt für Schritt: Gefühl wahrnehmen, benennen und es aushalten. Gleichzeitig den eigenen Körper mit allen Sinnen wahrnehmen: Hunger, Müdigkeit, Schmerz usw.
So hat sich mit der Zeit meine Wahrnehmung vom Verstand immer mehr in den ganzen Körper ausgebreitet. Was ich fühle, fühle ich jetzt „mit jeder Zelle“ und oft sehr intensiv. Hochsensibilität nennt man die Eigenschaft, mehr wahrzunehmen als der Durchschnitt. Diese schon als Kind vorhandene Eigenschaft hat bei mir vielleicht begünstigt, dass mein Körper statt „zu viel wahrzunehmen“ auf „gar nichts mehr wahrnehmen“ umgeschaltet hat.
Die Rückkehr der Wut
Eines der schwierigsten Gefühle ist für mich nach wie vor die Wut. Wut ist so mächtig, dass sie mich immer wieder mal zurück in die Depersonalisation führt. Gesellschaftlich ist Wut verpönt und in der katholischen Kirche werden Wut und Zorn sogar unter den Todsünden genannt. In einem anderen Text habe ich ausführlicher darüber nachgedacht, wann aus Wut die Todsünde IRA wird.
Der allgemeine Zorn auf Ungerechtigkeit, Missstände und Ignoranz kann auch eine positive Seite haben, weil er anspornt, sich aktiv für Gerechtigkeit und ein besseres Miteinander einzusetzen.
Aber was ist mit der Wut auf Menschen?
Ich bin wütend!
Ich bin wütend auf die Menschen, die mir Gewalt angetan haben, mich entwürdigend behandelt haben, mich für ihre Zwecke benutzt haben. Ich bin wütend, weil sie meinen Schmerz nicht wahrgenommen haben und keine Verantwortung übernehmen.
Wut und Zorn sind keine Sünde
Wesentlich ist für mich eine Erkenntnis: die Wut ist ein wichtiger Teil von mir, der seinen Platz haben muss, aber sie ist nicht alles – sie ist nur eine Farbe auf der Palette. Es gibt viele andere Gefühle neben der Wut. Ich habe Mitleid mit denselben Personen, weil sie selbst unter anderen gelitten haben und keine besseren Wege gefunden haben. Ich kann zusammen mit meinen Wunden auch die Verzweiflung und die Leere des anderen fühlen, seinen Wunsch, dass seine Schmerzen gesehen werden. Ich kann mit meiner Erniedrigung die Sehnsucht des anderen nach Liebe spüren. Liebe und Wut schließen sich nicht gegenseitig aus.
Wütend in den Himmel schreien
Wut ist eine Emotion. Sünde ist eine Handlung. Es kommt also aus meiner Sicht darauf an, wie ich mit diesem Gefühl umgehe, damit es nicht zur Sünde wird – damit ich niemandem Schaden zufüge. Der Psalmist David schreit seine Wut regelrecht in den Himmel. Er fordert von Gott Vergeltung und Gerechtigkeit, wobei seine Gegner leiden sollen. Das tue ich ebenso: Ich adressiere meine Wut an Gott. Gott kennt mich, er kennt die Situationen und er kennt den anderen. Ich vertraue darauf, dass er barmherzig und gleichzeitig gerecht ist. Ich glaube daran, dass bei Gott beides zugleich möglich ist: seine uneingeschränkte Liebe für ausnahmslos jeden und gleichzeitig die Notwendigkeit der Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln im irdischen Leben. Ich male mir aus, wie jeder eines Tages vor einem Gott steht, der einen mit bedingungsloser Liebe durchströmt – und zugleich mit den eigenen Fehltritten konfrontiert.
Allein die quälende Scham und Reue vor dem liebevoll blickenden Gott könnte jeden selbst zu seinem eigenen härtesten Richter werden lassen.




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