top of page

Zeiten und Fristen – Warum die Gegenwart der einzige Ort des Lebens ist

  • 12. Okt. 2024
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 2. März

Wolken in Form einer Taube am blauen Himmel

Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird.

(Apostelgeschichte 1,78)


Ewigkeit und Zeit


Gott ist ewig. Die Ewigkeit steht außerhalb der Zeit. Der Mensch dagegen lebt in der Zeit. Das ewige Leben – das Sein in Gottes Gegenwart – ist die Hoffnung der Gläubigen. Für unser menschliches Denken bleibt das eine Herausforderung, weil es unsere Vorstellungskraft übersteigt.


Lebenszeit – Besitz oder Gabe?


Das Leben in der Zeit bedeutet für Menschen mehreres:


Jedem Menschen wird eine Lebenszeit gegeben. Das ist die Zeit, von der viele behaupten, keine zu haben. „Ich habe leider keine Zeit“ bedeutet meist „Ich setze andere Prioritäten“. Man kann seine Lebenszeit als Eigentum betrachten – dann kann sie gestohlen, verschenkt, gespart oder verschwendet werden. Oder man versteht sie als Gabe Gottes, die wie die anvertrauten Talente verantwortungsvoll eingesetzt werden soll.


Veränderung gehört zum Leben


In der Zeit zu leben, bedeutet für den Menschen außerdem Veränderung. Die gesamte Schöpfung ist ständige Veränderung und gleichzeitig beständig in wiederholenden Zyklen: der Lauf der Sonne, Mondphasen, Gezeiten, Jahreszeiten, Lebenszyklen aller Lebewesen und Pflanzen usw. Viele Menschen unserer Gesellschaft haben die Achtung vor dieser ewigen Ordnung Gottes verloren. Zur Erfüllung der egoistischen Wünsche versuchen sie, die Zeit zu bekämpfen und zu manipulieren. Sie wollen keine Altersspuren am Körper, sie wollen Erdbeeren im Februar und Milch von Tieren jederzeit in unbegrenzten Mengen. Der Schaden, den wir im Kampf gegen die Ordnung der Schöpfung bereits angerichtet haben, ist unübersehbar.


Leben in der Vergangenheit


Das Bewusstsein des Zeit-Erlebens ist ein weiterer Aspekt des menschlichen Lebens in der Zeit. Die meisten Menschen unserer Gesellschaft verbringen den überwiegenden Teil ihres Erwachsenenlebens mit den Gedanken in der Vergangenheit oder in der Zukunft.


Die Vergangenheit ist uns teilweise bekannt und sie gibt uns unsere Identität, da uns alle Erfahrungen geprägt haben. Die Vergangenheit ist Wirklichkeit – aber sie ist unveränderlich. Manche Erinnerungen lassen uns nicht los: seelische Verletzungen, die immer wieder schmerzen, Fehler, für die wir uns immer noch schuldig fühlen, oder auch freudige Erlebnisse, die wir zurücksehnen. Wenn alte Erfahrungen als dauerhafte Spur ins Heute gezogen werden, entstehen Groll, Bitterkeit oder Reue. Manchmal dreht sich das Gedankenkarussell so lange, bis wir ohne Hilfe nicht mehr aussteigen können. Psychische Erkrankungen sind in manchen Fällen die Folge von unverarbeiteten Emotionen aus der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart wirken.


Leben in der Zukunft


Die Zukunft hingegen ist uns unbekannt. Wer ständig gedanklich in der Zukunft lebt, lebt in einer Illusion – nicht in der Realität. Ohne konkrete Anzeichen können Unfälle, Katastrophen, Krieg oder Krankheiten zu einer permanenten erdachten Bedrohung werden. Pläne in der Fantasie und stetes Warten auf etwas oder jemanden nehmen dem Leben die Fülle im Jetzt. Das Leben kann zu einer ewigen Suche nach dem Glück werden, zu einer ständigen Jagd nach dem Ende des Regenbogens. Das kann so weit gehen, dass die Vorstellung von dem höchsten Gut in der Zukunft und was oder wer man dort sein möchte, einem wie eine Erlaubnis erscheinen, in der Gegenwart Gebote zu missachten.


Jede Ideologie – ob politisch oder religiös – funktioniert nach demselben Muster: Eine erdachte bessere Zukunft rechtfertigt im Jetzt rücksichtsloses Handeln. Menschen, die gedanklich viel in der Zukunft leben, haben häufig das Verlangen, mehr zu wissen und beschäftigen sich mit (angeblichen) Sehern, Visionen, Prophezeiungen, Astrologie oder Esoterik. Wenn die Aufmerksamkeit sich auf die Vorstellung der Zukunft richtet, führt das in der Gegenwart zu Angst, Sorgen, Gier, Ehrgeiz, Ungeduld und Frust wegen unerfüllter Erwartungen.


Gegenwärtigkeit – Der Ort des Lebens


Wenn du hingegen mit deinem Bewusstsein gegenwärtig bist, nimmst du dich und deine Umwelt ganz unmittelbar und real wahr. Vom ganzen Körper ausgestrahlte Freude mit leuchtenden Augen und schnellem Atem spüren in dem Moment andere anwesende Menschen mit. Den Duft der Blumen am Wegesrand riechst du nur, wenn du präsent bist. Staunen über die Farben des Himmels und fühlen der Wärme der Frühlingssonne ist ebenso nur mit Gegenwärtigkeit möglich. In der Gegenwart findet das Leben statt. Liebe, Stille, Treue, Frieden, Freude und unmittelbare Emotionen brauchen gegenwärtiges Bewusstsein.


Kinder sind in der Regel ganz präsent in der Gegenwart, sie grübeln weder über gestern noch sorgen sie sich um morgen. Bei einem leidenschaftlichen Hobby, das uns erfüllt und bei dem wir „die Zeit vergessen“ können, sind wir gegenwärtig. Liebende, die sich ganz aufeinander einlassen, erleben gemeinsam intensiv den gegenwärtigen Augenblick.


Auch Gefühle wie Trauer, Wut und Schmerz haben ihren Platz in der Gegenwart, sofern sie zugelassen und ausgehalten werden. Wenn sie bewusst durchlebt werden, ist es wahrscheinlich, dass sie vollständig verarbeitet und abgeschlossen werden. Im bewussten Wahr- und Annehmen können selbst die negativen Gefühle aus der Vergangenheit im Jetzt verändert und aufgelöst werden. Wie schwer das sein kann – besonders bei wiederkehrender Wut – habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben.


Warum wir die Gegenwart verlieren


Leider verhindern Smartphones in der heutigen Zeit sehr oft die Wahrnehmung des Augenblicks. Zum einen bieten sie ständige Ablenkung mit Videos, Musik, Spielen und mehr. Viele Menschen können eine stille Zeit alleine mit sich oder in der Natur ohne Handy nicht mehr lange aushalten. Zum anderen werden besondere Momente statt erlebt lieber mit der Kamera festgehalten, um sie später als Erinnerung abzurufen, oder mit der Absicht, Aufmerksamkeit in sozialen Medien damit zu erreichen. Mit echtem Erleben hat das oft wenig zu tun.


Die Gegenwart als Ort der Gottesbegegnung


Die gegenwärtige Präsenz ist der einzige Bewusstseinszustand, in dem Gottes Nähe erfahren werden kann. Menschen berichten von solchen Augenblicken zum Beispiel in der einsamen Natur, auf langen Pilgerwanderungen oder in Notsituationen. Das kontemplative Gebet ist eine Form des bewussten stillen Verweilens im Augenblick. Im vollständigen „Da-Sein“ ist es möglich, eine Idee von der Ewigkeit zu bekommen. Auch über Jesus wird mehrfach berichtet, er habe Stille und Einsamkeit gesucht, um zum Vater zu beten.


Zeiten und Fristen – Jesu letzte Worte


An sehr vielen Stellen im Neuen Testament fordert Jesus dazu auf, die Vergangenheit loszulassen, sich nicht zu sorgen und immer bereit zu sein. Jesus lehrt, in der Gegenwart zu leben. Wachsam, treu, bereit und vertrauend. Bevor Jesus in den Himmel auffährt, sagt er: Zeiten und Fristen stehen euch nicht zu. Euer Fokus soll auf der Kraft des Heiligen Geistes liegen.


Es scheint Jesus wichtig zu sein, dass du dich darauf konzentrierst, wie du jetzt handelst, wofür du jetzt deine Zeit einsetzt, wie du jetzt mit deinen Mitmenschen umgehst, ob du jetzt eine Beziehung zu Gott suchst. Dass wir sterben werden, ist sicher. Wann weiß niemand. Es steht uns nicht zu, die Fristen unserer Lebenszeit zu erfahren.


Die Zeiten liegen nicht in meiner Hand. Das zu wissen genügt mir.



Sonnenuhr an der Außenwand einer Kapelle






 
 
 

Kommentare


bottom of page