Zeiten und Fristen (Apg 1, 7)
- Saskia
- 12. Okt. 2024
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Dez. 2024

Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird.
(Apostelgeschichte 1, 7--8)
Gott ist ewig. Die Ewigkeit ist außerhalb der Zeit. Der Mensch lebt in der Zeit. Das ewige Leben, also das Sein in der Gegenwart Gottes in Ewigkeit, ist die Hoffnung der Gläubigen. Für das menschliche Denken ist das eine Herausforderung, weil es die Vorstellungskraft übersteigt.
Das Leben in der Zeit bedeutet für Menschen mehreres:
Jedem Menschen wird eine Lebenszeit gegeben. Das ist die Zeit, von der viele behaupten, keine zu haben. "Ich habe leider keine Zeit" bedeutet jedoch viel mehr "ich habe eine andere Priorität". Man kann die Lebenszeit als sein Eigentum betrachten. Dann kann man sie gestohlen bekommen, verschenken, versuchen zu sparen oder empfindet seine Zeit bei guten Taten als Spende. Eine andere Sichtweise versteht die Lebenszeit als Ressource, die Gott dir zusammen mit anderen Gaben zur verantwortungsvollen Verwaltung zur Verfügung stellt. Dann wäre es die Aufgabe, diese ähnlich wie in den Gleichnissen über die anvertrauten Talente (Mt 25, 14-30 und Lk 19, 12-27) treu und ertragreich im Sinne Gottes einzusetzen.
In der Zeit zu leben, bedeutet für den Menschen außerdem Veränderung. Die gesamte Schöpfung ist ständige Veränderung und gleichzeitig beständig in wiederholenden Zyklen: der Lauf der Sonne, Mondphasen, Gezeiten, Jahreszeiten, Lebenszyklen aller Lebewesen und Pflanzen usw. Viele Menschen unserer Gesellschaft haben die Achtung vor dieser ewigen Ordnung Gottes verloren. Zur Erfüllung der egoistischen Wünsche versuchen sie, die Zeit zu bekämpfen und zu manipulieren. Sie wollen keine Altersspuren am Körper, sie wollen Erdbeeren im Februar und Milch von Tieren jederzeit in unbegrenzten Mengen. Der Schaden, den die Menschen im Kampf gegen die Zeit der Schöpfung durch ihren Eigenwillen bereits zugefügt haben, ist unübersehbar.
Das Bewusstsein des Zeit-Erlebens ist ein weiterer Aspekt des menschlichen Lebens in der Zeit. Die meisten Menschen unserer Gesellschaft verbringen den überwiegenden Teil ihres Erwachsenenlebens mit den Gedanken in der Vergangenheit oder in der Zukunft.
Die Vergangenheit ist uns teilweise bekannt und sie gibt uns unsere Identität, da uns alle Erfahrungen geprägt haben. Die Vergangenheit ist Wirklichkeit, jedoch unveränderlich. Es gibt Erinnerungen, die wir nicht loslassen können oder möchten. Das sind beispielweise seelische Verletzungen, die immer wieder schmerzen, Fehler, für die wir uns immer noch schuldig fühlen, oder auch freudige Erlebnisse, die wir zurücksehnen. Die früheren Erfahrungen als Erinnerungsspur ins Jetzt zu ziehen, erzeugt oft Groll, Bitterkeit, Rachegelüste, Schuldgefühle, Reue, Traurigkeit und weitere negative Gefühle. Manchmal kommen wir von dem Gedankenkarussell gar nicht mehr runter ohne Hilfe. Psychische Erkrankungen sind in manchen Fällen die Folge davon, dass in der Vergangenheit Emotionen nicht unmittelbar bewältigt werden konnten und sich bis in die Gegenwart auswirken.
Die Zukunft hingegen ist uns unbekannt. Mit den Gedanken in der Zukunft lebt man in einer Unwirklichkeit, einer Illusion, nicht in der Realität. Ohne konkrete Anzeichen können Unfälle, Katastrophen, Krieg oder Krankheiten zu einer permanenten erdachten Bedrohung werden. Pläne in der Phantasie und stetes Warten auf etwas oder jemanden nehmen dem Leben die Fülle im Jetzt. Das Leben kann zu einer ewigen Suche nach dem Glück werden, zu einer ständigen Jagd nach dem Ende des Regenbogens. Das kann so weit gehen, dass die Vorstellung von dem höchsten Gut in der Zukunft und was oder wer man dort sein möchte, einem wie eine Erlaubnis erscheinen, in der Gegenwart Gebote zu missachten. Jede Ideologie und jede extreme Gruppierung, egal ob in der Politik oder Religion, funktioniert mit der Denkweise, dass der Zweck für die erdachte Zukunft (z.B. bessere Welt schaffen, Platz im Paradies...) in der Gegenwart die Mittel heiligt (Rücksichtslosigkeit, Spaltung, Zerstörung, Ausbeutung, Mord...). Menschen, die gedanklich viel in der Zukunft leben, haben häufig das Verlangen, 'mehr' zu wissen und beschäftigen sich mit (angeblichen) Sehern, Visionen, Prophezeiungen, Astrologie oder Esoterik. Wenn die Aufmerksamkeit sich auf die Vorstellung der Zukunft richtet, führt das in der Gegenwart zu Angst, Sorgen, Gier, Ehrgeiz, Ungeduld und Frust wegen unerfüllter Erwartungen.
Wenn du hingegen mit deinem Bewusstsein gegenwärtig bist, nimmst du dich und deine Umwelt ganz unmittelbar und real wahr. Vom ganzen Körper ausgestrahlte Freude mit leuchtenden Augen und schnellem Atem spüren in dem Moment andere anwesende Menschen mit. Den Duft der Blumen am Wegesrand riechst du nur, wenn du präsent bist. Staunen über die Farben des Himmels und fühlen der Wärme der Frühlingssonne ist ebenso nur mit Gegenwärtigkeit möglich. In der Gegenwart findet das Leben statt. Liebe, Stille, Treue, Frieden, Freude und unmittelbare Emotionen brauchen gegenwärtiges Bewusstsein. Kinder sind in der Regel ganz präsent in der Gegenwart, sie grübeln weder über gestern noch sorgen sie sich um morgen. Bei einem leidenschaftlichen Hobby, das uns erfüllt und bei dem wir "die Zeit vergessen" können, sind wir gegenwärtig. Liebende, die sich ganz aufeinander einlassen, erleben gemeinsam intensiv den gegenwärtigen Augenblick.
Auch Gefühle wie Trauer, Wut und Schmerz haben ihren Platz in der Gegenwart, sofern sie zugelassen und ausgehalten werden. Wenn sie bewusst durchlebt werden, ist es wahrscheinlich, dass sie vollständig verarbeitet und abgeschlossen werden. Im bewussten wahr- und annehmen können selbst die negativen Gefühle aus der Vergangenheit im Jetzt verändert und aufgelöst werden.
Leider verhindern Smartphones in der heutigen Zeit sehr oft die Wahrnehmung des Augenblicks. Zum einen bieten sie ständige Ablenkung mit Videos, Musik, Spielen und mehr. Viele Menschen können eine stille Zeit alleine mit sich oder in der Natur ohne Handy nicht mehr lange aushalten. Zum anderen werden besondere Momente statt erlebt lieber mit der Kamera festgehalten, um sie später als Erinnerung abzurufen, oder mit der Absicht, Aufmerksamkeit in sozialen Medien damit zu erreichen. Mit dem Teilen von Freude in Wirklichkeit hat das wenig zu tun.
Die seltene gegenwärtige Präsenz ist der einzige Bewusstseinszustand, in dem man auf die Gegenwart Gottes treffen kann. Menschen berichten von solchen Augenblicken zum Beispiel in der einsamen Natur, auf langen Pilgerwanderungen oder in Notsituationen. Das kontemplative Gebet ist eine Form des bewussten stillen Verweilens im Augenblick. Im vollständigen 'Da-Sein' ist es möglich, eine Idee von der Ewigkeit zu bekommen. Auch über Jesus wird mehrfach berichtet, er habe Stille und Einsamkeit gesucht, um zum Vater zu beten.
An sehr vielen Stellen im neuen Testament fordert Jesus dazu auf, die Vergangenheit loszulassen, sich nicht zu sorgen und immer bereit zu sein. Jesus lehrt, in der Gegenwart zu leben. Wachsam, treu, bereit und vertrauend. Zu Beginn der Apostelgeschichte, bevor der auferstandene Jesus in den Himmel auffährt, sind seine letzten Worte an die Apostel und alle Anwesenden, dass Fristen und Zeiten sie nicht zu kümmern brauchen. Ihr Fokus soll auf der Kraft des Heiligen Geistes liegen. Es scheint Jesus wichtig zu sein, dass du dich darauf konzentrierst, wie du jetzt handelst, wofür du jetzt deine Zeit einsetzt, wie du jetzt mit deinen Mitmenschen umgehst, ob du jetzt eine Beziehung zu Gott suchst. Dass wir sterben werden, ist sicher. Wann weiß niemand. Es steht uns nicht zu, die Fristen unserer Lebenszeit zu erfahren. Ich vertraue dabei auf Gottes ewigen Plan und fürchte mich nicht.

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